Zukunft
16.07.2026

Was ist dran am Tiny-House-Trend?

Weniger Ballast, mehr Freiheit: Das erhoffen sich viele Menschen vom Leben in einem Tiny House. Ein Experte sieht den Wohntrend indes stark im Wandel. Er ermutigt zu Kreativität – und Hartnäckigkeit. 
    

Innenansicht eines Tiny House. Innenansicht eines Tiny House. Foto: © imago/Stephan Görlich

Acht Quadratmeter Glück: Ein zum Tiny House umgebauter Bauwagen, zwei Seiten vollverglast – mitten auf einer riesigen Wiese im brandenburgischen Naturpark Ihlow. Fünf Tage suchte Helene Jeschke aus dem gut 50 Kilometer entfernten Berlin hier Ruhe und Entspannung. „Ich reise immer mit möglichst kleinem Gepäck und mag im Urlaub spartanische, aber doch stilvolle Unterkünfte“, berichtet die Endvierzigerin. „Es ist eine gute Erfahrung, zu testen, mit wie wenig man auskommen kann und trotzdem eine wunderbare Zeit hat.“ 

Im liebevoll dekorierten Tiny House gibt es eine große Matratze, ein Waschbecken mit Schränkchen und einen Radiator. Toilette und Dusche sind 200 Meter entfernt auf dem dazugehörigen Biohof, der auch ein Café betreibt. „Für die paar Tage jetzt war es perfekt. Man lebt reduziert aufs Wesentliche – und das tut gut“, erzählt Helene. Und weiter: „Manchmal überlege ich schon, ob ein ,richtiges‘ Tiny House auch was für längerfristig wäre. Könnte ich mir schon vorstellen. Ich finde es faszinierend, mit wie viel Kreativität manche Tiny Houses konstruiert und eingerichtet sind – alles da, auf kleinstem Raum.“ 

Luftige Aufteilung auf wenig Raum

Christian Klerner kennt das Thema. Er und seine Frau Carolin Werner leben seit drei Jahren in einem Tiny House, inzwischen mit Tochter und Hündin. Er sagt: „Jeder Quadratzentimeter ist bis zum Ende durchdacht.“ Gemeinsam hat das Paar den Ratgeber „Vom kleinen Wohntraum zum fertigen Zuhause“ veröffentlicht. 

Fürs Interview nutzt Klerner das mit Multifunktionsmöbeln ausgestattete Kinderzimmer: „Dieser Raum hat eine Tür“, erklärt er, das Mädchen hält Mittagsschlaf auf einer Runde im Kinderwagen. Wenn sie wiederkommt, schnappt er sich den Laptop vom Kinderbett: „Dann ist hier kein Büro mehr.“ Dank dieser Flexibilität, offenem Grundriss und Obergeschoss schätzten Gäste die tatsächlich vorhandenen 42 Quadratmeter nicht selten auf 60 bis 70. 
    

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Herausforderung durch wenig Raum

Auf die Herausforderung durch wenig Raum würden sie vielleicht am häufigsten angesprochen, berichtet Klerner. Manche schilderten das Gefühl: „Sieht sehr schön und wertig aus, aber drin leben könnte ich nicht.“ Wer ein eigenes Musikzimmer, Werkstatt und Trockenraum wolle, für den sei ein Tiny House eher nichts. Mittelfristig funktioniere diese Wohnform nur für Menschen, „die das wirklich wollen“. Inzwischen bieten viele Buchungsplattformen auch Tiny Houses für Urlaube an; Probewohnen ist ebenfalls möglich. 

Denn: Das Interesse wächst. Bei der diesjährigen Messe „New Housing“ in Karlsruhe waren 6.000 Menschen, im Vorjahr – bei kühleren Temperaturen – sogar 9.000. Durchschnittlich wohnt jede Person in Deutschland auf 49,2 Quadratmetern, so das Statistische Bundesamt. Das würde laut Definition des Tiny-House-Verbandes gerade noch so als Tiny- oder Mikrohaus durchgehen; ab 50 Quadratmetern spricht man von Klein- oder Minihäusern.

Markt ist im Wandel

Dieser Markt ist im Wandel, sagt Klerner. Vor einigen Jahren hätten Anbieter „maximal durchdachte Fertighäuser“ verkaufen wollen: „ähnlich einem Camper mit vielen Klappmöglichkeiten, die wie ein Paar Schuhe allen passen sollten“. Das funktioniere jedoch selten. Heute setzten Hersteller verstärkt auf Module, individuelle Gestaltung – und auch verschiedene Lebensphasen. So hat der Bosch Health Campus unlängst ein „TinyCareHome“ vorgestellt, barrierefrei und mit digitalen Assistenten, die etwa Stürze bemerken. 

In den Anfangsjahren seien Tiny Houses vor allem bei Do-It-Yourself-Fans beliebt gewesen, oft verbunden mit dem Traum vom Ausstieg. „Mit so einem Mindset wird es – vorsichtig formuliert – schwierig, im deutschen Baurecht einen Platz zu finden“, sagt Klerner. Über diese Vorgaben bietet das 300-seitige Buch einen Überblick, ebenso zahlreiche praktische Tipps und Checklisten – und Fallbeispiele, die zeigen, was eben doch alles möglich sein kann. 

Klischeevorstellungen von Tiny-House-Bewohnern

Inzwischen dächten verstärkt Menschen über diese Wohnform nach, die beispielsweise naturnah leben wollen – nicht nur im Grünen, sondern auch möglichst nachhaltig. Solche, die Ruhe suchen; zum Arbeiten oder für ihren Lebensabend. Auch steigende Immobilienpreise spielen eine Rolle. Sie hätten in Franken zu hören bekommen: „Ach, die im Tiny House seid ihr? Ihr seid ja ganz normale Leute!“, erzählt der Mann mit markanter Kappe und blauem Hemd. Denn viele – auch in Behörden – dächten bei diesem Stichwort an „Bauwagen, Trailerpark, Kontrollverlust“. 

Große Städte dagegen nutzen Tiny Houses auch als Notunterkünfte für Obdachlose – mobil oder, wie in Berlin, in einer vorigen Festivalunterkunft. Klerner verweist zudem auf ein Projekt in Heidelberg: Für zehn Jahre wurde eine Fläche zur Zwischennutzung zur Verfügung gestellt, auf der 36 Tiny Houses entstanden sind. „Wenn der Wohnpark nicht verlängert wird, entsteht dort wieder eine Wiese – und die Häuser können bestenfalls rückstandsfrei umgezogen werden.“ 

Romantisierte Darstellungen in Social Media

Darum wünsche er jenen, die sich dieses Format ernsthaft vorstellen können, „dass sie dranbleiben“. Zwar vermittle Social Media romantisierte Vorstellungen – und dies werde mit künstlicher Intelligenz eher noch zunehmen, sagt der Experte. „Da wird man Bilder sehen, die gar nichts mit der Realität zu tun haben.“ Doch in Sachen Beratung und Fachwissen habe sich viel getan: bei Maklern, Architektinnen, in der Finanzierung auch bei Bauwilligen selbst, denen das Paar mit „Tinyon“ beratend zur Seite steht. 

Klerner hat kurz nach dem Einzug eine coronabedingte Quarantäne auf gut fünf Quadratmetern überstanden. Doch auch zum Schnuppern finden sich im Ratgeber viele Ideen und Inspiration für einen bewusst entschleunigten Lebenswandel. Wie die 30-Tage-Challenge: jeden Tag etwas ausmisten und spenden, verkaufen oder notfalls entsorgen, an Tag 1 eine Sache, an Tag 2 zwei und so weiter. Ein kleiner Schritt hin zu der großen Frage, die am Anfang des Buchs steht: „Was ist uns wirklich wichtig?“ 

Paula Konersmann


Innehalten - Buchempfehlung
Klerner, Christian Vom kleinen Wohntraum zum fertigen Zuhause
Verlag der Ideen, 2025
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KNA
Artikel von KNA
Katholische Nachrichten-Agentur
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