Jahrelang unschuldig in Haft
In Weißrussland saß der Menschenrechtler und Friedensnobelpreisträger Ales Bjaljazki jahrelang in Haft. In dieser Zeit half ihm das Gebet – und nach seiner Entlassung und Ausreise nach Westeuropa der feste Glaube an ein freies Belarus.
Ales Bjaljazki im April 2026 in Vilnius. Foto: © imago/ZUMA Press
Ales Bjaljazki kommt sich ein bisschen verrückt vor. Lachend erzählt er, dass bei ihm manchmal „die Instinkte einsetzen“, wenn er einen Supermarkt betritt. Er wolle einfach alles kaufen, „weil es dort drinnen praktisch nichts gab“. „Dort drinnen“ – das war die Strafkolonie in Belarus, in der er einsaß, ein Arbeitslager. Im Juli 2021 wurde Bjaljazki wegen Störung der öffentlichen Ordnung und angeblicher Steuerhinterziehung verhaftet. Menschenrechtsorganisationen sahen darin einen Vorwand. Sie erklärten Bjaljazki zu einem politischen Gefangenen, denn er unterstützte die Demokratiebewegung um Präsidentschaftskandidatin Swjatlana Zichanouskaja.
Im März 2023 wurde er erneut verurteilt: weitere zehn Jahre Haft wegen angeblichen Schmuggels und Störung der öffentlichen Ordnung. Dass ihm Monate zuvor in Abwesenheit der Friedensnobelpreis für seinen Einsatz für Menschenrechte in Belarus verliehen worden war, hielt das Gericht nicht davon ab.
Von Informationen abgeschnitten
In der Strafkolonie habe nicht nur seine Gesundheit gelitten, erzählt er. Als politischer Gefangener sei er von Informationen abgeschnitten gewesen: „Ich wusste kaum, was draußen geschieht. Im letzten Haftjahr habe ich nur einen einzigen Brief von meiner Frau erhalten. Nichts kam durch.“ Auch Pakete und Telefongespräche waren nicht gestattet.
Bjaljazki sagt, er habe in der Strafkolonie täglich Holz zu einer Maschine geschleppt, die daraus Bretter geschnitten hat, etwa für Parkett, das daraus hergestellt werde. Wer nicht genug gearbeitet oder nicht gegrüßt habe, nicht richtig rasiert gewesen sei oder sonst etwas gemacht habe, das der Lagerleitung missfiel, sei in Isolationshaft gekommen: „Dann hatte man kaum die Möglichkeit, mit jemandem zu sprechen, außer mit seinem Zellengenossen, wenn man einen hatte.“ Das seien oft Kriminelle gewesen: „Sie haben uns absichtlich schwierige Menschen in die Zelle gesetzt, um unsere Nerven zu strapazieren.“
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Für die Rechte politischer Gefangener
Derzeit zählen Menschenrechtsorganisationen über 900 politische Gefangene in Belarus. Doch die Liste sei unvollständig, „weil wir nicht alle kennen“, sagt Bjaljazki. Seit Beginn der 1990er Jahre kämpft er für Menschenrechte in Belarus, etwa für die Abschaffung der Todesstrafe. Nach dem Kommunismus setzte er sich für Religionsfreiheit und den Aufbau katholischer Gemeinden ein. Einige von ihnen entwickelten sich zu Treffpunkten für Oppositionelle. Mit der 1996 gegründeten Organisation Wjasna („Frühling“) engagierte Bjaljazki sich für die Rechte von politischen Gefangenen – und wurde selbst einer. Schon von August 2011 bis Juni 2014 verbüßte er die erste lange Haftstrafe wegen angeblicher Steuerhinterziehung.
Bjaljazki hätte wie so viele das Land verlassen können. Er sagt, nach den Massenprotesten im Jahr 2020 und 2021 seien je nach Schätzung 600 000 bis eine Million Menschen ausgewandert. Bjaljazki wollte nicht gehen: „Ich hatte das Gefühl, dass es Unrecht wäre.“ Er wollte die Protestierenden und die Inhaftierten vor Ort unterstützen. Viele Mitglieder von Wjasna arbeiten seit Jahren im Ausland. „Aber wir haben beschlossen zu bleiben, koste es, was es wolle.“ Wenn man etwas sehr schätzt, müsse man manchmal einen Preis dafür zahlen, sagt Bjaljazki: „Mein Preis für die Freiheit war Unfreiheit.“
Tägliches Abendgebet
Im vergangenen Dezember kam er mit 122 anderen Gefangenen auf Druck der USA vorzeitig frei. Das war überraschend, denn eigentlich hatte er wie hunderte politische Gefangene in Belarus keine Aussicht auf Entlassung. Wie hält man das aus? „Man hat nur die Möglichkeit, im Heute zu leben und zu versuchen, den heutigen Tag zu überstehen“, sagt Bjaljazki. Geholfen habe ihm das tägliche Abendgebet, die Solidarität unter den politischen Gefangenen und manchmal auch der Friedensnobelpreis. Er erzählt, dass andere mitgefangene Menschenrechtler mehr schikaniert worden seien als er: „Einige wurden geschlagen und manche starben, weil sie nicht rechtzeitig medizinische Hilfe bekamen.“
In seiner Haft sieht er einen Nutzen für die Freiheit, „auch wenn es paradox klingt“. Denn wenn Menschenrechtler im Gefängnis sitzen, „sagt das alles über die Menschenrechtslage in dem Land“. Auch Öffentlichkeit hilft. Organisationen wie Wjasna sorgen dafür, dass ihre Namen und Geschichten im In- und Ausland bekannt sind. Das Wissen darum hat auch Bjaljazki getragen. Darüber hinaus erhöhen die Informationen den Druck auf das Regime. „Man muss sprechen, sprechen, sprechen“, sagt Bjaljazki. „Das zwingt die Behörden, sich im Umgang mit den Gefangenen zu mäßigen.“
Rückkehr in ein freies Belarus
Er reist nun in Europa herum und hält Vorträge über die Lage in Belarus. Ende Mai traf er mit seiner Frau Natallia Pinchuk Papst Leo und übergab ihm einen Brief über die Situation der verfolgten Aktivisten. Ob er glaubt, dass es in seinem Land jemals Freiheit geben wird? „Ja, natürlich. Die Situation ist für die Machthaber sehr ungemütlich.“ Er selbst werde alles dafür tun, solange seine Kräfte reichen: „Ich glaube fest daran, dass ich nach Belarus zurückkehren werde – in ein freies Belarus.“



