Dieser Mann lässt sich einfrieren
Ein Ingenieur aus Südhessen sieht in der sogenannten Kryonik seine Chance auf ein zweites Leben. Ob die Konservierung bei minus 196 Grad jemals eine Wiederbelebung ermöglicht, ist aber völlig offen.
Ingeneur Benjamin Hoffmann hofft auf ein zweites irdisches Leben – und will seinen eigenen Körper sofort nach Eintritt des Todes konservieren lassen. Foto: © Christian Böhmer/KNA
Er fährt E-Scooter, ist gesund und noch weit vom Rentenalter entfernt. Doch Benjamin Hoffmann beschäftigt sich mit dem Sterben. Der gelernte Ingenieur hat ein ungewöhnliches Vorhaben: Er will den Tod als natürliche Grenze überwinden und sich eines Tages bei extrem niedrigen Temperaturen aufbewahren lassen.
„Kryonik“ – dieser Begriff steht für ein spezielles Gefrier- und Konservierungsverfahren: Nachdem ein Mensch gestorben ist, wird der Körper rasch gekühlt und das Blut durch eine Art Frostschutzmittel ersetzt. Mit dieser Prozedur sollen Zerfallsprozesse aufgehalten werden.
Kryonik-Verfahren ist umstritten
An dem Verfahren, das eine Chance auf ein zweites Leben eröffnen soll, scheiden sich die Geister. Wer länger leben wolle, habe mit der Kryonik die beste Option, werben Befürworter. Dahinter schimmert stets der uralte Traum vom ewigen Leben. Laut Kritikern aus der Medizin fehlen aber belastbare Belege, dass das Verfahren tatsächlich funktioniert. Unklar ist, ob es jemals möglich sein wird, konservierte Tote aufzutauen und wiederzuerwecken. Das weiß auch Benjamin Hoffmann, der sich als einen rational-nüchternen Menschen sieht.
„Die Wahrscheinlichkeit, dass eine Wiederbelebung nach dem Tod funktioniert, halte ich für gering“, räumt er gegenüber der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) ein. Für ihn sei es wie eine Wette. „Wenn man sich beerdigen oder verbrennen lässt, gibt es überhaupt keine Chance“, erklärt der 45-Jährige aus dem Südhessischen.
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„Chance größer als null“
Die Chance auf eine spätere Wiederbelebung ist größer als null, wie der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Angewandte Biostase (DGAB), David Peter-Gumbel, auf Anfrage erläutert. Eine Garantie gibt es freilich nicht.
Viele Faktoren sind maßgeblich für einen möglichen Erfolg: die Entwicklung der Technik, Gründe und Umstände des eigenen Todes, die Erstversorgung und Qualität der Konservierung. Und natürlich spiele auch der Wille der Menschen in der Zukunft eine Rolle, sagt Peter-Gumbel mit Blick auf eine mögliche Wiederbelebung. Sein Verband mit über 140 Mitgliedern sieht sich als bundesweit größte unabhängige Kryonik-Organisation.
Preise für Konservierung variieren stark
Der Vereinschef schätzt, dass etwa 350 Menschen in Deutschland auf die Kryokonservierung setzen. Er beruft sich unter anderem auf Mitgliederangaben von drei großen Anbietern, von denen zwei in den USA beheimatet sind. Die Preise für eine Langzeitkonservierung variieren zudem stark – je nach Lagerort und individuellen Wünschen: Sie liegen in einer Spanne von etwa 25.000 Euro bis 200.000 Euro.
Hoffmann kam nach eigenem Bekunden über einen Medienbericht zur Kryonik. Zuvor habe er das Thema nur aus Science-Fiction-Romanen und aus dem Fernsehen gekannt und es als Blödsinn abgetan. Dann sei ihm klar geworden, dass Menschen nicht einfach so in einen Gefrierschrank gelegt werden. Schon vor längerer Zeit wurde er Mitglied beim großen US-Anbieter Cryonics Institute. Jenseits des Atlantiks ist Kryonik schon seit Jahrzehnten ein Thema. „Eine europäische Lösung gab es damals noch nicht“, berichtet Hoffmann. Sein Körper wird nach dem Tod also in den Vereinigten Staaten gelagert werden.
Lebensversicherung als Schutz
Für die Versorgung schloss er eine Risiko-Lebensversicherung ab. Wenn diese im Alter von 67 Jahren ausläuft, will er genug Kapital erreicht haben, um die Konservierung absichern zu können. Er rechnet mit einem fünfstelligen Euro-Betrag. Bei anderen Anbietern müsse man tiefer in die Tasche greifen, wie er meint.
In den vergangenen zehn Jahren sei in der Kryonik viel passiert, resümiert Hoffmann, der bis zum vergangenen Jahr im DGAB-Vorstand saß. Es gebe mit dem Start-up Tomorrow Biostasis nun auch einen deutschen Anbieter – ein unterirdischer Betonbunker einer Schweizer Stiftung im Kanton Zürich dient als Lagerstätte.
Leiche wird sofort gekühlt
Das Berliner Unternehmen wirbt damit, beim nahenden Tod eines Mitglieds einen Krankenwagen auf den Weg zu bringen. Wenn Patient oder Patientin offiziell für tot erklärt sei, werde mit Eis und Wasser gekühlt. Nach dem Ersetzen des Bluts wird der Körper demnach in die Schweiz gebracht und dort schrittweise auf minus 196 Grad Celsius heruntergekühlt. Das Nachbarland wurde den Angaben zufolge gewählt, weil es besonders sicher und stabil ist. Körper werden in großen Behältern mit flüssigem Stickstoff aufbewahrt.
Debatten um die Kryonik gibt es schon länger. 2016 kam ein britisches Gericht dem Wunsch einer an Krebs verstorbenen Jugendlichen nach, sich nach dem Tod einfrieren zu lassen. Die 14-Jährige hatte erklärt, sie wolle länger leben und glaube, dass „Kryonik die Chance gibt, geheilt und aufgeweckt zu werden – und sei es in Hunderten Jahren“. Der britische Neurowissenschaftler Clive Coen bezeichnete damals die Stickstofflagerung von Menschen und eine anschließende Wiederbelebung als Wunschdenken. Bisher fehle ein Beweis, dass dieses Verfahren funktioniere. Er wies insbesondere auf Risiken für das Gehirn hin.
Kryoniker informierte Familie und Freunde
Ingenieur Hoffmann ist ungeachtet aller Fachdiskussionen davon überzeugt, dass sich der erhebliche Aufwand für ihn lohnt. Er informierte seinen Freundes- und Familienkreis über seinen Wiederbelebungs-Plan – Nachahmer hat er aber im direkten Umfeld bisher nicht gefunden.
„Meine generelle Hoffnung ist, dass es eine gute Zukunft gibt“, sagt er. Für eine Gesellschaft, die einmal entscheide, jemanden wieder zum Leben zu erwecken, werde das eine kostspielige Angelegenheit sein. Es müsse also einen Platz für die betreffende Person geben. „Ich würde versuchen, mich in diese Gesellschaft zu integrieren.“ Auf die Frage, wie das konkret aussehen könnte, hat auch Hoffmann als sorgfältiger Planer kaum Antworten. Die kommenden drei bis vier Jahre könne man vielleicht noch absehen, sagt er: „Aber was ist in 10, 20, 30 oder noch mehr Jahren?“
Christian Böhmer



