Pilgern: Sich selbst entgegenwandern
Melanie Wolfers ist über 8000 Kilometer gepilgert, davon 16-mal mit jungen Erwachsenen nach Assisi. Was sie dabei erlebt, warum Pilgern so viele fasziniert und wie „Beten mit den Füßen“ geht, erzählt sie hier.
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Es ist 4:50 Uhr. Leise klingelt mein Wecker. Im Dunkeln taste ich nach meiner Flöte, um die Pilgergruppe mit einem musikalischen Weckruf aus den Schlafsäcken zu locken. In aller Stille packen wir unsere Sachen, stärken uns und setzen die Rucksäcke auf. Die nächsten zwei Stunde gehört jeder und jedem Einzelnen: Schweigend wandern wir in den neuen Tag hinein ...
Seit vielen Jahren pilgere ich gemeinsam mit meinem Kollegen Andreas Knapp jährlich mit jungen Erwachsenen nach Assisi. Pilgern erlebt seit Langem einen wahren Boom, und die Zahl derer, die sich auf den Weg machen, wächst stetig.
Was fasziniert so viele Menschen am Pilgern?
Die Motive zum Pilgern sind so verschieden wie die Menschen, die mit einer Muschel am Rucksack losziehen. Manche lockt einfach das Abenteuer: Möglichst ungeplant loslaufen und sich überraschen lassen. Finde ich den Weg, ein Nachtquartier, umgängliche Weggefährtinnen? Andere fühlen sich angezogen vom Wunsch nach einfachem Leben und Ursprünglichkeit: Ich will wieder das Elementare spüren, Erde, Luft, Wasser, Sonne. Will weniger im Kopf und mehr in den Beinen sein und meinen Körper wahrnehmen.
Auf viele übt Pilgern eine geradezu magische Anziehungskraft aus, weil sie damit körperlich ausdrücken, was seelisch dran ist. Sie hoffen, dass das Unterwegssein ihnen hilft, auch innere Wandlungsschritte zu gehen: Dass ich im Aufbrechen auch eine seelische Stagnation überwinde. Dass ich beim Schreiten in die Weite auch innerlich weiterkomme. Und so Schritt für Schritt mir selbst entgegenwandere.
Ein kleiner Hinweis an alle, die mit dem Gedanken spielen zu pilgern: Wer unterwegs ständig mit der Heimat kommuniziert oder das Erlebte in sozialen Medien teilt, verpasst die Gelegenheit, sich von der digitalen Nabelschnur abzuschneiden und sich mit Haut und Haaren auf die analoge Wirklichkeit einzulassen. Deshalb steht in unserer Packanleitung für Assisi: Lass dein Handy ausgeschaltet – oder am besten gleich zu Hause.
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Mit leichtem Gepäck
Der Rucksack ist klein – und bald wird er noch leichter. Denn oft stellen Pilgerinnen und Pilger in den ersten Tagen fest, dass sie zu viel eingepackt haben, und reduzieren ihr Gepäck um so manches Kleidungsstück oder Buch.
Auch ich selbst erfahre beim Pilgern immer wieder, wie wenig ich letztlich brauche - und damit wirklich zufrieden bin!
Und so, wie im Rucksack nur Platz für das Nötigste ist, schärft sich unterwegs der Blick für das Wesentliche im Leben: Wohin zieht es mich? Was nährt mich? Welche Lasten trage ich mit mir herum? Mit wem bin ich unterwegs? Und mit wem will ich unterwegs sein?
[inne]halten - das Magazin 10/2026
Uralt und wunderschön
Eine einzigartige Lage, eine über tausendjährige Geschichte und eine romanische Kirche voller Schätze: Das ist Kloster Seeon.
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Im Einklang mit der Welt
Das lange Gehen tut nicht nur dem Körper gut, sondern auch der Seele. Bewegung hilft, was innerlich blockiert ist, in Fluss zu bringen. Wenn Gedanken und Gefühle sich verknotet haben, kann der Blick in die Weite – ins Tal, auf ferne Hügel – neue Perspektiven eröffnen. Sorgen relativieren sich, und neue Wege werden sichtbar. Kurz gesagt: Pilgern bringt körperlich und seelisch über den Berg!
Das ruhige Schritt-Tempo verbindet uns auch am engsten mit der Welt.
Denn beim Gehen kann unser Gehirn mit den Füßen Schritt halten – anders
als beim raschen Unterwegssein. Wir spüren den Wind in den Haaren, atmen
den Duft von wildem Lavendel, lauschen dem Gesang der Drossel… Die
Natur hilft zu fühlen, was es bedeutet, lebendig zu sein. Es weckt die
tiefe Einsicht: „Ich bin Leben, das Leben will, inmitten von Leben, das
Leben will.“ (Albert Schweizer) Ich bin Teil eines großen göttlichen
Ganzen. Und so wird für mich persönlich Pilgern zum „Beten mit den
Füßen“.
Zurück in den Alltag
So nähern
wir uns Tag für Tag dem Ziel. Nach zwei Wochen erreichen wir Assisi –
erschöpft, erfüllt, dankbar. Und ein wenig traurig, dass diese besondere
Zeit endet. Doch wir alle kehren mit einem Rucksack voller Erfahrungen
zurück. Und wenn ich nach Hause komme und in den Spiegel sehe, habe ich
oft den Eindruck: Ich bin mir selbst ein Stückchen ähnlicher geworden.
Und habe wieder Ausdauer – fürs Wandern und fürs Leben.



