Rituale
20.01.2026

Altes Handwerk

Hochbetrieb vor Lichtmess

Hans Hipp hat das Wachszieherhandwerk noch von seinem Vater gelernt. In einem Museum in Pfaffenhofen an der Ilm zeigt er, wie vor Lichtmess Kerzen entstanden, welche Rituale damit verbunden waren – und warum Bienenwachs bis heute eine besondere Bedeutung hat.
  

Hans Hipp mit einer Wachsfigur in Gebetshaltung. Sie sollte stellvertretend für ihren Stifter ständig ein Anliegen in einer Wallfahrtskirche vortragen. Hans Hipp mit einer Wachsfigur in Gebetshaltung. Sie sollte stellvertretend für ihren Stifter ständig ein Anliegen in einer Wallfahrtskirche vortragen. Foto: © SMB/Bierl

Regelmäßig steht Hans Hipp zwischen den beiden großen Trommelrollen, um die ein bis zu 60 Meter langer Meter Docht gewickelt ist. Zwischen den Trommeln steht eine Wanne mit flüssigem Wachs. Der 75-Jährige kurbelt dann den Docht langsam durch die Wanne und allmählich entsteht ein langer Kerzenstrang. So, wie das sein Vater früher auch gemacht hat. Das Wachs benötigt eine bestimmte Temperatur, darf weder zu fest noch zu flüssig sein. Hochbetrieb war die Zeit vor Mariä Lichtmess am 2. Februar. Das Fest, an dem bis heute die Kerzen für den Kirchengebrauch gesegnet werden. „Sie mussten zu 55 Prozent aus Bienenwachs bestehen, das war bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil Mitte der 1960er-Jahre Vorschrift“, erläutert Hipp, der das Handwerk noch gelernt hat. Heute wird ein Anteil von zehn Prozent verlangt. Kerzen zieht er allerdings nur noch, um die Herstellungstechnik an seine Söhne weiterzugeben, danach verschenkt er sie im Familienkreis. In Zukunft plant er auch öffentliche Vorführungen. 

Schließlich soll die Tradition in dem Haus im oberbayerischen Pfaffenhofen an der Ilm nicht untergehen. 1897 haben die Hipps dort den Wachs- und Lebzelterbetrieb übernommen, der sich bis ins ausgehende 16. Jahrhundert zurückverfolgen lässt. Die Handwerkerzunft hatte das Recht, alle Bienenerzeugnisse verarbeiten zu dürfen. Da die Familie nichts weggeschmissen hat, haben sich alte Werkzeuge und Modeln, also Formen für Wachsgüsse, erhalten. Hipp hat daraus ein kleines Museum mit Werkstatt gemacht, die in dem historischen Haus untergebracht sind. 

Die Verwandlung des Bienenwachses

Dort duftet es nach süßem Bienenwachs, das Hipp bis heute verwendet. Von Natur aus ist es gelb. Die an Lichtmess geweihten Kirchenkerzen haben allerdings weiß zu sein. Hipp erinnert sich noch gut, mit welchem Aufwand das früher verbunden war. Zunächst hat sein Vater den natürlichen Rohstoff aufgekocht und Verunreinigungen abgeschöpft. Dann goss er das Wachs in Bretter mit runden Vertiefungen. Die kamen in die Sonne, die das Material ausbleichte. „Wenn die benachbarte Brauerei spontan zum Sieden anheizte, mussten wir die Bretter ganz schnell in die Werkstatt bringen, damit kein Ruß das Wachs verunreinigt“, erzählt Hipp. Anschließend gab es für das weiße Wachs aber in jedem Fall noch einen weiteren „Kochwaschgang“.  

Am Lichtmesstag unternahm Hipp mit seinem Vater eine Autotour, um bei möglichst vielen Kerzenweihen dabei zu sein und sich das Ergebnis der mühseligen Arbeit vor Augen zu führen. Der Betrieb stellte auch verzierte Kerzen her. Eine davon schaut Hipp gerührt an: „Meine Kommunionkerze. Die hat der Vater mit einer Zange 620-mal gezwickt und dadurch mit einem einzigartigen Muster dekoriert.“ 
   

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Wachs als Zeichen der Bindung

Zum Lichtmesstag haben die Hipps aber nicht nur Kirchen bedient. Im Laden verkauften sie auch geschmückte Wachsstöcke. Dabei wird ein dünner Kerzenstrang zu einem Block gewickelt und verziert. Mit Bildern, Flitter, Kunstblumen oder sogar figürlichen Darstellungen aus Wachs. Damit haben sich vor allem Knechte bei den Mägden für kleine Alltagsarbeiten bedankt, insbesondere das Aufschütteln und das Auswechseln des Bettstrohs. In etlichen bayerischen Regionen überreichten Bauern auch ihrem Personal solche Wachsstöcke am Lichtmesstag. Da es am 2. Februar die Dienststellen wechseln konnte, war die Gabe auch die Aufforderung zu bleiben, ein Vertragsangebot. 

Hipp holt ein besonders aufwändiges Exemplar aus einem Kasten: Es hat die Form eines Gebetbuches. Klappt man es auf, ist dort die heilige Familie als Wachsfigurengruppe zu erkennen. „Das war möglicherweise mehr als nur eine Geste der Dankbarkeit, sondern vielleicht sogar ein Heiratsantrag eines wohlhabenden Mannes“, sagt er und stellt das kostbare Stück neben eine Reihe von Votivgaben aus Wachs.

In dem kleinen Museum in Pfaffenhofen an der Ilm sind auch Wachsstöcke und Votivgaben aus Wachs erhalten. In dem kleinen Museum in Pfaffenhofen an der Ilm sind auch Wachsstöcke und Votivgaben aus Wachs erhalten. Foto: © SMB/Bierl

Bitten aus Wachs

Denn das kostbare Material war eine beliebte Opfergabe, um bei körperlichen Gebrechen oder Krankheiten um göttlichen Beistand zu bitten. In dem kleinen Museum sind Arme, Beine und sogar zwei Lungenflügeln aus Wachs zu sehen. Auch eine Reihe von Kröten ist darunter. Das geht unter anderem auf den antiken Philosophen Platon zurück, der sich die Gebärmutter nicht als Organ, sondern als selbständiges Lebewesen in Gestalt einer Kröte vorstellte. 

Vielfach haben die Hilfesuchenden auch Figuren in Gebetshaltung geopfert, die stellvertretend für ihre Stifter ständig ein Anliegen in einer Wallfahrtskirche vortragen sollten. Solche Votivgaben hat der Wachszieher üblicherweise mit Modeln angefertigt. 80 sind in Hipps Sammlung erhalten. „Meine Vorfahren haben sie immer an unruhigen Plätzen aufbewahrt und regelmäßig bewegt, damit keine Holzwürmer hineinkommen.“ 

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Handwerk in jahrhundertealten Spuren

Darum haben sich bei ihm sogar Formen aus dem 17. Jahrhundert erhalten. Manche Sammlungsstücke gießt er bis heute immer wieder aus. Auch das ein komplizierter Vorgang. Früher haben die Handwerker das Model vor dem Ausgießen in kaltes Wasser gestellt. Heute benutzt Hipp ein Trennmittel, damit das Wachs nicht an der Form haften bleibt oder feinziselierte Stellen dauerhaft verstopft, und er gießt es vorsichtig in mehreren Schichten auf. 


Besonders Bienenwachs will eben mit Sorgfalt behandelt sein. Symbolbeladen ist es nicht allein, weil es Licht spendet. Die Volkskunde spricht von einer „Stoffheiligkeit“. Schließlich stammt das Wachs von der Biene und die ist ein altes Mariensymbol. Denn nach einer alten Vorstellung sammelt sie ihre Brut aus den Blüten und bringt sie so jungfräulich hervor. Zudem war sie wegen ihrer unermüdlichen Arbeit Zeichen für die christliche Tugend der Hoffnung. Dabei entsteht eben auch der Stoff, der Licht in die Welt bringt, und das ist der Kirche am 2. Februar ein eigenes Fest wert.


Das Museum von Hans Hipp ist in der familienbetriebenen Konditorei in Herzen von Pfaffenhofen zu finden. Es ist täglich von 9 bis 18 Uhr zugänglich. Hans Hipp bietet auch Führungen an.
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Alois Bierl
Artikel von Alois Bierl
Chefreporter und Kolumnenautor
Beschäftigt sich mit wichtigen Trendthemen wie Spiritualität.