Krippen ohne Jesuskind
Das Leben von Jesus umfasst mehr als seine Geburt im Stall und die Huldigung der Heiligen Drei Könige. Es gehört auch der Tod am Kreuz dazu. Darum sammelt Ryszard Sedlacek auch Passionskrippen, die früher in Deutschland und Italien verbreitet waren.
Ryszard Sedlacek vor einer Beweinungsszene des international renommierten Keramikkünstlers Sabino Tupa Llavilla aus Peru. Foto: © SMB/Bierl
Herr Sedlacek mag keine halben Geschichten. Schon gar nicht, wenn es sich um eine der wichtigsten Erzählungen der Menschheit handelt, der von Jesus Christus. Der 76-jährige sammelt Krippen, aber eben nicht nur Weihnachtsdarstellungen, sondern auch Passionskrippen, die das Leiden und den Tod des Mannes aus Nazareth zeigen: „Sich nur auf die Geburtsszene zu beschränken, das ist ja inkonsequent, ich will den Anfang und das Ende haben.“ In seinem Wohnzimmer hat Ryszard Sedlacek eine mächtige Keramikarbeit des peruanischen Künstlers Sabino Tupa Llavilla stehen, weil er gerade keinen anderen Platz für sie hat. Der größte Teil der Sammlung ist in einem Nebengebäude seines Murnauer Hauses untergebracht, der Rest auf Freunde in der Nachbarschaft und in Tirol sowie auf das Salzburger Bibelmuseum verteilt.
Nun kommt er also jeden Tag mehrere Male an der „Beweinung“ von Llavilla vorbei, einer Tonskulptur, die unter den weiten Begriff der Passionskrippe fällt. „Ich kann schon verstehen, dass sich andere Leute, so etwas nicht jeden Tag anschauen wollen“, gibt der Sammler zu. Aber er ist von den ausdrucksstarken Figuren des toten Christus und seiner klagenden Mutter immer wieder aufs neue gebannt. Die großen Hände, die verdrehten Gliedmaßen, die vom Schmerz verzerrten Gesichter, die sich im wechselnden Tageslicht immer wieder verändert zeigen – oft bleibt er minutenlang davor stehen: „Wie jedes überzeugendes Kunstwerk hat es halt eine spirituelle Dimension“, sagt Sedlacek und legt vorsichtig eine Hand auf das sorgfältig modellierte Haupt der verzweifelten Maria.
Formenvielfalt anderer Kulturen
Knapp 500 Krippendarstellungen hat der gelernte Kommunikationsdesigner zusammengetragen. Ja, räumt er ein, die meisten geben die Weihnachtsevangelien wieder, aber ein Fünftel befasst sich mit dem Geschehen der Karwoche. Krippen, die in der Regel ohne Jesuskind auskommen, außer sie erzählen das gesamte Leben Christi von der Geburt bis zur Himmelfahrt. Sedlacek sammelt nahezu ausschließlich Werke von zeitgenössischen Künstlern und Handwerkern aus Lateinamerika sowie zum Teil aus West- und Ostafrika: „Ich wohne ja in der Nähe von Oberammergau mit seinen vielen Holzschnitzern, da sind mir die künstlerischen Herangehensweisen zu vertraut.“ Er lässt sich lieber von der Material- und Formenvielfalt anderer Kulturen herausfordern.
Kleine Kreuzigungskrippe aus Peru des Künstlers Maximiniano Ochante Lonzano. Foto: © SMB/Bierl
Folter mit Wasserspritze
Dabei waren sie im 18. und 19. Jahrhundert besonders im Alpenraum, aber auch in Neapel durchaus üblich. „Das ganze Kirchenjahr und viele seiner Festtage waren von Krippendarstellungen begleitet, selbstverständlich auch die Karwoche“, erklärt Thomas Schindler vom Bayerischen Nationalmuseum. Dort ist er für die weltweit einzigartige Sammlung von historischen Krippen aus Bayern, Österreich und Italien zuständig. Schindler zeigt auf die Figuren einer grausamen Folterszene, in der Jesus gegeißelt wird. Einer der Schergen hält eine große Wasserspritze in der Hand, die einen hohen Druck entwickelt. Damit wurden nicht nur Brände bekämpft. Die Gerichte setzten sie bis etwa 1750 auch bei „peinlichen“, also schmerzhaften Verhören ein, ließen den Delinquenten Wasser in die Gehörgänge pumpen oder Einläufe geben. „Damit konnten sich die Gläubigen sehr genau vorstellen, was Christus leiden musste, denn diese Verhörmethode kannten sie.“ Die Krippenbilder sollten als öffentliches Medium die Katechese unterstützen, wie heute noch in Afrika oder Lateinamerika.
Nach der Säkularisation verschwanden die Passionskrippen, ebenso die Darstellungen des Kindermords von Bethlehem. „Nur die Weihnachtskrippe mit der Geburtsszene und den Königen hat sich im Bürgertum behauptet, das dieses frohe und friedliche Bild für sich vereinnahmte“, erläutert Schindler: „Gleichzeitig hat es sich der bedrückenden und schmerzhaften Botschaften der Evangelien entledigt.“
Mein Draht zum Himmel Wie kann ich den Kontakt zu Gott finden und stärken? Unsere neue Serie gibt Antworten Lesen Sie im [inne]halten-Magazin unseren Themenschwerpunkt und weitere Geschichten und Berichte aus dem kirchlichen Leben.[inne]halten - das Magazin 08/2026
Nachfrage geht zurück
Den Künstlern und Handwerkern in Afrika und Lateinamerika, deren Werke Ryszard Sedlacek kauft, sind sie vertraut geblieben. Besonders schwärmt er von den Darstellungen des Letzten Abendmahls aus Peru und Tansania: „Das ist formal ja recht eng – eine schwermütige Abschiedsstimmung mit Jesus in der Mitte und drumherum die Jünger – aber wie viel Unterschiedliches sich da die Künstler einfallen lassen!“
Passionskrippe aus Peru mit Darstellung des letzten Abendmahls (anonym). Foto: © Sedlacek



