Mauerfall am 9. November
Heilendes Erinnern an der Berliner Mauer
Zum Jahrestag des Falls der Berliner Mauer spricht der evangelische Pfarrer Thomas Jeutner von der Kapelle der Versöhnung in Berlin über seine Arbeit an einem der zentralen Erinnerungsorte der deutschen Teilung. Dabei geht es nicht nur um die Vergangenheit an der Mauer, sondern auch um aktuelle Themen wie Flucht, Migration und die Suche nach Versöhnung.
Kapelle der Versöhnung im ehemaligen Todesstreifen der Berliner Mauer. Foto: © imago images / Rolf Zöllner
Die Kapelle der Versöhnung steht auf historischem Boden: Dort, wo früher der Todesstreifen die Stadt teilte, erinnern heute tägliche Gedenkandachten an die Opfer der Berliner Mauer. „Jeden Mittag um zwölf Uhr lesen wir Biografien der Mauertoten“, erklärt Pfarrer Jeutner. „Das machen wir als Mitarbeitende, mit Ehrenamtlichen, die diesen Geschichten ihre Stimme geben.“
Doch die Kapelle ist mehr als ein Erinnerungsort. Sie ist auch eine lebendige Kirche mit Gottesdiensten, spirituellen Angeboten und offenen Gesprächsformaten wie den sogenannten „Kapellengesprächen“.
Ein Garten im ehemaligen Todesstreifen
Besonders eindrucksvoll ist der Gemeinschaftsgarten hinter der Kapelle. Rund 60 Menschen aus 18 Nationen gärtnern hier – mitten auf dem früheren Grenzstreifen. Viele von ihnen haben selbst Fluchterfahrungen gemacht. „Wenn sie ihre Geschichten erzählen, ist das ein Prozess der Heilung“, so Jeutner.
„Wir nennen das heilendes Erinnern: durch Austausch, Zuhören und Erzählen wachsen Verständnis und neue Perspektiven.“
Pfarrer Thomas Jeutner. Foto: © Thomas Hirsch-Hüffel
Im Garten begegnen sich Palästinenser und Israelis, Südkoreaner und
Deutsche, Berliner aus Ost und West. Die internationale Vielfalt macht
deutlich: Mauern und Grenzen sind keine Vergangenheit, sondern Teil
aktueller Erfahrungen weltweit.
Heilendes Erinnern – global gedacht
Für Jeutner ist klar: Die Gedenkarbeit hat sich in den vergangenen Jahrzehnten globalisiert. „Ich bin 1960 geboren, ein Jahr vor dem Mauerbau, und die Hälfte meines Lebens war von der Teilung geprägt. Auch heute können wir Mauerthemen nicht losgelöst von Flucht und Migration betrachten.“
Mindestens 140 Menschen wurden nach Angaben der „Stiftung Berliner Mauer“ zwischen 1961 und 1989 an der Berliner Mauer getötet oder kamen im Zusammenhang mit dem DDR-Grenzregime ums Leben.
• 101 Flüchtlinge, die beim Versuch, die Grenzanlagen zu überwinden, erschossen wurden, verunglückten oder sich das Leben nahmen,
• 30 Menschen aus Ost und West ohne Fluchtabsichten sowie ein sowjetischer Soldat, die erschossen wurden oder verunglückten,
• acht im Dienst getötete DDR-Grenzsoldaten, die durch Fahnenflüchtige, Kameraden, einen Flüchtling, einen Fluchthelfer oder einen West-Berliner Polizisten getötet wurden.
Darüber hinaus verstarben mindestens 251 Reisende während oder nach Kontrollen an Berliner Grenzübergängen. Bereits vor dem Bau der Berliner Mauer kamen von 1948 bis 1961 mindestens 39 Menschen an der Sektorengrenze zwischen Ost- und West-Berlin ums Leben.
Die Kirchengemeinde bietet seit fast zehn Jahren Kirchenasyl für Geflüchtete an. Viele bringen ihre eigenen Grenzerfahrungen mit.
„Wenn wir mit Geflüchteten über die Berliner Mauer sprechen, erzählen sie sofort von ihren Mauern, ihren Gefahren, ihren Verlusten. Da verbinden sich die Linien.“
Ein Beispiel bewegt Jeutner besonders: Ein Syrer, der sieben Jahre zuvor Kirchenasyl in der Kapelle fand, kam vor kurzem zurück – mit deutschem Pass in der Hand. „Er sagte nur: Danke. Solche Momente zeigen mir, warum diese Arbeit Sinn macht.“
[inne]halten - das Magazin 10/2026
Uralt und wunderschön
Eine einzigartige Lage, eine über tausendjährige Geschichte und eine romanische Kirche voller Schätze: Das ist Kloster Seeon.
Lesen Sie im [inne]halten-Magazin unseren Themenschwerpunkt und weitere Geschichten und Berichte aus dem kirchlichen Leben.
Zwischen Anerkennung und Widerstand
Doch nicht alle teilen diese Haltung. Die gesellschaftliche Akzeptanz von Flüchtlingsarbeit sei geringer geworden, weiß Jeutner. „Schmerz gehört zur Kirche dazu. Wir bekommen nicht immer Beifall, auch nicht innerhalb der evangelischen Kirche.“ Trotzdem hält er an seiner Arbeit fest – getragen von dem Glauben, dass Christsein auch bedeutet, sich für Menschen in Not einzusetzen.
Am 28. Januar 1985 erfolgte die Sprengung der Berliner Versöhnungkirche, die durch den Mauerbau ins Niemandsland geraten war. Foto: © imago / Günter Schneider
Zukunft der Kapelle der Versöhnung
Die Lehmkirche selbst ist ebenfalls Symbol der Erinnerung: Sie besteht aus Schutt der gesprengten Versöhnungskirche und neuem Material – 50 Prozent Vergangenheit, 50 Prozent Gegenwart. Heute gehört die Kapelle zu den meistbesuchten Gedenkorten Deutschlands. „Am Anfang kamen drei, vier Besucher pro Tag, heute sind wir unter den zehn bestbesuchten Orten des Landes“, berichtet Jeutner.
Die Versöhnungskirche war eine evangelische Kirche, die sich in der Bernauer Straße im Berliner Bezirk Mitte befand. Sie wurde 1892 errichtet und im Jahr 1985 auf Veranlassung der DDR-Regierung gesprengt, da sie nach dem Bau der Berliner Mauer mitten im Niemandsland zwischen Berliner Mauer und Hinterlandmauer stand.
Nach der Wiedervereinigung wurde auf dem Fundament der Versöhnungskirche die Kapelle der Versöhnung in Lehmbauweise errichtet. Die Kapelle wurde am 09. November 2000 eingeweiht und ist Teil der staatlichen Gedenkstätte Berliner Mauer. Die evangelische Versöhnungsgemeinde ist mittlerweile in der neu gegründeten Evangelischen Kirchengemeinde am Gesundbrunnen aufgegangen.
Und der Bedarf bleibt. „Heilendes Erinnern“ – so Jeutner – werde noch
viele Jahre notwendig sein. Für ihn ist klar: Die Kapelle wird auch in
Zukunft ein Ort bleiben, an dem die Erinnerung an die deutsche Teilung
lebendig bleibt und zugleich Antworten auf aktuelle Fragen von Flucht,
Migration und Zusammenleben gesucht werden.



