Glaubenswelten
27.10.2025

Wenn Glaube auf Tourismus trifft

Mitte Oktober fand in Rom in der CASA SANTA MARIA die Fachtagung „Die Macht der Inszenierung – im Dialog von Kirche und Tourismus“ statt. Verantwortliche aus Kirche, Tourismus und der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt haben dabei einen Blick hinter die Kulissen der Ewigen Stadt geworfen, um sich inspirieren zu lassen. Mitorganisator Robert Hintereder, Fachbereichsleiter Tourismus und Sport im Erzbischöflichen Ordinariat München, fasst im Interview mit innehalten.de die Ergebnisse des Treffens zusammen.
    

Touristen betrachten die reich verzierte Decke der Sixtinischen Kapelle im Vatikan mit ihren berühmten Renaissance-Fresken. Touristen betrachten die reich verzierte Decke der Sixtinischen Kapelle im Vatikan mit ihren berühmten Renaissance-Fresken. Foto: © IMAGO / imagebroker

Herr Hintereder, welche Impulse aus der Tagung möchten Sie konkret in die Arbeit der Erzdiözese München und Freising einbringen?

Was mich besonders beeindruckt hat, ist, wie stark Inszenierung – im besten Sinne des Wortes – Räume lebendig machen kann. Wir haben diskutiert, wie Licht, Klang und Bewegung Menschen auf einer tiefen Ebene ansprechen. Diese Erkenntnis möchte ich in unsere Arbeit einfließen lassen. Kirchen können nicht nur besucht, sondern erlebt werden. Sie sollten in erster Linie ein Erfahrungsraum für das Heilige sein.

Ein Beispiel: Wir überlegen derzeit, wie wir mit immersiven Kirchenführungen arbeiten können – also über eine sinnliche Art, Kirchen zu erleben. Dabei ließen sich traditionelle Führungen mit technischen Elementen wie Projektionen verbinden oder auch schauspielerisch in die Geschichte einer Kirche eintauchen. So könnte ein Raum neu lebendig werden, neugierig machen und innerlich berühren.

Darüber hinaus waren die Gespräche von großer Tiefe geprägt: Gerade nichtkirchliche Teilnehmer zeigten großes Interesse, auch in eine Wertediskussion einzusteigen. Deutlich wurde, dass es dabei um zentrale Kernthemen geht – um nachhaltiges Reisen, den respektvollen Umgang mit religiöser Vielfalt und um ein christliches Menschenbild.

Wie können Kirchenräume in der Erzdiözese so gestaltet und vermittelt werden, dass sie Gläubige und Touristen gleichermaßen berühren?

Ich glaube, es geht darum, Geschichten zu erzählen – und Raum für Stille zu lassen. Wenn Menschen verstehen, warum ein Kirchenraum so gestaltet ist, spüren sie seine Tiefe anders. Und wenn sie zugleich einen Moment der Ruhe finden, entsteht Verbindung.

Mein Wunsch wäre, dass unsere Kirchen noch stärker die Lebenswirklichkeit von heute widerspiegeln. Warum nicht öfter moderne Kunst integrieren, aktuelle Vorbilder zeigen oder technische Möglichkeiten nutzen? So bleiben Kirchen Orte, die mit der Zeit gehen, ohne ihren Kern zu verlieren.

Prof. Harald Pechlaner von der Universität Eichstätt, der unsere Tagung fachlich begleitet hat, spricht hier gerne von Resonanz und emotionaler Eskalation: Die Menschen von heute brauchen in Kirchenräumen Touchpoints, die mit ihrem Leben zu tun haben.

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Welche Chancen sehen Sie, Spiritualität als Attraktionsfaktor in München und Freising zu kommunizieren, ohne den Anspruch der Kirche zu verwässern?

Spiritualität ist keine Verpackung – sie ist der Kern. Wir müssen sie nicht verkleiden, sondern nur zugänglich machen. Menschen suchen heute Orte, an denen sie durchatmen und sich selbst spüren können. Wenn wir das authentisch anbieten – etwa in Form von Klangmeditationen, abendlichen Lichtführungen oder spirituellen Stadtspaziergängen –, entsteht echtes Interesse.

Entscheidend ist für mich eine Haltung, die Beziehung stiftet: Menschen, die unsere Kirchen betreten, sollen spüren, dass sie willkommen sind – dass hier ein offenes Herz, ein Ort der Geborgenheit und eine lebendige Frohbotschaft auf sie warten.

Welche ersten praktischen Schritte halten Sie für notwendig, um die Balance zwischen touristischer Nachfrage und kirchlicher Authentizität zu finden?

Zuerst müssen wir klären, was wir vermitteln wollen – und wie. Es braucht Konzepte, die Information, Kunst und Spiritualität miteinander verweben. Dann kommt der entscheidende Faktor: die Menschen. Unsere Ehrenamtlichen, Mesnerinnen und Führerinnen sind die Gesichter dieser Räume. Wenn sie geschult und inspiriert sind, können sie Glauben spürbar machen.

Ich denke auch an technische Unterstützung, die dezent im Hintergrund bleibt – zum Beispiel Audioguides, die über Bewegungssensoren automatisch starten, ohne die Stille zu stören. So verbinden sich moderne Mittel und alte Orte ganz natürlich.

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Könnte die Erzdiözese München und Freising Ihrer Ansicht nach als Modellregion für eine glaubwürdige Verbindung von Tourismus, Spiritualität und Nachhaltigkeit wirken?

Ja, das Potenzial ist groß – und wir arbeiten bereits daran. In unserem Erzbistum gibt es eine außergewöhnliche Dichte an spirituell bedeutsamen Orten – von den Kirchen in der Münchner Altstadt über Klöster bis hin zu Wallfahrtskirchen in den Bergen. Wenn es uns gelingt, diese Orte nachhaltig zu erschließen – also achtsam mit Ressourcen, Gebäuden und Menschen umzugehen –, können wir tatsächlich eine Vorreiterrolle einnehmen.

Aber: Alleine wird uns das nicht gelingen. Ich sehe große Chancen in der Zusammenarbeit mit dem Tourismus, der für dieses Miteinander ein erfreulich großes und wachsendes Interesse zeigt. Damit daraus mehr werden kann als gute Absichten, braucht es allerdings auch Mittel und den Mut, Neues auszuprobieren.

Nachhaltigkeit bedeutet für mich nicht nur ökologische Verantwortung, sondern auch geistige und emotionale Nachhaltigkeit: Angebote zu schaffen, die nachklingen. Wenn ein Besucher in einer Kirche einen Moment des Friedens erlebt und diesen in seinen Alltag mitnimmt – dann ist das vielleicht die tiefste Form von Nachhaltigkeit.

Was wäre Ihr größter Wunsch für die Wirkung dieser Tagung?

Mein Wunsch ist, dass Kirche in unserer vielfältigen Gesellschaft spürbar berührt – und dass bei allem viel Gottvertrauen und Zuversicht unser weiteres Handeln prägen.

Interview: Stefan Eß, Geschäftsführender Direktor des Sankt Michaelsbundes


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