Franz von Assisi wieder entdecken
800 Jahre Franziskus: Seine Botschaft von Frieden, Einfachheit und Geschwisterlichkeit inspiriert Kirche und Gesellschaft bis heute. Die Franziskanerin, Schwester M. Christine Mirlach, erklärt, wieso franziskanische Spiritualität gerade in Krisenzeiten neue Hoffnung und Orientierung schenken kann.
Foto: © AdobeStock – tauav.
Wenn wir in diesem Jahr auf 800 Jahre franziskanische Geschichte blicken, erfüllt mich eine tiefe, stille Dankbarkeit. Acht Jahrhunderte sind eine lange Zeitspanne, und doch wirkt der Geist, der Franziskus von Assisi bewegt hat, heute erstaunlich frisch, herausfordernd und lebendig. Es ist, als ob seine Stimme – leise, aber klar – durch die Jahrhunderte hindurch zu uns spricht und uns einlädt, neu zu entdecken, was es bedeutet, das Evangelium ernst zu nehmen.
Franziskus hat keine großen theologischen Schriften verfasst, keine kirchenpolitischen Programme entworfen und keine Machtpositionen angestrebt. Er hat etwas viel Einfacheres und zugleich unendlich Schwereres getan: Er hat sich von Gott verwandeln lassen. Diese Verwandlung geschah nicht in einem einzigen Moment, sondern in vielen kleinen Schritten, in Brüchen, in Krisen, in mutigen Entscheidungen und in tiefen Begegnungen. Vielleicht berührt mich gerade das so sehr: Franziskus ist nicht als Heiliger geboren. Er wurde es, weil er sich immer wieder neu rufen ließ.
Wenn ich auf unser heutiges kirchliches Leben schaue, spüre ich, wie aktuell diese Haltung ist. Wir leben in einer Zeit, die von Unsicherheiten geprägt ist: gesellschaftlich, politisch, ökologisch, spirituell. Viele Menschen fragen sich, wohin die Kirche unterwegs ist und ob sie noch eine Sprache findet, die Herzen erreicht. In solchen Momenten tut es gut, auf Franziskus zu schauen. Er hat sich nicht von den Krisen seiner Zeit lähmen lassen. Er hat sie als Ruf verstanden, tiefer zu hören, mutiger zu leben und tiefer zu vertrauen.
Franziskus von Assisi heute neu entdecken
Was mich besonders bewegt, ist seine Fähigkeit des Hörens. Franziskus hörte auf das Evangelium – nicht als Text, sondern als lebendige Stimme. Er hörte auf die Schöpfung, die für ihn nicht Kulisse, sondern Schwester und Bruder war. Er hörte auf die Armen, die Ausgestoßenen, die Kranken, die er nicht als Belastung, sondern als Lehrer seines Herzens verstand. Dieses Hören war nie passiv. Es führte ihn in Bewegung, in Begegnung, in eine neue Sicht auf die Welt. Vielleicht ist das eine der größten Herausforderungen für uns heute: wieder zu lernen, mit einem offenen Herzen zu hören.
Als Franziskanerin erlebe ich täglich, wie sehr unsere Gemeinschaften aus dieser franziskanischen Haltung leben. Wir sind nicht perfekt, und wir müssen es auch nicht sein. Aber wir dürfen uns immer wieder neu ausrichten. Franziskus lädt uns ein, uns nicht in Strukturen zu verlieren, sondern im Evangelium verwurzelt zu bleiben. Er erinnert uns daran, dass Einfachheit kein Verlust ist, sondern Freiheit. Dass Geschwisterlichkeit nicht naiv ist, sondern eine prophetische Kraft. Dass Frieden nicht durch Stärke entsteht, sondern durch die Bereitschaft, sich verletzlich zu machen.
Wenn ich an die Begegnung des heiligen Franziskus mit dem Sultan al-Kamil denke, spüre ich, wie mutig und visionär dieser Mann war. In der Zeit der Kreuzzüge, in der Misstrauen und Gewalt den Ton angaben, wagte er den Schritt auf den „Anderen“ zu. Nicht, um zu überzeugen oder zu siegen, sondern um zu begegnen. Diese Haltung ist heute aktueller denn je. Unsere Welt braucht Menschen, die Brücken bauen, die zuhören, die nicht sofort urteilen, sondern verstehen wollen. Franziskus zeigt uns, dass echter Dialog nur möglich ist, wenn wir bereit sind, unsere vertrauten Gewissheiten in Bewegung zu bringen.
Franziskanische Spiritualität in der heutigen Welt
Auch seine Beziehung zur Schöpfung spricht in unsere Zeit hinein. Franziskus hat die Welt nicht als Besitz betrachtet, sondern als Geschenk. Für ihn waren die Geschöpfe keine Ressourcen, sondern Lebewesen mit eigenem Wert. In einer Epoche, in der wir die Folgen unseres Umgangs mit der Erde schmerzlich spüren, ist seine Spiritualität eine Einladung zur Umkehr. Nicht aus moralischem Druck, sondern aus Liebe. Aus dem Bewusstsein, dass wir Teil eines großen Ganzen sind, das uns anvertraut ist.
Wenn ich auf die 800 Jahre franziskanischer Geschichte schaue, sehe ich nicht nur Franziskus selbst, sondern unzählige Menschen, die sich von seinem Geist haben inspirieren lassen: Frauen und Männer, die in Armut und Einfachheit lebten, die Kranke pflegten, die Frieden stifteten, die Bildung ermöglichten, die sich für Gerechtigkeit einsetzten. Viele von ihnen sind namenlos geblieben, aber ihre Spuren sind sichtbar. Sie haben die Welt verändert – nicht durch Macht, sondern durch Liebe.
Sr. M. Christine Mirlach, Generaloberin der Solanusschwestern in Landshut. Foto: © privat
In unseren Gemeinschaften erleben wir heute ähnliche Herausforderungen wie die ersten Brüder und Schwestern. Wir fragen uns, wie wir in einer sich wandelnden Kirche und Gesellschaft unseren Auftrag leben können. Wir spüren die Spannung zwischen Tradition und Erneuerung, zwischen Bewahren und Aufbrechen. Franziskus gibt uns keine fertigen Antworten, aber er zeigt uns einen Weg: den Weg der inneren Freiheit. Er lädt uns ein, uns nicht an Sicherheiten zu klammern, sondern uns vom Geist führen zu lassen.
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800 Jahre Franziskus: Hoffnung
für Kirche und Gesellschaft
Auch seine Beziehung zur Schöpfung spricht in unsere Zeit hinein. Franziskus hat die Welt nicht als Besitz betrachtet, sondern als Geschenk. Für ihn waren die Geschöpfe keine Ressourcen, sondern Lebewesen mit eigenem Wert. In Für mich persönlich bedeutet dieses Jubiläum auch ein Innehalten. Es ist ein Moment, um dankbar zurückzuschauen und zugleich mutig nach vorne zu blicken. Ich frage mich: Wo ruft uns der Geist heute? Wo fordert er uns heraus, mutiger zu sein? Wo lädt er uns ein, loszulassen? Und wo schenkt er uns neue Wege, die wir vielleicht noch gar nicht sehen?
Ich wünsche mir, dass wir als Kirche wieder neu lernen, mit einem offenen Herzen zu leben. Nicht aus Angst, sondern aus Vertrauen. Nicht aus Pflicht, sondern aus Liebe. Nicht aus Macht, sondern aus Geschwisterlichkeit. Franziskus erinnert uns daran, dass das Evangelium keine Last ist, sondern eine Befreiung. Dass Gott uns nicht in Enge führt, sondern in Weite. Dass Heiligkeit nicht Perfektion bedeutet, sondern Hingabe.
Wenn wir 800 Jahre Franziskus feiern, feiern wir nicht nur eine historische Gestalt. Wir feiern einen Geist, der bis heute wirkt. Einen Ruf, der uns herausfordert. Eine Freude, die uns verwandeln kann. Und eine Hoffnung, die uns trägt.
Möge dieses Jubiläum uns ermutigen, neu aufzubrechen. Möge es uns helfen, die franziskanische Einfachheit, Freude und Frieden in unsere Welt hineinzutragen. Möge der Geist, der Franziskus bewegt hat, auch uns bewegen – heute und in den kommenden Jahren.
Sr. M. Christine Mirlach
Generaloberin der Solanusschwestern in Landshut



