„Carlo Acutis war wie ein Meteor“
Carlo Acutis: verliebt in Actionfilme, Fußball, Computer – und Jesus.
Wird am 07. September 2025 von Papst Leo XIV. heilig gesprochen: Carlo Acutis. Foto: © IMAGO/ABACAPRESS
„Er war ein ragazzino, ein Junge wie alle anderen auch“, sagte seine Mutter Antonia dem Mailänder „Corriere della Sera“. „Er spielte Playstation, liebte seine Katzen und seinen Hund, schaute Actionfilme, spielte mit seinen Freunden Fußball und saß natürlich am Computer.“ Als ihr Carlo 2006 mit 15 Jahren an einer besonders heimtückischen Form von Leukämie starb, konnte Antonia zunächst nicht verstehen, warum Hunderte von Menschen zu seiner Beerdigung kamen. Mittlerweile sind es Hunderttausende auf der ganzen Welt, die Carlo Acutis kennen und seiner Heiligsprechung entgegenfiebern. Die findet am Sonntag, dem 07. September, auf dem Petersplatz in Rom statt.
Blumen für die Madonna
Es gibt bereits mehr als 200 Internet-Seiten über Carlo Acutis, Pilgerreisen zu seinem Grab und die Erinnerung an den Weltjugendtag 2013 in Rio de Janeiro, wo Carlo sieben Jahre nach seinem Tod bereits allgegenwärtig war. Seine Fans nennen ihn den „Influencer Gottes“ und den „Schutzpatron des Internets“. Religionssoziologen sprechen vom ersten Heiligen der Millenial-Generation, die zwischen den frühen 80ern und den späten 90ern geboren wurde und sich durch gute Ausbildung, Leidenschaft für Technik und digitale Medien, Forderung nach Jobs mit Sinn und Sehnsucht nach Selbstverwirklichung auszeichnet.
Vielleicht war er doch mehr als ein „Junge wie alle anderen auch“. Als Carlo 1991 zur Welt kam, hielt sich seine italienische Familie aus beruflichen Gründen in London auf. Ein paar Jahre später kehrte sie nach Mailand zurück. Die Eltern waren nicht religiös, Carlo umso mehr. Wenn er mit seiner Mutter an einer Kirche vorbeikam, lief er hinein und brachte der Madonna Blumen. Er schleppte seine widerstrebende Familie in den Sonntagsgottesdienst, schaffte es schon als Siebenjähriger zur Erstkommunion und verkündete seinen „Lebensplan, Jesus immer ganz nah zu sein“.
Carlo liebte seine Tiere, seine Fußballfreunde, die Obdachlosen und Migranten, denen er tatkräftig half – und die tägliche Messe. „Je häufiger wir die Eucharistie empfangen, desto ähnlicher werden wir Jesus“, pflegte er zu sagen. „So bekommen wir einen Vorgeschmack auf den Himmel.“ So einfach sei das. Carlo verstand nicht, warum sich vor den Kirchen keine Menschenmassen versammelten wie bei Rockkonzerten.
„Sein Glaube an Gott leuchtete aus ihm heraus“
Programmierer wäre er gern geworden. Schon als Kind soll er mehr vom Computer und Internet verstanden haben als mancher Informatik-Student. Er schrieb Algorhythmen, entwarf Webseiten und Zeitungs-Layouts. Seine Online-Sammlung eucharistischer Wunder ist heute weltweit im Internet abrufbar, mit einem Geleitwort von Kardinal Comastri (Rom), und wird immer wieder in Ausstellungen gezeigt.
Mit 15 Jahren erkrankte der Computer-Nerd plötzlich an akuter promyelozytischer Leukämie. Nach der Diagnose lebte er noch eine Woche, fiel nach einer Hirnblutung ins Koma und starb einen Tag später, am 12. Oktober 2006. Die Krankenhausärzte Andrea Biondi und Mòmcilo Jankovic, die ihn behandelt hatten, erinnerten sich später in einer gemeinsam verfassten Erklärung: „Carlo war wie ein Meteor mit einem schnellen Durchgang durch unsere Station; die Leukämie nahm ihn mit, bevor wir ihn auch nur ein wenig kennenlernen konnten. Doch der Blick aus seinen Augen hat sich unserer Erinnerung eingeprägt. Sein Blick war voller Aufmerksamkeit, voller Mut, voller Zuneigung, voll starken Einfühlungsvermögens. Sein Glaube an Gott leuchtete aus ihm heraus. Seine sanften Augen lehrten uns viel: Das Leben, ob kurz oder lang, muss für sich selbst, aber auch und vor allem für andere intensiv gelebt werden.“
Carlos Leichnam ruht seit 2019 in einem Glassarg in Assisi – dort wollte er begraben werden - in der uralten Kirche Santa Maria Maggiore, in deren Krypta sich noch Reste eines römischen Tempels befinden. Im angrenzenden ehemaligen Bischofspalast soll Franz von Assisi seinem Vater seine eleganten Kleider vor die Füße geworfen haben – der Beginn eines auf die ganze Christenheit ausstrahlenden armen Lebens und einer schmerzhaften Alternative zu päpstlichem Pomp und Reichtum.
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„Der Himmel ist durch Carlo aktiv geworden“
Auch Carlo Acutis liegt dort nicht in edelsteinverzierten Gewändern wie die meisten Heiligen, sondern in Jeans, Sweatshirt und Turnschuhen, so einfach, wie er gelebt hat. Seine Mutter Antonia ist eine fromme Frau geworden. Sie freut sich, wenn sie fast jeden Tag Nachrichten von unerwarteter Hilfe, erstaunlichen Heilungen, aber auch kleinen Lichtern in düsteren Lebensschicksalen erhält, die dem vertrauensvollen Gebet zu ihrem Sohn zugeschrieben werden: „Offensichtlich gelingt es Carlo, den Herrn zu überzeugen. Er hat eine Art und Weise, dass Jesus nicht Nein zu ihm sagt, und das finde ich süß.“
Antonia hat das Mädchen kennengelernt, das eine medizinisch unerklärliche Heilung erfuhr, nachdem seine Mutter einen ganzen Tag lang vor Carlos Sarg in Assisi auf den Knien lag: Mit 21 Jahren stürzte die aus Costa Rica stammende junge Frau vom Fahrrad und verletzte sich so schwer am Kopf, dass sie ins Koma fiel und künstlich beatmet werden musste. Als ihre Mutter an das Krankenbett zurückkehrte, begann die todgeweihte Tochter wieder selbstständig zu atmen – und wurde bald ganz gesund.
„Der Himmel ist durch Carlo aktiv geworden“, kommentiert seine Mutter schlicht. „Ich glaube, dass Carlos Botschaft uns helfen soll, zu verstehen, dass wir das Wesentliche vor Augen haben, um das Ziel zu erreichen, zu dem wir alle berufen sind, nämlich den Himmel. Carlo hatte eine außergewöhnliche Reinheit des Herzens, er hatte Gott in sich. Man konnte spüren, dass etwas in ihm steckte, und ich glaube, dass die Menschen ihn deswegen immer noch ansprechen.“
Christian Feldmann



