Norbert Nagel: Musik ist Meditation
Im Interview spricht der vielseitige Musiker Norbert Nagel über Musik als Liebe, Stille und Trost – und über ein besonderes Projekt mit seinem Sohn.
Für Norbert Nagel ist Musik ein Ausdruck von Liebe. Foto: © Alexandra Shyshlakova
Was war dein kuriosestes musikalisches Erlebnis?
Ich war etwa 20 Jahre alt, da wurde ich mit einer Dixie-Band zusammen gebucht, um vier Stunden im Zelt zu spielen. Wir hatten genau sechs Musikstücke im Repertoire! Mein Vater hat mir auf meinen Wunsch hin ein Keyboard geliehen, und wir haben dann stundenlang auf der Veranstaltung improvisiert. Wir dachten, das würde eine große Katastrophe werden – aber die Leute waren begeistert.
Du bist ein Meister der leisen Töne. Niemand kann Töne so sehr ins Pianissimo führen wie du – ersterben lassen. Oder eher ewig leben lassen. Wie machst du das?
Mit 12 Jahren kam ich als Gaststudent nach Fürth ans Konservatorium, und mein Lehrer dort sagte mir, wie schrecklich meine Klarinette klingt, so wie ich spiele. Es klang nach Blaskapelle – aber da kam ich ja auch musikalisch her. Ich wusste damals nicht, was er mit dem „unschönen Ton“ meinte. Ich habe dann zu Hause in Vilseck stundenlang Töne ausgehalten. Ich wollte unbedingt wissen, wie es geht. Da hatte ich als Kind wohl auch die erste Meditationserfahrung – durch die Konzentration auf den Atem und auf den Ton. Ich baue – gerade in den letzten Jahren – zu den Tönen, die ich spiele, eine intensive Beziehung auf. Das führt mich sozusagen.
Was ist deine musikalische Lieblingsstilrichtung? Du kannst ja alles: Jazz, Klassik, Volksmusik.
In der Reduktion fühle ich mich wohl. Also weniger in ausgeklügelten Jazz-Arrangements. In schlichter Musik bin ich zu Hause – die berührt mich. Klassik und Volksmusik sind mein musikalischer Ursprung.
Wozu kann dich Musik inspirieren?
Musik ist mein Leben, Musik ist Meditation. Bach höre ich, wenn es mir gut geht. Bach höre ich, wenn es mir schlecht geht. Für mich ist Musik Liebe.
Könntest du dir ein Leben ohne Musik vorstellen?
Kann ich mir nicht vorstellen. „Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum“, soll Nietzsche einmal gesagt haben. Musik hat mich allerdings auch schon sehr angestrengt, ja sogar genervt. Aber die Musik ist, wie gesagt, mein Leben. Die Musik liebt mich – ich kann mir ein Leben ohne Musik nicht vorstellen.
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Sind Kirchen ein besonderer Spielort für dich? Musiziert man vielleicht anders in einer Kirche?
Ich habe schon als 11-Jähriger auf der Orgel der evangelischen Kirche in der Oberpfalz, wo ich aufgewachsen bin, gespielt. Auch in der katholischen Kirche des Ortes durfte ich an der Orgel spielen – damals habe ich dort sogar eine ganze Rockoper aufgeführt. Die Kirchenräume sind ein Geschenk für Musiker – schon allein wegen der Akustik. Der Klang, der Ton bekommt einen ganz bestimmten Raum. Und die Stille dieser Räume, die sich auf die Zuhörer eines Konzertes überträgt, ist großartig. Ich gehe immer in Kirchen, wenn ich unterwegs bin – vor einem Konzert in Köln genauso wie auf Reisen in Italien oder Spanien.Hat Musik für dich mit Glauben oder Spiritualität zu tun?
Absolut. Ohne Glauben und Spiritualität könnte ich nicht leben. Entweder hat mich die Musik dahin geführt, oder der Glaube hat mich zur Musik gebracht. Das gehört für mich zusammen.
Welche Musik tröstet dich?
Norbert Nagel (*18. Februar 1961 in Vilseck) ist ein vielseitiger deutscher Klarinettist, Saxophonist, Komponist und Arrangeur. Er studierte in Nürnberg, München und Köln. 1983 gründete er mit seinem Bruder das Roseau-Quintett (vier Alben). Als gefragter Studiomusiker ist er auf über 100 Tonträgern zu hören (u. a. Hans Zimmers Das Geisterhaus, Lou Begas Mambo No. 5) und wirkt in Big Bands, Orchestern und als musikalischer Leiter mit.
Du hast schon so viele Töne gespielt in deinem Leben. Gibt es noch ungespielte?
Und dann gibt es seit Kurzem das wunderbare Projekt mit meinem Sohn Frieder. Er macht elektronische Musik, entwickelt musikalische Spannungsbögen auf der Bühne, und ich improvisiere dazu. Oft genügen harmonisch zwei Akkorde – ganz schlicht ist die Grundstruktur. Für mich ist es wie ein musikalisches Heimkommen. Wir berühren die Zuhörer sehr damit. Unser Wissen, unsere Haltung bewirken wohl, dass auch ganz einfache Musik wirkt. Mein Gefühl ist: Wir werden von der Musik beschenkt – sie vertraut uns. Die Musik liebt uns, und wir dürfen das zulassen.



