Papstwahl
Auf dem Weg zum Konklave: Wer wird der nächste Papst?
Von den knapp zwölf Dutzend wahlberechtigten Kardinälen im Konklave steht Jean-Claude Hollerich aus Luxemburg mit am klarsten für ein offenes, respektvolles Gespräch mit anderen Religionen und säkularen Weltbildern. Der 66-jährige Jesuit hat in Deutschland studiert, war lange Professor in Tokio und hat die Weltsynode im Vatikan moderiert.
Der Luxemburger Kardinal Jean-Claude Hollerich gilt nicht als Favorit auf die Nachfolge von Papst Franziskus – aber er wäre in mehrfacher Hinsicht eine interessante Wahl, findet Christian Feldmann. Foto: © imago/Independent Photo Agency Int
2018 reiste der luxemburgische Premierminister Xavier Bettel nach Rom, um mit Papst Franziskus über die kurz vorher eingeleitete scharfe Trennung von Kirche und Staat in seinem Land zu sprechen. In seiner Begleitung waren der Erzbischof von Luxemburg – und Bettels Ehegatte, der belgische Architekt Gauthier Destenay. Im Vatikan sorgte das für Aufregung, „aber der Papst war amüsiert“, erzählte der Erzbischof lächelnd. Sein Name: Jean-Claude Hollerich.
„Wir haben als katholische Kirche dramatisch an Niveau verloren“, stellte der Präsident der Kommission der 39 europäischen Bischofskonferenzen in einem Interview fest. „Wenn wir nicht mehr im Dialog mit der Welt stehen, werden wir zur Sekte.“ Eine gemeinsame faire Asylpolitik könne nicht funktionieren, weil Europa längst „postchristlich“ geworden sei und an Menschlichkeit eingebüßt habe. Der Name des mittlerweile zum Kardinal aufgestiegenen Interviewpartners, der in seinem Bischofshaus Flüchtlinge verschiedener Herkunft und Religion untergebracht hatte: Jean-Claude Hollerich.
Immer wieder Hollerich
Als im Vatikan 2023 die katholische Weltsynode vorbereitet wurde, bei der 420 Bischöfe, Priester, Ordensleute und Laien über ihre gemeinsame Verantwortung für die Kirche berieten, fragte der vom Papst ernannte Generalrelator (zuständig für Abstimmungsvorlagen und Ergebnisberichte) einigermaßen verzweifelt: „Warum sind wir so streng im Ausschließen von Menschen, obwohl Christus nie so gehandelt hat?“ Es müsse endlich Schluss sein mit dem Anspruch, alles zu wissen, und der „klerikalen Diktatur“. Der Name des Synoden-Moderators: Kardinal Jean-Claude Hollerich.
Prognosen über den Ausgang des über kurz oder lang bevorstehenden Konklaves sind enorm schwierig, weil Papst Franziskus fast in jedem Jahr seiner Amtszeit zahlreiche neue Kardinäle aus allen möglichen Ländern und Kontinenten ernannt hat und die derzeit 139 Wahlberechtigten einander oft nicht kennen – anders als zu den Zeiten, als die Italiener und überhaupt die Europäer ein klares Übergewicht in der Wahlversammlung hatten.
Ranking-Listen für das Konklave
Die „Vaticanisti“ unter den römischen Korrespondenten und die Buchmacher in Europa und den USA haben Ranking-Listen für das Konklave aufgestellt, die bis zu zwei Dutzend Namen oder mehr umfassen. Ganz vorne meist der Chefdiplomat des Papstes, der Norditaliener Pietro Parolin (70), Kardinalstaatssekretär seit zwölf Jahren, diskret, dennoch offen zu Journalisten. Als Papst könnte er es zumindest versuchen, die römische Kurie mit ihren Beharrungskräften zu zähmen, er kennt sie weit besser als der Pole Wojtyla und der Argentinier Franziskus. Allerdings wird Parolin für Spekulationen mit Londoner Immobilien verantwortlich gemacht, die den Heiligen Stuhl 150 Millionen Euro kosteten.
Solche Probleme hat der zweite italienische Favorit nicht, der durch Friedensmissionen in Kiew und Washington ebenfalls international erfahrene Vorsitzende der Bischofskonferenz Matteo Zuppi (68) aus Bologna. Er steht der sozial engagierten Bewegung Sant’Egidio nahe und gilt ähnlich wie Franziskus als Anwalt der Armen und Ausgegrenzten. Ein ausgesprochen interessanter Kandidat wäre ein dritter Italiener, der erst 60-jährige Pierbattista Pizzaballa, Franziskaner und seit fünf Jahren lateinischer Patriarch von Jerusalem, gesuchter Gesprächspartner von Juden, Muslimen und orthodoxen Christen. Er ist bereits jetzt eine Symbolgestalt der Versöhnung mitten in einem politischen Pulverfass.
Erstmals ein Asiat oder Afrikaner?
Auf der Favoritenliste finden sich noch etliche Europäer wie der Malteser Mario Grech (67), Generalsekretär der 2024 zu Ende gegangenen Weltsynode, der konservativ denkende Ungar Peter Erdö (72) oder der Bischof von Stockholm, Anders Aborelius (75), den das dortige Magazin „Fokus“ zum „Schweden des Jahres“ wählte, wegen seines mutigen Umgangs mit Migranten. Doch spätestens während des Pontifikats des Deutschen Benedikt XVI. – Kommentatoren nannten ihn durchaus respektvoll den „letzten Abendländer“ in Theologie und Kirchenpolitik – mehrten sich die Stimmen, die Zeit sei reif für einen Papst aus Afrika oder Asien. In der Tat erleben die Kirchen in Europa, nicht nur die katholische, einen katastrophalen Schwund an Mitgliedern und Einfluss, in vielen afrikanischen und asiatischen Ländern hingegen eine erstaunliche neue Blüte.
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Tagle und Ambongo
Der Philippine Luis Antonio Tagle (67), an der römischen Kurie Präfekt der wichtigen Kongregation für Evangelisierung, mit allen Fasern Seelsorger und ein Autor von spiritueller Tiefe, galt schon bei der Wahl von Papst Franziskus 2013 als eine Art Kronprinz, war damals aber zu jung. Unter den afrikanischen Kardinälen ragt Fridolin Ambongo (65) hervor, Erzbischof von Kinshasa (Kongo), Vorsitzender des Bundes afrikanischer Bischofskonferenzen – und eine mächtige Stimme des Widerstandes gegen die vermeintliche liberale Schlagseite des Papstes aus Argentinien.
Dieser Widerstand ist in letzter Zeit in Afrika, in Teilen der USA und in Polen deutlich stärker geworden. Ambongo lief als Sprecher seiner Kollegen zuletzt Sturm gegen die vatikanische Erlaubnis von Segnungen homosexueller Paare. Auf einem Kontinent, wo Homosexualität vielerorts als Straftat verfolgt werde, sei so ein Signal seelsorglicher Barmherzigkeit nicht zu vermitteln; es werde hier als „kulturelle Kolonialisierung durch den Westen“ empfunden. Der Moraltheologe Ambongo blieb aber mit Franziskus und der Kurie im Gespräch und erwarb sich daneben mit seinen unerschrockenen Protesten gegen die Manipulation demokratischer Wahlen im Kongo und gegen die Ausbeutung von Rohstoffen hohen Respekt.
Hollerich wäre keine Kompromisslösung
Jean-Claude Hollerich (66) aus Luxemburg, Jesuit, Hochschullehrer, Asien-Experte, Synodenmoderator, kommt in den Prognosen für die Papstwahl erst auf den unteren Rängen vor – dabei wäre er von Alter, Sozialisation und Erfahrung her ein idealer Kandidat. Allerdings keiner, auf den man sich nach zermürbenden Wahlschlachten – die gibt es auch in der ehrwürdigen Sixtinischen Kapelle – zwischen Italienern und Repräsentanten der Dritten Welt, besorgten Verteidigern der alten Lehre und unbefangen-kreativen Reformern als Kompromisslösung einigen könnte. Denn für katholische Verhältnisse ist der bescheiden und höflich auftretende, über die Fähigkeit zum Zuhören und einen feinen Humor verfügende Intellektuelle einfach zu progressiv. Wenn sie Hollerich wählen sollten, dann wäre das eine eindeutige Richtungsentscheidung. Für den offenen Geist von Papst Franziskus und darüber hinaus.
Der Weg des Kandidaten zum Priesteramt, in den Orden, in die Leitungsverantwortung verlief eigentlich ganz gerade wie bei den meisten seiner Kollegen – aber mit Brüchen, die zunächst kaum auffielen. „Das Katholische lag irgendwie noch in der Luft“, sagt er über das luxemburgische Städtchen Differdingen, wo er 1958 als Sohn eines ehrgeizigen Stahlwerkers geboren wurde, aber es sei doch eher eine Fassade „mit vielen Rissen“ gewesen. Die Familie war nicht sehr fromm, die Kirche interessierte niemanden besonders, außer der Großmama, Jean-Claudes Schwester ist heute keine praktizierende Katholikin mehr.
Eigenständiges Entdecken des Glaubens
Das hatte den Vorteil, dass der Junge den Glauben ganz für sich persönlich entdecken konnte. Es gab Religionslehrer, die ihn – den Klassenbesten, der trotzdem einmal durchfiel – faszinierten. Es gab schöne altmodische Bräuche, die ihm Freude machten; bei Prozessionen trug er stolz eine großmächtige Laterne und hatte danach eine Woche lang Rückenschmerzen. Jean-Claude machte mit seinen Kameraden abenteuerliche Ausflüge zur deutschen Grenze, auf Schleichwegen, ließ sich vom Krieg erzählen – in seiner Familie hatte es Widerständler gegen die Nazis gegeben –, verliebte sich irgendwann einmal, brachte eine Schülerzeitschrift heraus, begann einen schrecklich schwülstigen Roman zu schreiben und träumte dann doch wieder hartnäckig davon, Priester zu werden. Die Eltern waren entsetzt.
Stur und hochbegabt, begann der 20-jährige Hollerich sein Theologiestudium im römischen Germanicum, das als Bischofsschmiede gilt, und an der Päpstlichen Universität Gregoriana. Er fand Rom ungeheuer spannend, stieg mit Kommilitonen durch einen Straßendeckel in die Katakomben hinab, litt dann aber wieder unter der Enge der traditionellen Ausbildung. Die Chefin der „Gemeinschaft Christlichen Lebens“, für die er eine Zeitschriftenbeilage managte und die den Spitznamen „Mutter General“ trug, faszinierte ihn erheblich mehr als seine langweiligen Professoren.
Nahbar, uneitel und der Jugend zugewandt – so präsentiert sich Jean-Claude Hollerich Foto: © imago/Independent Photo Agency Int.
Geistige Höhenflüge und asiatische Spiritualität
Zusammen mit einem guten Freund aus der Schweiz trat er 1981 bei den Jesuiten ein, lernte den großen Theologen Karl Rahner kennen, quälte sich durch all die Vorlesungen und Prüfungen in klassischem Latein, begeisterte sich gleichwohl für die geistigen Höhenflüge in der Philosophie- und Dogmengeschichte – und begann von asiatischer Spiritualität zu träumen. Man suchte junge Jesuiten für Japan. Ein paar Jahre später stand Hollerich am Flughafen, mit 20 Kilo erlaubtem Gepäck und zahllosen Büchern in den Taschen seines weiten Mantels, um zunächst auf den Philippinen in einem Flüchtlingslager zu arbeiten und dann in Tokyo Japanisch zu lernen. Wieder die beklemmende Erfahrung von Enge und Fremdheit und hundert Regeln: Wenn er das Haus verlassen will, muss er den Oberen um Erlaubnis bitten, wenn er seine amerikanischen und argentinischen Mitstudenten Japanisch sprechen hört, versteht er kein Wort.
Japan und der größere Gott
Doch dann entdeckt er in der Schönheit der Tempel die Gegenwart eines größeren Gottes voller Reichtum und Liebe, wagt noch etwas scheu, „nicht nur in einem System zu denken“, staunt über die Präsenz einer offenkundig friedlichen, toleranten Frömmigkeit in einer ausgesprochen säkularen Gesellschaft. Er setzt sein Theologiestudium an der katholischen Sophia University fort, einer kleinen, aber feinen Hochschule, die von der japanischen Umwelt sehr geschätzt wird.
Die Japaner sind durchaus bereit, von den Katholiken zu lernen: dass eine Ehe auf Liebe gegründet sein sollte und nicht auf die Herkunft aus derselben sozialen Schicht. Oder dass Frauen genau so viel wert sind wie Männer und Letzteren bisweilen an Intelligenz überlegen. Und Hollerich, der in einer Mädchenschule Religionsunterricht gibt, für die Mädels Spaghetti kocht und sie ermuntert, ihre Freunde mitzubringen, dieser Hollerich lernt von der japanischen Kultur Offenheit für fremde Inspirationen, den Verzicht auf schnelle Urteile (und Vorurteile) und die kluge Freude an der Vielfalt: „Wir sagen: Es ist schwarz, also ist es nicht weiß. Die Japaner sagen: Es ist weiß, aber vielleicht ist es auch schwarz. Man kann Gegensätze miteinander verbinden, ohne den Standpunkt zu ändern.“
Stationen in Frankfurt und München
Mit 31 Jahren wechselt der Theologiestudent – Jesuiten zeichnen sich durch eine sehr lange und gründliche Ausbildung aus – nach Frankfurt am Main, ein Jahr später nach München. Dort schließt sich ein Studium der deutschen Sprache und Literatur an, Voraussetzung für die angestrebte Dozentur an der Abteilung für europäische Studien in der katholischen Universität Tokyo. Zwischendurch die Priesterweihe in Brüssel. In Deutschland erlebt er den Mauerfall mit, nach dem Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking demonstriert er gegen die chinesische Führung, mit linken Freunden vom Allgemeinen Studentenausschuss (AStA), die ihn etwas verlegen bitten, ein Gebet für die toten Pekinger Studenten zu sprechen. Zu dieser Zeit hat er viele „rote“ Freunde, die ihn als Priester respektieren, oft sogar interessant finden, er liest kommunistische Autoren, Anna Seghers, Brecht, später Voltaire.
Zurück in Tokyo, wird er wie geplant Professor und Direktor des Katholischen Zentrums an der Sophia University, nach einem Intermezzo in Bonn – am Zentrum für Europäische Integrationsforschung – Vizerektor für „International Relations“ in Tokyo. 2011 trifft ihn völlig unvorbereitet die Ernennung zum Erzbischof von Luxemburg. Hollerich über das vatikanische Verfahren: „Wenn man eine Dreierliste macht, nimmt man einen, der nicht qualifiziert genug ist, einen Exoten und den, den man haben möchte. Ich war der Exot auf der Liste.“
Der Glaube als Liebesgeschichte
Als Erzbischof, dann als Präsident der europäischen Kommissionen Justitia et Pax, die sich mit den internationalen Problemen von Frieden und Gerechtigkeit befassen, schließlich als Sprecher der europäischen Bischofskonferenzen setzte sich Jean-Claude Hollerich in den folgenden Jahren für ein erneuertes Christentum in Europa ein, für das Gespräch zwischen West und Ost, für die Themen Menschenrechte und Religionsfreiheit. Eine seiner zuverlässigsten Bundesgenossinnen war dabei die italienische Linksdemokratin Federica Mogherini, die für ihre Vision einer Wiederannäherung der EU an Russland – Kooperation statt Konfrontation – viel gescholten wurde.
Hollerichs politisches und gesellschaftliches Engagement ergab sich ganz logisch aus seiner Glaubensüberzeugung: Weil Gottes Beziehung zu den Menschen eine Liebesgeschichte ist, ist die konkrete Liebe zu den Menschen für Christen und Kirchenleute wichtiger als jede korrekte Lehre. Gott hat in Christus ein Gesicht, das sich allen zuwendet, „egal ob sie mir ähnlich sind“. Änderungen im Verhalten der Kirche den Schwulen, den wiederverheirateten Geschiedenen, dem sogenannten dritten Geschlecht gegenüber sind die logische Folge und alles andere als ein Skandal.
Der Kardinal, den keiner „Eminenz“ nennt
Am liebsten ist er mit jungen Leuten zusammen, der Herr Kardinal, den keiner „Eminenz“ nennt, die bringen ihn auf Ideen. Von ihnen lässt er sich Netflix-Serien empfehlen und schaut sie tatsächlich an, weil sich aus ihrer Dramaturgie und Bildersprache eine Menge lernen lasse für Verkündigung und Religionspädagogik. Bilder statt Bücher, subjektive Erfahrung statt philosophischer und literarischer Logik. Diesen Kulturwandel habe man in der Kirche noch ganz und gar nicht mitbekommen. „Annuntiate!“ heißt sein Wahlspruch, den sich jeder Bischof aussucht. „Verkündet das Evangelium!“ Er will alles tun, damit die Adressaten sich auch angesprochen fühlen können.
Von Christian Feldmann



