Angst vor der Ebola-Katastrophe
Im Kongo grassiert weiter Ebola. Viele Erkrankte sterben. Helfer schlagen Alarm: Es brauche mehr Unterstützung – gerade aus den reichen Industrienationen. Einblicke in einen dramatischen Wettlauf mit der Zeit.
Medizinische Mitarbeiter in Schutzanzügen tragen kleine Kinder in einem Ebola-Behandlungszentrum in Bunia, Kongo. Foto: © imago/Xinhua
Die erste Meldung über eine „unbekannte Krankheit mit hoher Sterblichkeitsrate“ im Osten der Demokratischen Republik Kongo erreichte die Weltgesundheitsorganisation WHO am 5. Mai. Zehn Tage später war klar: Es handelte sich um den 17. Ebola-Ausbruch in dem von Konflikten gebeutelten Staat in Afrika. Seither gelangte das Thema ab und an auch hierzulande in die Schlagzeilen, verschwand aber jeweils kurz darauf wieder.
Das Problem: Die Krankheit verschwindet nicht. Im Gegenteil – sie breitet sich weiter aus, wie die Welthungerhilfe Mitte Juni mitteilte. In der Provinz Ituri seien bereits 20 von 36 Bezirken betroffen, in Nord-Kivu 10 von 34 Bezirken, sagte die zuständige Landesdirektorin, Ursula Langkamp. „Der Unterstützungsbedarf ist extrem hoch und wächst täglich.“
Sterblichkeitsrate bis zu 50 Prozent
Erkrankte klagen über Symptome, die zunächst einer Malaria- oder Grippe-Infektion ähneln. Zumeist haben die Betroffenen plötzlich Fieber, Kopf- und Muskelschmerzen und leiden wenig später an Übelkeit, Erbrechen und Durchfall. Laut WHO können drei Viren eine Ebola-Epidemie auslösen. Im aktuellen Fall handelte es sich demnach um das Bundibugyo-Virus. Die Sterblichkeitsrate bei den beiden bislang bekannten Ausbrüchen 2007 und 2021 lag zwischen 30 und 50 Prozent.
In der Statistik der Weltgesundheitsorganisation vom Wochenbeginn heißt das für den Kongo: 165 Verdachts-, 808 bestätigte und 192 Todesfälle. Klingt nach wenig in dem zweitgrößten Flächenstaat Afrikas, den rund 115 Millionen Menschen bevölkern. Aber: Die Dunkelziffer ist hoch, fürchten Fachleute.
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Virus reist mit Flüchtlingen
Die Krankheit trifft eine ohnehin schon geschwächte Region. In den Provinzen Ituri und Nord-Kivu kämpfen verschiedene Gruppen seit Jahrzehnten um Macht und Rohstoffe. Deswegen seien viele Menschen auf der Flucht, erläutert die Landesdirektorin der Welthungerhilfe. „Das erschwert die Kontaktnachverfolgung sehr – da die Fluchtrouten nicht vorhersehbar sind – und trägt natürlich auch zur weiteren Ausbreitung von Ebola bei.“
Das Gesundheitssystem im gesamten Land liegt am Boden. Ursula Langkamp macht das an ein paar Zahlen deutlich. In Deutschland kämen 200 Einwohner auf einen Arzt; im Kongo liege das Verhältnis bei deutlich über 4.000 Einwohnern pro Arzt. Ähnlich sieht es bei den Krankenhäusern aus: Im Kongo kommen laut Langkamp über 100.000 Menschen auf ein Krankenhaus, in Deutschland sind es ungefähr die Hälfte.
Zeitfenster für Maßnahmen wird kleiner
In einzelnen Behandlungszentren müssen ein Arzt und sechs Pflegefachkräfte täglich bis zu 300 Patientinnen und Patienten versorgen, heißt es vonseiten der Hilfsorganisation Help – Hilfe zur Selbsthilfe. Es braucht mehr Mediziner, Betten und Ambulanzen, um Erkrankte zu transportieren. Unter Hochdruck versuchen WHO, die Ostafrikanische Gemeinschaft EAC mit weiteren Partnern und Helfern Krankenstationen, Labore und Teststationen auszubauen.
„Es ist jedoch nicht einfach mit der schnellen geografischen Ausbreitung von Ebola Schritt zu halten“, sagt Ursula Langkamp von der Welthungerhilfe. „Dieser Ausbruch kann noch unter Kontrolle gebracht werden, aber das Zeitfenster für die Maßnahmen wird immer kleiner“, so Frederic Lai Manantsoa, Notfallkoordinator von Ärzte ohne Grenzen.
Wassermangel mit Folgen
Oft fehlt es an einfachsten Dingen, wie Oxfam am Beispiel der Stadt Mongbwalu in der Provinz Ituri deutlich macht. Dort habe nur jeder Vierte Zugang zu funktionierenden Sanitär- und Hygieneeinrichtungen. Zwanzig Liter sauberes Wasser kosteten zwei US-Dollar. „Das ist für die meisten Familien hier unerschwinglich“, sagt Oxfam-Koordinator Manel Rebordosa. Die Folge: Viele Menschen hätten weder Toiletten noch Möglichkeiten zum Händewaschen. Das wiederum leistet der Ausbreitung von Viren und Keimen Vorschub.
Vor diesem Hintergrund wirken sich die Kürzungen bei der internationale humanitäre Hilfe für den Kongo besonders fatal aus. Das Finanzierungsvolumen sank laut Oxfam von 2,58 Milliarden US-Dollar im Jahr 2024 auf 1,4 Milliarden US-Dollar im Jahr 2026. Viele Helfer hätten deshalb bereits ihre Aktivitäten erheblich einschränken müssen.
Die Welt schaut weg
Die führenden westlichen Industrienationen? Ignorierten das Thema, beklagte ONE. Als die im französischen Évian versammelten G7-Staats- und Regierungschefs bei ihrem Arbeitsdinner über globale Herausforderungen gesprochen hätten, habe die Ebola-Epidemie in Zentralafrika keine Rolle gespielt. Auch der Düsseldorfer Tropenmediziner Torsten Feldt wünscht sich mehr internationale Aufmerksamkeit für den Kampf gegen Ebola. So dürfe Forschung nicht erst im Ausbruch beginnen. Gegen das Bundibugyo-Virus gibt es immer noch keinen Impfstoff.
Unterdessen führt die WHO in der jüngsten Statistik auch 19 Ebola-Fälle aus Uganda, einem der neun Nachbarstaaten des Kongo. Verdachtsfälle habe das ugandische Gesundheitsministerium nicht gemeldet.
Joachim Heinz



