Zukunft
18.06.2026

Handwerker werden in KI-Zeiten

Bernhard Stiedl, Vorsitzender des Deutschen Gewerkschaftsbunds Bayern, wirbt im Zeitalter künstlicher Intelligenz (KI) für eine Renaissance des Handwerks und weist darauf hin: „Lebensmittel wachsen nicht in der Cloud.“
    

Elektrikerinnen und Elektriker arbeiten heute nicht mehr mit Technik aus dem vergangenen Jahrhundert. Elektrikerinnen und Elektriker arbeiten heute nicht mehr mit Technik aus dem vergangenen Jahrhundert. Foto: © imago/Fotostand

Die Debatte über KI wird in Deutschland oft so geführt, als läge die Zukunft ausschließlich in Programmierung, Datenanalyse und digitalen Geschäftsmodellen. Während Tech-Konzerne Milliarden investieren und Universitäten neue KI-Studiengänge schaffen, gerät aus dem Blick, dass eine Gesellschaft nicht allein von Algorithmen lebt. Häuser bauen sich nicht selbst, Stromleitungen werden von keiner Software repariert, und Lebensmittel wachsen nicht in der Cloud. Gerade deshalb könnte das Handwerk vor einer neuen gesellschaftlichen Aufwertung stehen. 

Schon heute fehlen in vielen Regionen Fachkräfte im Bauhandwerk, in der Metallverarbeitung oder im Lebensmittelhandwerk. Gleichzeitig erleben viele junge Menschen eine paradoxe Botschaft: Akademische Laufbahnen gelten als modern und erstrebenswert, praktische Berufe dagegen oft als zweite Wahl. Das ist nicht nur falsch, sondern wirtschaftlich gefährlich.

„Kein Chatbot deckt Dächer“

Denn die KI-Revolution trifft zuerst viele geistige Routinetätigkeiten. Texte, Übersetzungen, Verwaltungsaufgaben oder Teile juristischer und kaufmännischer Arbeit lassen sich zunehmend automatisieren. Handwerkliche Arbeit dagegen bleibt in hohem Maße ortsgebunden, praktisch und menschlich. Kein Chatbot deckt Dächer. Keine künstliche Intelligenz installiert Wärmepumpen. 

Das bedeutet nicht, dass Handwerk „von gestern“ wäre – im Gegenteil. Gerade diese Berufe verbinden praktische Fähigkeiten mit technologischem Fortschritt. Moderne Werkstätten arbeiten digital, Energiewende und Klimaschutz schaffen neue Anforderungen und neue Arbeitsplätze. Wer heute Elektrikerin oder Anlagenbauer wird, arbeitet längst nicht mehr mit Technik aus dem vergangenen Jahrhundert. Handwerk braucht Erfahrung, Präzision und Verantwortung vor Ort. Genau das macht diese Berufe so krisenfest. 
    

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Wo bleibt eine Kampagne fürs Handwerk?

Umso erstaunlicher ist, wie wenig politische Aufmerksamkeit diese Bereiche erhalten. Es stellt sich tatsächlich die Frage: Wo bleibt die große gesellschaftliche Initiative für das Handwerk? Wo bleibt eine Kampagne, die jungen Menschen vermittelt, dass praktische Arbeit Zukunft hat, gut bezahlt sein kann und gesellschaftlich unverzichtbar ist? 

Aus gewerkschaftlicher Sicht reicht Werbung allein allerdings nicht aus. Wer junge Menschen für das Handwerk gewinnen will, muss auch die Arbeitsbedingungen verbessern: höhere Tarifbindung, faire Löhne, verlässliche Arbeitszeiten, bessere Ausbildungsvergütungen und echte Entwicklungsperspektiven. Wertschätzung zeigt sich nicht in Sonntagsreden, sondern auf der Lohnabrechnung und im Alltag der Beschäftigten.

Handwerk – nicht Nostalgie, sondern Vernunft

Wir brauchen deshalb tatsächlich eine Renaissance des Handwerks – nicht aus Nostalgie, sondern aus ökonomischer Vernunft. Eine moderne Industriegesellschaft wird auch im Zeitalter der KI auf Menschen angewiesen sein, die mit ihren Händen, ihrem Wissen und ihrer Erfahrung konkrete Probleme lösen. Vielleicht ist genau das die eigentliche Zukunftsbranche. 

​Bernhard Stiedl, Vorsitzender des Deutschen Gewerkschaftsbunds Bayern