KI braucht menschliches Maß
Exklusiv für unser Online-Magazin Innehalten erklärt der Münchner Philosophie-Professor Michael Reder, warum Papst Leos KI-Enzyklika keine Technikangst schürt, sondern zu mehr Verantwortung aufruft.
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Papst Leo XIV. legt mit der Enzyklika „Magnifica humanitas“ eine Orientierungsschrift für das KI-Zeitalter vor. Für den Philosophen Michael Reder kommt sie genau zur richtigen Zeit.
„Leo XIV. beschreibt die Menschheit als an einem Scheideweg stehend – zwischen einem neuen Turm zu Babel und einer menschenwürdigen Zukunft“. Diese Bilder seien keineswegs überzogen, betont Reder. „Sie machen deutlich, welche enorme Tragweite die aktuellen technologischen Umbrüche haben. Die Auswirkungen der Künstlichen Intelligenz werden alle gesellschaftlichen Bereiche erfassen.“
Reder sieht Parallelen zur Industrialisierung des 19. Jahrhunderts. „Damals hat die Kirche mit der Sozialenzyklika ‚Rerum Novarum‘ auf die sozialen Folgen der Industrialisierung reagiert. Heute stehen wir erneut vor einem tiefgreifenden Wandel.“ Der Turmbau zu Babel stehe dabei für die Versuchung technologischer Hybris. „Es geht um die Vorstellung, alles optimieren und kontrollieren zu können. Dem setzt der Papst die Vision einer solidarischen Gesellschaft entgegen, die sich am Gemeinwohl orientiert.“ Deshalb laute die entscheidende Frage nicht, ob KI eingesetzt werde, sondern wie.
KI-Enzyklika warnt vor Hybris
Besonders wichtig ist für ihn der analytische Zugang der Enzyklika. „Leo XIV. schaut sehr genau auf die gegenwärtigen Entwicklungen.“ Der Papst warne davor, Menschen auf Datenpunkte zu reduzieren oder einem technokratischen Menschenbild zu folgen, das allein nach Effizienz und Leistung frage. „Die Enzyklika erinnert an einen Grundsatz christlicher Sozialethik: Die unantastbare Würde jedes Menschen muss Maßstab aller technischen Entwicklungen bleiben.“
Dabei richte der Papst seinen Blick auf ganz unterschiedliche gesellschaftliche Bereiche. „Er kritisiert die Macht großer Technologiekonzerne, spricht die Gefahren von Desinformation und Manipulation in der Politik an und stellt Fragen zum Einsatz von KI in Schule, Familie und Bildung.“ Genau darin liege für ihn die Stärke des Textes. „Die Enzyklika verbindet eine präzise Gesellschaftsanalyse mit den Prinzipien der katholischen Soziallehre.“
Besonders eindrucksvoll findet Reder die Passagen zum Krieg. Leo XIV. fordert darin, KI müsse „entwaffnet“ werden und dürfe niemals über Leben und Tod entscheiden. „Angesichts autonomer Waffensysteme und KI-gestützter Zielerfassung ist das eine sehr wichtige moralische Mahnung“, sagt der Philosoph. Der Papst stelle sich gegen die Normalisierung und Technisierung des Krieges. „Wo Algorithmen über Angriffe entscheiden, geraten die Opfer aus dem Blick. Wir dürfen den Krieg nicht normalisieren und nicht technisieren.“ Deshalb sei die Forderung nach einer ethischen Kontrolle der Technologie heute notwendiger denn je.
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Papst fordert ethische Kontrolle von KI
Gleichzeitig ist für Reder aber auch klar, dass „Magnifica humanitas“ kein technikfeindliches Dokument ist. „Leo XIV. erkennt ausdrücklich die Chancen der Künstlichen Intelligenz an. Entscheidend ist aber, dass der Mensch die Technik beherrscht und nicht umgekehrt.“ Verantwortung trügen dabei alle Ebenen der Gesellschaft – vom Einzelnen über Unternehmen bis hin zur Politik.
Für den Einzelnen bedeute das vor allem, die eigene Urteilskraft zu bewahren. „Wer KI nutzt, darf ihre Ergebnisse nicht unkritisch übernehmen. Gerade junge Menschen müssen lernen, Chancen und Risiken gleichermaßen zu erkennen.“ Diese Frage beschäftige inzwischen auch die Hochschulen intensiv. Reder, selbst Hochschullehrer, sagt: „Studierende sollen die Möglichkeiten der Technologie nutzen. Gleichzeitig müssen sie deren Grenzen, Verzerrungen und ethische Folgen reflektieren.“
Professor Michael Reder. Foto: © Hochschule für Philosophie / A.T. Birkenholz.
Der Professor für Praktische Philosophie forscht seit vielen Jahren zu ethischen Fragen der KI und arbeitet im Zentrum für verantwortungsvolle KI-Technologien mit Partnern der Technischen Universität München und der Universität Augsburg zusammen. „Wir untersuchen beispielsweise, wie algorithmische Verzerrungen in Bereichen wie Medizin oder Bildung entstehen“, erklärt er. Die Enzyklika könne dabei wichtige Impulse liefern. „Sie erinnert uns daran, dass technischer Fortschritt immer dem Menschen dienen muss.“
Am Ende steht für Reder deshalb keine Absage an die KI, sondern ein klarer Appell: „Technologische Innovation braucht Orientierung. Nicht Effizienz allein entscheidet über eine gute Zukunft, sondern die Frage, ob sie der Würde des Menschen und dem Gemeinwohl dient.“



