Kardinal Faulhabers Tagebücher
Kardinal Michael von Faulhabers Tagebücher sind eine einzigartige zeit- und kirchengeschichtliche Quelle. Nach zwölfjähriger Übertragung sind sie nun komplett online zugänglich.
Mehr als viertausend Seiten füllte Faulhaber zwischen 1911 und 1952 mit Tagebucheinträgen in der Gabelsberger-Kurzschrift. Foto: © KNA-Bild/KNA
München, 2. Oktober 1919. Erzbischof Michael von Faulhaber greift zu einem Tagebuch und notiert: „16.00 – 17.00 Uhr bei strömendem Regen Besuche mit dem Auto gefahren. Franz kann nicht Gänge einschalten; nicht Kurven nehmen, fährt fast in die Tram hinein, auf einen Weg hinauf, aufs Trottoir hinauf, bleibt bei der Einfahrt am Tore hängen. Wäre nicht Schutzengelfest heute gewesen, wir hätten wohl alle Rippen gebrochen und ein paar totgefahren.“ Seit einem Tag war Franz Xaver Roth als Pförtner und Hausmeister im Erzbischöflichen Palais angestellt. Von dessen Fahrkünsten zeigte sich sein 50-jähriger Vorgesetzter allerdings wenig überzeugt.
Dieser durchaus zum Schmunzeln anregende Text ist einer von insgesamt 10.729 Tagebucheinträgen. Auf 4.095 Seiten hielt Faulhaber zwischen 1911 und seinem Tod 1952 nahezu täglich seine Besucher und Gesprächsnotizen fest. In diesen 41 Jahren stand er mit mehr als 17.000 Personen in Kontakt. Beinahe wären die Tagebücher in Vergessenheit geraten. Der Kardinal schrieb in der heute ausgestorbenen Kurzschrift „Gabelsberger“. Nach seinem Tod nahm sein Privatsekretär die Tagebücher an sich, wodurch sie erst 2010 über Umwege in das Erzbischöfliche Archiv München gelangten. Ein interdisziplinäres Forschungsteam unter der Leitung der Professoren Hubert Wolf (Universität Münster) und Andreas Wirsching (Institut für Zeitschichte München) transkribierte in zwölfjähriger Arbeit die Tagebücher sowie rund 200 Gesprächsprotokolle. Diese zeithistorische Quelle der Superlative ist nun online komplett zugänglich (siehe www.faulhaber-edition.de).
Einblick in Faulhabers Gedankenwelt
Die digitale Edition erlaubt einen Blick über die Schultern des Kardinals auf seinen Schreibtisch und ermöglicht einen unmittelbaren Einblick in Faulhabers Gedankenwelt und Alltag. Zugleich eröffnet sie neue Perspektiven für die historische Forschung weit über die Geschichte des Erzbistums München und Freising hinaus. Faulhaber wurde noch während des Ersten Weltkriegs vom letzten bayerischen König zum Erzbischof ernannt und erlebte die politischen Umbrüche der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts aus nächster Nähe: den Untergang des Königreichs Bayern, die Münchner Räterepublik, die Weimarer Republik, die NS-Diktatur, den Zweiten Weltkrieg, die Besatzungszeit sowie die junge Bonner Republik.
In der jüngeren Vergangenheit ist Faulhaber vermehrt in die Kritik geraten. Diskutiert werden seine antidemokratische Haltung, sein Verhältnis zum Nationalsozialismus, sein Gespräch mit Hitler auf dem Obersalzberg 1936, sein Umgang mit Fällen sexuellen Missbrauchs sowie seine Beziehung zu Franziska Bösmiller. Die Debatte um eine mögliche Umbenennung der Münchner Kardinal-Faulhaber-Straße zeigt, wie aktuell die Auseinandersetzung mit seiner Person geblieben ist.
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Politische Umbrüche
Gerade hier liegt die besondere Bedeutung der Tagebücher. Seine Aufzeichnungen geben Auskunft über Faulhabers Sicht auf die politischen Umbrüche seiner Zeit, seine Haltung zum Nationalsozialismus, sein Verhalten zur millionenfachen Ermordung jüdischer Menschen, sein weitreichendes Personennetzwerk und seine Kontakte zur „Münchner Kirchenzeitung“.
An die Stelle eines eindimensionalen Schwarz-Weiß-Bildes dürfte nun ein Porträt mit vielen Grauschattierungen treten: Sichtbar wird ein Münchner Bürger, der während der Revolution von 1918 unter Todesangst litt. Ein Erzbischof, der sich von einer Kriegs- zu einer Friedenstheologie entwickelte. Ein Alttestamentler, der in antisemitischen Denkmustern seiner Zeit verhaftet blieb und gleichzeitig Mitglied der Vereinigung „Amici Israel“ war, die sich 1928 für die Reform der Karfreitagsfürbitte für die „perfiden“ Juden starkmachte. Ein Kirchenfürst, der von den „Euthanasie“-Morden wusste und öffentlich zum Holocaust schwieg, sich aber im Verborgenen für getaufte Juden einsetzte und Kontakte zum deutschen Widerstand pflegte. Ein Oberhirte, der geistlichen Frauengemeinschaften mit bemerkenswerter Offenheit begegnete.
Freundschaft mit dem Papst
Eindrücklich treten die persönlichen Beziehungen des Kardinals hervor. Mit Pius XII. verband ihn eine langjährige Freundschaft, zu dessen Haushälterin Schwester Pascalina Lehnert pflegte er engen Kontakt. Und immer wieder blitzt zwischen der hohen Politik und der hehren Theologie der Mensch Faulhaber durch. So notierte er am 23. Februar 1920 trocken: „Es war sehr warm und zuhause Glühwein, infolgedessen die Nacht über Herzklopfen.“
Professor Matthias Daufratshofer, stellvertretender Projektleiter der Online-Edition der Faulhaber-Tagebücher



