Kultur und Wissen
24.06.2026

Die nukleare Hölle vom Bikini-Atoll 

Von Deutschland aus gesehen liegen die Marshallinseln denkbar weit weg: mehr als 13.000 Kilometer Luftlinie. Was aber vor 80 Jahren das Bikini-Atoll erschütterte, bewegt auch heute noch. 

Aufnahme einer Unterwasser-Detonation einer Atombombe im Bikini-Atoll. Aufnahme einer Unterwasser-Detonation einer Atombombe im Bikini-Atoll. Foto: © imago/United Archives International

Vor den Tests sah sich der verantwortliche Admiral William H. P. Blandy zu einer Erklärung genötigt. „Die Bombe wird keine Kettenreaktion im Wasser starten, die alles in Gas verwandelt und Schiffe auf allen Ozeanen auf den Meeresboden fallen lässt. Sie wird kein Loch in den Meeresboden sprengen, durch das alles Wasser abläuft.“ 

Mit der „Operation Crossroads“ wollte die US-Armee vor 80 Jahren die Auswirkungen von Kernwaffenexplosionen untersuchen. Dafür hatten sie das zu den Marshallinseln gehörende Bikini-Atoll ausgesucht, damals noch unter Kontrolle der Vereinigten Staaten. Kaum ein Jahr nach dem ersten Test einer Atombombe in den USA und den Bombenabwürfen auf die japanischen Städte Hiroshima und Nagasaki zum Ende des Zweiten Weltkriegs ging es also in eine der entlegensten Ecken des Pazifiks. 

Jeden Tag ein Hiroshima – 20 Jahre lang 

„Sobald der Krieg zu Ende war, entdeckten wir den einzigen Punkt auf dieser Erde, der vom Krieg unberührt geblieben war, und schickten ihn zur Hölle“, urteilte US-Schauspieler Bob Hope. Der erste Abwurf einer Atombombe im Rahmen der „Operation Crossroads“ fand am 30. Juni 1946 statt – wegen der Zeitverschiebung auf den Marshallinseln war dort bereits der 1. Juli. 

Bis zum August 1958 führten die USA auf den Marshallinseln 67 Atombombentests durch, 23 auf dem Bikini-Atoll und 44 auf dem Enewetak-Atoll. Die Sprengkraft betrug laut der Umweltschutzorganisation Greenpeace insgesamt 108,5 Megatonnen. „Das ist, als würde 20 Jahre lang jeden Tag eine Atombombe von der Größe wie 1945 in Hiroshima explodieren.“
    

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Der Umzug brachte keinen Schutz

Die 161 Bewohner des Bikini-Atolls hatten vor dem ersten Test ihre Heimat verlassen müssen. Der zuständige US-Kommandant rief sie am 10. Februar 1946 im Anschluss an einen Gottesdienst dazu auf – mit einem Verweis auf die Bibel. Auch das Volk Israel sei schließlich vom Herrn vor seinen Feinden gerettet und in das Gelobte Land geführt worden. Zum „gelobten Land“ wurde für die Vertriebenen das etwa 200 Kilometer entfernte und bis dahin unbewohnte Atoll Rongerik. 

Vor den durch die Tests ausgelösten radioaktiven Strahlungen sollte jedoch niemand auf den Marshallinseln verschont bleiben, wie eine 2025 erschienene Greenpeace-Studie belegt. Selbst die Menschen auf den gering belasteten Atollen waren demnach einer deutlich höheren Strahlenbelastung ausgesetzt als die evakuierte Bevölkerung von Pripjat nach der Reaktorkatastrophe 1986 im sowjetischen Tschernobyl (heute Ukraine). 

Aus der Verantwortung gestohlen

Als besonders erschütternd bezeichnet Greenpeace den Umstand, dass US-Wissenschaftler die gesundheitlichen Folgen bei den Betroffenen beobachteten, ohne sie angemessen zu behandeln. Erst 1988 wurde das Marshall-Inseln-Tribunal für nukleare Entschädigungsansprüche eingerichtet, um Ansprüche im Zusammenhang mit den Atomtests zu bearbeiten. Den Opfern standen demnach Entschädigungen von mehr als zwei Milliarden US-Dollar zu. Die USA stellten jedoch nur 150 Millionen Dollar bereit; der Treuhandfonds war bis 2009 aufgebraucht. 

Stattdessen zogen sich die USA auf den 1986 mit den Marshallinseln abgeschlossenen Compact of Free Association zurück, der Unterstützung bei der wirtschaftlichen Entwicklung versprach. Die Probleme hätten sich in den vergangenen Jahren allerdings verschärft, wie Kernphysiker Heinz Smital sagt. Er bereiste mit Greenpeace im vergangenen Jahr zweimal die Inseln. 

Atomtests und Klimawandel 

Zu den Langzeitfolgen der Atomtests kämen nun die durch den Klimawandel verursachten Probleme hinzu, etwa der Anstieg des Meeresspiegels, so Smital. Seit Auflösung der Entwicklungsbehörde USAID fehle es an Geld, um Meerwasserentsalzungsanlagen zur Gewinnung von Trinkwasser zu betreiben. 

Und in Europa? Dort schwankten die Menschen laut Historiker Philipp Gassert zeitweilig zwischen naiver Technikbegeisterung und der Angst vor der atomaren Apokalypse. Ein besonders bizarres Beispiel lieferte die Modewelt: Der Franzose Louis Réard benannte den von ihm entworfenen Badeanzug 1946 nach dem Bikini-Atoll. 

Von einem Konkurrenten, der eine ähnliche Kreation namens „Atom“ lanciert hatte, grenzte sich Réard mit dem Slogan ab: „Le bikini, la première bombe an-atomique!“ – „Der Bikini, die erste anatomische Bombe!“ 

Joachim Heinz

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Artikel von KNA
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