Künstler vor dem Tigerkäfig
Das Franz-Marc-Museum in Kochel zeigt eine Ausstellung über ein Phänomen der vorletzten Jahrhundertwende: „Die Moderne im Zoo“.
Oskar Kokoschka, Tigerlöwe, 1926, Belvedere, Wien. Foto: © Johannes Stoll / Belvedere, Wien
Allein wegen seiner prächtigen Lage inmitten eines kleinen Parks und direkt über dem Kochelsee mit Blick darauf lohnt sich immer schon ein Besuch im Franz-Marc-Museum in Kochel. Heuer scheint sich (fast) das ganze Haus auch noch in einen bunten Zoo verwandelt zu haben. Wer es besucht, begegnet unzähligen Tieren aller Art, gemalt, gezeichnet, fotografiert, im Film oder als Bronzeplastik: Papageien, Affen, Elefanten, Löwen, Nashörnern, Bären, Panthern, Giraffen, Flamingos, Gazellen, Pferden, Pudeln und auch Unterwassertieren – eben all den Tierarten, die wir sonst in den Zoos der ganzen Welt bestaunen können. Nur sind sie hier stattdessen als Kunstwerke zu bewundern.
Sie alle bevölkern die erste Überblicks-Ausstellung zu einem zentralen Thema in der modernen Kunstgeschichte, das bislang kaum beachtet wurde: nämlich wie sehr zoologische Gärten um die Wende zum 20. Jahrhundert die Kunst der Moderne inspiriert haben. Ohne die Auseinandersetzung mit dem Tier ist die klassische Moderne undenkbar. Mehr als 170 Gemälde, Zeichnungen, Fotografien, Plastiken, Plakate und Bücher von annähernd 50 Künstlerinnen und Künstlern veranschaulichen die Bedeutung von Zoos als Ausdruck der künstlerischen, kulturellen und gesellschaftlichen Entwicklungen um 1900.
Ambivalenzen der Moderne
Wie kaum ein anderer spiegelt dieser Ort für Tiere die Ambivalenzen der Moderne. Die Künstlerinnen und Künstler dieser Zeit suchten im Tierpark nach neuen künstlerischen Impulsen abseits akademischer Traditionen und nach einer vermeintlich ursprünglichen Natur. Zoologische Gärten waren nicht nur touristische Attraktionen, sondern auch zentrale Orte des städtischen Lebens. Hier verschwammen die Grenzen zwischen Natur und Kultur, Wildnis und Zivilisation. Was die Kunstschaffenden der Moderne besonders anzog: bewegte Tierkörper, exotische Schauplätze und das emotionale Erleben.
Die Evolutionstheorie von Charles Darwin hatte um 1900 die klare Trennung zwischen Mensch und Tier erschüttert – mit weitreichenden Folgen für die Kunst. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse, dass Tiere Gefühle und Intelligenz besitzen, sensibilisierten die Kunstschaffenden damals für das Tier als echtes Gegenüber. Nicht zuletzt deshalb zog es sie auf der Suche nach interessanten Motiven und Formen sowie einer anderen Sicht auf die Welt in die damals neu entstandenen Tierparks.
Exotische Tiere aus aller Welt
Zoologische Gärten entwickelten sich im 19. Jahrhundert zu den meistbesuchten öffentlichen Einrichtungen in Europa. Dort konnten nicht nur exotische Tiere aus aller Welt bestaunt werden. Schattige Alleen luden zu ausgedehnten Spaziergängen ein und vielseitige Unterhaltungsspektakel mit Dressurvorstellungen, Konzerten und Tanzbällen sprachen ein unterschiedliches Publikum an. Inmitten wachsender Großstädte bot der Zoo einen Zugang zur „wilden Natur“ (man konnte in ihm mit der Fantasie auf Reisen gehen), die aber zugleich kontrolliert, katalogisiert und inszeniert war. Er war also kein „unschuldiger“, sondern ein ambivalenter Ort zwischen Naturwissenschaft und Unterhaltung, zwischen Fortschritt und Rückschritt (Stichwort: Kolonialisierung) und der Sehnsucht nach Ursprünglichkeit.
Auch die Künstlerinnen und Künstler beteiligten sich rege an diesem Phänomen. Ihr Interesse am Tierstudium wurde sogar zu einer treibenden Kraft für Zoogründungen – wie etwa des Tierparks Hellabrunn in München. Kunstschaffende warben in der bayerischen Hauptstadt ab 1907 mit gemalten Postkarten, Künstlerfesten und Ausstellungen für die Einrichtung eines Tierparks, dessen Fehlen sie als „empfindliche Lücke“ für das künstlerische Studium verstanden. Dafür engagierten sich auch Künstler wie Franz Stuck und so eröffnete Hellabrunn 1911 seine Pforten, dessen parkähnliche Anlagen in die natürliche Auenlandschaft der Isar integriert wurden.
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Naturnähe und Inszenierung
Sieben Kapitel beleuchten in der Schau die engen Beziehungen zwischen Kunst, Tierpark und Moderne – und damit zentrale Aspekte des Mensch-Tier-Verhältnisses um 1900. Das erste schildert den Zoo als städtischen Erlebnisraum zwischen illusorischer Naturnähe, architektonischer Inszenierung und bürgerlicher Freizeit-Kultur. Früher hockten bunte Papageien angekettet auf Stangen in den Alleen und begrüßten die Besuchenden mit ihren lauten Rufen, wie ein Bild von Max Liebermann zeigt.
In einem Gemälde von August Macke bewegen sich Mensch und Tier auf engstem Raum nebeneinander, frei von Gittern oder anderen trennenden Hürden. Macke hält das entspannte Flanieren der Zoogäste fest. Er zeigt den Zoo als Ort, in dem die ursprüngliche Wildheit der Tiere dem Freizeitvergnügen des modernen Menschen gewichen ist. Ein Sehnsuchtsort der friedlichen Koexistenz, der trotzdem nicht darüber hinwegtäuschen kann, dass diese Nähe eine künstlich erzeugte ist.
Bunte, märchenhafte Farben und Formen
Das Kapitel „Großstadtzirkus“ beleuchtet, wie Tiere in wandernden Menagerien und im Zirkus als Spektakel präsentiert wurden. Franz Marc dagegen forderte damals ein „Sich-Hineinfühlen in Natur und Tiere, um sie nicht so abzubilden, wie der Mensch sie sieht, sondern wie sie selbst die Welt ansehen und ihr Sein fühlen“. Das kommt in seinen vielen Tierbildern mit bunten, märchenhaften Farben und Formen anschaulich zum Ausdruck.
Auch die Ähnlichkeit im Verhalten und Empfinden von Menschen und Tieren, aber vor allem von Affen – den uns am nächsten verwandten Tieren – thematisieren einige Kunstwerke. Wie etwa in dem Gemälde „Affen als Kunstrichter“ des Münchner Malers Gabriel von Max: Teils interessiert, teils blasiert wendet sich eine Affenherde einem Bild zu, von dem wir nur den goldenen Rahmen sehen. Damit zieht er nicht nur den Kunsthandel durch den Kakao, sondern spricht den Tieren auch ein ästhetisches Empfinden zu (wie es schon Darwin propagierte).
Geht es bei Tiergärten denn um Bildung und Sensibilisierung für andere Lebewesen – oder um die Inszenierung von Überlegenheit? Auch diesen Aspekt thematisiert diese für die ganze Familie sehenswerte Schau. Seit der Eröffnung der ersten Zoos bis heute sind sie ambivalente Orte im Spannungsfeld zwischen der Zurschaustellung von Tieren und deren Schutz und Erhaltung.
Karl Honorat Prestele
Die Ausstellung ist bis Sonntag, 9. November, im Franz-Marc-Museum in Kochel am See (Franz-Marc-Park 8–10) zu sehen. Es ist dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr geöffnet, ab November voraussichtlich nur bis 17 Uhr. Näheres unter www.franz-marc-museum.de.



