Neue Ausstellung im Freisinger Diözesanmuseum
Bewaffnete Eskorte für Bellini
Die Ausstellung „Göttlich! Meisterwerke der italienischen Renaissance“ im Freisinger Diözesanmuseum setzt sich mit der Kunst des 14. und 15. Jahrhunderts auseinander. Sie zeigt, wie sich darin Umwälzungen im Menschenbild und im religiösen Bewusstsein widerspiegeln und warum diese Bilder den Betrachtern auch heute noch etwas zu sagen haben.
Pietà (Toter Christus von Engeln gestützt), Giovanni Bellini, Venedig, um 1460. Foto: © Photo Archive - Fondazione Musei Civici di Venezia / Foto: Matteo De Fina 2023
Giovanni Bellini traf unter Polizeischutz in Freising ein. Genauer sein Gemälde „Toter Christus von Engeln gestützt“ aus dem Museo Correr in Venedig. „Es war Teil des Leihvertrages, dass es mit einer bewaffneten Eskorte über den Brenner gebracht wird“, erklärt Anna-Laura de la Iglesia. Die Kunsthistorikerin hat die Ausstellung „Göttlich! Meisterwerke der italienischen Renaissance“ im Diözesanmuseum auf dem Freisinger Domberg mitgestaltet. Bei den Leihgebern aus Prato musste sie ein anderes Versprechen einlösen: eine Video-Standleitung, weil das ausgeliehene Marienbild eine jahrhundertelange Verehrungsgeschichte hat und für die Lokalgeschichte so wichtig ist. „Das Gemälde wird ständig von einer Kamera gefilmt und der Livestream ins Stadtmuseum von Prato übertragen.“ Das Kunstwerk ist den dortigen Bürgern so wichtig, dass sie es auch in der Ferne im Auge behalten wollen.
Gemalte Lebens- und Glaubensfragen
Es sind materielle, ideelle und religiöse Kostbarkeiten, die für knapp vier Monate in Freising zu sehen sind. Bereits in den vergangenen Jahren waren dort prominente Leihgaben aus Italien zu sehen. Manche hatten das Land, ja sogar ihren Standort zuvor noch nie verlassen. Es sei ein gutes Netzwerk entstanden, sagt Christoph Kürzeder: „Und wir haben uns in Italien inzwischen einen guten Ruf als Kooperationspartner erworben, so dass dort viele Museen gerne bereit sind, Dinge an uns auszuleihen.“ So ist nun auch diese außerordentliche Ausstellung über die Kunst der Renaissance zustande gekommen: 65 Bilder und Skulpturen aus 27 Sammlungen, darunter aus der Vatikan-Bibliothek.
Viele dieser Werke gehen nur äußerst selten auf Reisen. Natürlich haben der Direktor des Diözesanmuseums und sein Team nicht willkürlich angefragt. In jüngster Zeit waren an unterschiedlichen Orten eine ganze Reihe von Ausstellungen zur italienischen Renaissance zu sehen. Dort standen vor allem einzelne Künstler und kunstwissenschaftliche Themen im Vordergrund. „Bei uns geht es um den Menschen und die großen Fragen des Lebens und da ist natürlich Religion an erster Stelle“, sagt Kürzeder. Diese Fragen haben die Künstler und ihre Auftraggeber, aber auch das gesamte Volk im Italien des 13., 14. und 15. Jahrhunderts umgetrieben, das damals ein politischer Flickenteppich war.
Kunst und Kapital
Doch besonders die Städte waren eine wissenschaftliche und wirtschaftliche Großmacht. So bildete etwa Prato ein internationales Zentrum der Textilproduktion und des Textilhandels. Das ist es übrigens bis heute geblieben, verbunden mit großen sozialen Problemen. In Freising sind 600 Jahre alte Stoffmuster für Tuche zu sehen, die Kaufleute aus Prato in ganz Europa herstellen ließen. Die verkauften sie durch neue Buchhaltungs-, Verwaltungs- und Vertriebsmethoden mit enormen Gewinnspannen. Die Ausstellung im Diözesanmuseum macht mit den unscheinbaren Stoffmustern und dazugehörigen Geschäftsbriefen klar, dass mit diesem Kapital auch die große Kunst und Stiftungen für die Armen finanziert wurden. „Auch aus schlechtem Gewissen“, erläutert Anna-Laura de la Iglesia. „Die Kaufleute wollten ja nicht als Wucherer dastehen und außerdem mit guten Werken in den Himmel kommen.“ Dabei sollten Kunstwerke mithelfen: große für Kirchen, die Gott und die Heiligen ehren, aber ebenso kleine für die private Andacht und das persönliche Gebet. Sie machen die Umbrüche deutlich, die sich in dieser Zeit im Menschenbild und im religiösen Bewusstsein vollzogen haben. Eines der ersten Bilder der Freisinger Ausstellung zeigt eine mächtige Madonna von Parri di Spinello, die vor einem Goldgrund eine viel kleiner wiedergegebene Menschenschar unter ihrem Schutzmantel versammelt.
Das Heilige wird nahbar
Schon im nächsten Raum sind die schlagartigen Veränderungen zu sehen, die sich innerhalb weniger Jahrzehnte vollzogen haben. Die Künstler zeigen Heilige und Christus nicht mehr entrückt, sondern nahbar und zugewandt. Die einzelne Person wird wichtig und deshalb sind die betenden Stifter der Gemälde groß und im Porträt dargestellt. Die Schönheit der Landschaft wird entdeckt. In ihr lässt sich Gott begegnen, weil sie Teil seiner Schöpfung ist. In diese Schöpfung ist der Mensch hineingesetzt, um sie zu erforschen und zu verstehen.
Die Künstler nutzen wissenschaftliche Entdeckungen, wie die Gesetze der Perspektive oder der Anatomie. Damit schaffen sie wirklichkeitsnahe Darstellungen des Heiligen und verbinden sie mit dem Alltag. In dem tauchen jedoch weiterhin Geheimnisse im Diesseits wie im Jenseits auf, die Menschen vor Grenzen und existentielle Verluste stellen und ratlos machen. Christoph Kürzeder deutet auf zwei Büsten aus Ton, die Johannes den Täufer als kleinen Jungen wiedergeben. Wahrscheinlich zeigen sie Porträts verstorbener Kinder der Auftraggeber. „Da haben wir das Thema Kindersterblichkeit“, erklärt der Direktor des Diözesanmuseums, „und in diesen wie in anderen Werken geht es darum, was Kunst leisten kann, um uns zu trösten, um unsere Fragen zu beantworten.“
Die Bilder der Renaissance erfüllen auch die Aufgabe, Orientierung und Hoffnung für das Leben wie für das Sterben zu geben. Dass sie in einer Zeit entstanden sind, die enorme Krisen, Gewalt sowie explosive technologische und wissenschaftliche Neuerungen erlebt hat, verbindet sie mit dem 21. Jahrhundert und seiner Suche nach Halt und Gewissheit.
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Eine Ausstellung für „alle“
Dafür steht der melancholische Blick des „Erlösers“ von Andrea Mantegna. Ein leises Bild, das einen schwermütigen Christus zeigt, der weiß, wie verschlungen und schmerzhaft der Weg zum Heil und zum Reich Gottes ist. Wie alle Werke in dieser Ausstellung spricht es die Gefühle mit einer Kraft an, die auch heutige Betrachter spüren. Deshalb nennt Christoph Kürzeder als Zielgruppe der Ausstellung schlicht „alle“. Denn die Bilder „verlangen keinen Wissenstand über die damalige Zeit und Kultur, sprechen unterschiedliche Generationen unmittelbar an und werden intuitiv verstanden“.
Gleichzeitig soll die Ausstellung ein Nachdenken über die Gegenwartskultur auslösen. Welche Bedeutung haben Bilder in der heutigen Welt, in der pro Sekunde 61.000 Fotos entstehen, die meistens auf kleinen Handybildschirmen auftauchen, schnell angeschaut und wieder weggewischt werden? In der Freisinger Ausstellung lässt sich vielleicht wieder ein genauer und ruhiger Blick lernen, der nicht nur bis zum nervösen Zeigefinger, sondern bis ins Herz und den Verstand reicht. Und sie macht deutlich, warum Kunstwerke so wichtig sind, dass sie eine Polizeieskorte verdienen. Oder einer ganzen Stadt so viel bedeuten, dass sie während einer Ausleihe wenigstens per Livestream zu sehen sein sollen.
Die Ausstellung „Göttlich! Meisterwerke der italienischen Renaissance“ im Diözesanmuseum auf dem Domberg in Freising dauert vom 20. September bis zum 11. Januar. Das Museum ist von Dienstag bis Sonntag von 9 bis 17 Uhr geöffnet. Weitere Informationen unter dimu-freising.de.



