Gewalt an Frauen
Kirche darf nicht schweigen
Deutschland debattiert über sexuelle Gewalt an Frauen – ein schwerwiegendes Thema, das mit Partnerschaft, Respekt und Menschenwürde zu tun hat. Überraschenderweise nicht an der Debatte beteiligt ist die katholische Kirche, die sich sonst gern und oft zu aktuellen Themen äußert. Doch die Kirche darf hier nicht schweigen, findet Domberg-Akademie-Direktorin Claudia Pfrang.
„Gewalt ist keine Privatsache“ – so die Botschaft dieser Teilnehmerin einer Demonstration gegen sexualisierte Gewalt am 22. März in Berlin. Foto: © imago/Stefan Trappe
Fast jeden Tag wird in Deutschland eine Frau umgebracht, weil sie eine Frau ist. Häusliche Gewalt an Frauen hat 2024 einen Höchststand erreicht. Dort ist im Vergleich zum Vorjahr ein Anstieg um mindestens 3,5 Prozent zu verzeichnen, im Bereich der digitalen Gewalt um 6 Prozent. Diese Zahlen der Kriminalstatistik zeigen nur das Hellfeld, denn die meisten Gewalttaten werden nicht angezeigt. Frauen in Deutschland sind nicht sicher! Es ist nicht zuletzt dem Mut von Frauen wie Gisèle Pelicot und Collien Fernandes zu verdanken, dass das Ausmaß der Gewalt gegen Frauen offen zum Thema wird. Die Scham muss die Seite wechseln!
Patriarchale Strukturen
Gewalt gegen Frauen ist eine Menschenrechtsverletzung. Klingt selbstverständlich, ist es aber nicht. Gewalt gegen Frauen wird durch gesellschaftliche und strukturelle Faktoren begünstigt. Um diese zu bekämpfen, müssen patriarchale Strukturen, tief verankerte Rollenstereotype, Sexismus und toxische Männlichkeitsbilder angegangen werden. Gewalt ist keine Privatsache – so stand es auf einem Demo-Plakat. Alle sind gefragt, insbesondere die Männer und nicht zuletzt die Kirchen. Wer über Menschenwürde und Gottesebenbildlichkeit aller spricht, darf über Gewalt gegen Frauen nicht schweigen!
Damit sind Anfragen an die Kirche verbunden: Zum einen wurden und werden Frauen auch in der Kirche Opfer sexueller Übergriffe. Wenn Kirche sich in gesellschaftliche Debatten über Gewalt gegen Frauen einbringen will – wozu sie verpflichtet ist! –, muss sie weiter Ursachen bekämpfen, Aufarbeitung und Prävention dieser Gewalt vorantreiben. Ansonsten ist sie unglaubwürdig.
Kirche trägt Mitverantwortung
Allerdings: Eigene Glaubwürdigkeitsprobleme dürfen nicht dazu führen, dass sich die Kirche und kirchliche Amtsträger in dieser Debatte zurückhalten. Sie dürfen nicht schweigen und müssen sich gegen Diskriminierung und Gewalt an Frauen positionieren und zugleich erkennbar aus ihren Fehlern lernen. Konkret: mutig gegen patriarchale Überzeugungen und Machtstrukturen und damit gegen Missbrauch und Gewalt begünstigende Faktoren in der Kirche angehen. Auch wenn das bedeutet, weltkirchlich „dicke Bretter zu bohren“ und sich für kirchenrechtliche Veränderungen starkzumachen.
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Ehrliche Selbstreflexion
Ein wichtiger Schritt wäre auch die ehrliche Selbstreflexion eigener Prägungen, Überzeugungen und Verhaltensmuster: Welche Frauen haben mich in welcher Weise geprägt? Welche meiner „Frauenbilder“ sind zeitbedingt und vielleicht theologisch veränderungsbedürftig? Wie kann ich mich in meinem Verantwortungsbereich starkmachen für eine Kultur der Gleichberechtigung, in der Dominanz und Gewalt unwahrscheinlicher werden?
Eine Kirche, die eigene Fehler reflektiert und daraus lernt (persönlich wie strukturell), kann sich glaubwürdig in gesellschaftlichen Debatten positionieren. Zur Glaubwürdigkeit gehört auch der praktische Einsatz, wie ihn die Frauen- oder Fachverbände wie der Sozialdienst katholischer Frauen (SkF) mit ihrer Präventions-, Schutz- und Unterstützungsarbeit für gewaltbetroffene Frauen vormachen. Diese Arbeit seitens der„Hirten“ medial vernehmbar und finanziell tatkräftig zu unterstützen – auch das ist ein wirksames Engagement für die Würde der Frauen.
Claudia Pfrang ist Direktorin der Domberg-Akademie in Freising



