Gerechtigkeit
25.03.2026


Das sagt ein Sudetendeutscher heute 

Vor 80 Jahren leiteten die „Beneš-Dekrete“ die Vertreibung der Deutschen aus der Tschechoslowakei ein. Otfrid Pustejovsky war zwölf Jahre alt, als er seine Heimat verlassen musste. Seit Jahrzehnten setzt er sich für die Aussöhnung von Deutschen und Tschechen ein. 
    

Otfrid Pustejovsky in seinem Arbeitszimmer in Waakirchen-Marienstein. Otfrid Pustejovsky in seinem Arbeitszimmer in Waakirchen-Marienstein. Foto: © SMB/Bierl

Die drei kleinen Kinder und ihre Mutter waren als Letzte übriggeblieben. Schließlich brachte sie ein Angestellter der Gemeinde noch in einer kleinen Kammer unter. Kurz danach ging es in ein anderes Zimmer: „An einer Nordwestecke mit einfacher Verglasung, eine Scheibe war zerbrochen und kein Ofen drin“, erinnert sich Otfrid Pustejovsky. Der Ofen kam dann später auf Bezugsschein, aber ohne Rohr. Der gutmütige Bürgermeister sorgte mit einem handschriftlichen Zettel dafür, dass es der Laden herausrückte.  

Knapp war alles. Das Holz besorgte die Familie aus einem drei Kilometer entfernten Wald, mit einem offiziellen Leseschein, der ihnen das Aufsammeln kleiner Äste erlaubte. Die Ernährung war kümmerlich: „Unsere Mutter weinte, wenn wir sie aufmuntern wollten und ihr sagten, wie gut uns die trockenen Kartoffeln und das Stück Brot schmeckten, das war die übliche Mahlzeit.“ Als Stühle und Tisch dienten drei schnell zusammengezimmerte Kisten, in denen die Familie jeweils 50 Kilo Gepäck gestopft hatte. Mehr war nicht erlaubt. 

Heimat in Ostrau verloren 

Wie etwa drei Millionen andere Kinder, Frauen und Männer hatten die Pustejovskys durch die sogenannten Beneš-Dekrete ihre Heimat in Ostrau, dem heutigen Ostrava im Osten Tschechiens, verloren. Die provisorische Nationalversammlung der Tschechoslowakei hatte die Dekrete am 28. März 1946 offiziell gebilligt. 

Diese Verordnungen besiegelten die Ausweisung fast aller deutschstämmigen Bewohner. Etwa 1,7 Millionen kamen nach Bayern. Otfrid Pustejowski war zwölf, seine beiden Schwestern sechs und acht Jahre alt, als sie mit ihrer Mutter am 23. September 1946 in Tegernsee eintrafen. Der Vater war vermisst; erst 13 Jahre später erfuhr die Familie, dass er gefallen war. 
     

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Flüchtlingsausweis mit Fingerabdruck 

Geschichtliche wie persönliche Daten spult Pustejowski auch mit 92 Jahren sofort ab, wenn er von seinen Erinnerungen als Flüchtling erzählt. Das war der offizielle Begriff für Menschen wie ihn. Aus einer Mappe zieht er ein altes Dokument. „Flüchtlingsausweis“ steht groß darauf und darunter: „ausgegeben vom Staatskommissar für das Flüchtlingswesen“. Er ist auf den Namen seiner Mutter ausgestellt und trägt den vorgeschriebenen Fingerabdruck.  

Das Kriegsende eineinhalb Jahre zuvor erlebte die Familie in Ostrau. „Wegen der Tieffliegerangriffe hatten wir unsere Wohnung im ersten Stock verlassen und sind in den Keller gezogen“, erzählt Pustejovsky. Dort wohnte ein älterer Mann mit seiner Frau, einer ungarischen Jüdin, die er vor der Deportation bewahrt hatte. Das Ehepaar half mit, Pustejovskys Mutter vor einer Vergewaltigung durch russische Soldaten zu schützen, der auch viele tschechische Frauen zum Opfer fielen. „Sie haben unsere Mutter immer wieder an anderen Orten im Keller versteckt.“


Der Flüchtlingsausweis von Otfrid Pustejovskys Mutter, ausgestellt in Miesbach im Herbst 1946. Der Flüchtlingsausweis von Otfrid Pustejovskys Mutter, ausgestellt in Miesbach im Herbst 1946. Foto: © SMB/Bierl
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Zehn Jahre lang Angstzustände 

Um die kleinste Schwester daran zu hindern, nach der Mama zu schreien und sie vielleicht zu verraten, wenn Soldaten im Anmarsch waren, „haben meine ältere Schwester und ich sie verdroschen, bis sie nur noch schluchzte und nichts mehr sagen konnte“. Das hatte zudem den Effekt, dass die meisten Soldaten Mitleid fühlten und die Kellerbewohner in Ruhe ließen.  

Pustejovsky selbst erlebte Gewalt, als er gerade mit einem tschechischen Freund auf der Straße spielte. „Dann kam ein Mann und fragte mich auf Tschechisch, ob ich Deutscher sei, und ich sagte Ja.“ Den anderen Buben schickte der Passant nach Hause, den kleinen Otfrid prügelte er windelweich, schleppte ihn in einen Keller, schlug ihn nochmals heftig, und sperrte ihn ein: „Ich hatte Todesangst und glaubte, dass ich meine Familie niemals wiedersehen würde.“ Er weiß nicht, wie viele Stunden er dort saß, bis ihn der Mann  
wieder herausließ und wegjagte. „Danach hatte ich zehn Jahre lang Angstzustände und zuckte zusammen, wenn ich ein Wort Tschechisch hörte, das ja meine Zweitsprache war.“ 

Stoffabzeichen zur Markierung 

Kurz danach hatte er, wie alle seine Landsleute, auf der Kleidung ein Stoffabzeichen zu tragen: „Ein weißer Kreis mit 15 Zentimeter Durchmesser mit einem ,N‘ in der Mitte, das für Němec, also Deutscher stand.“ Das sollte sie als Fremde markieren und war ein Vorzeichen für die kommende Ausweisung. „Die meisten Vertriebenen haben es sofort abgerissen und weggeschmissen, als sie die tschechoslowakische Grenze hinter sich hatten.“ Pustejovsky hat es als einer der wenigen Flüchtlinge bis heute aufgehoben.  

Von Hass oder einem Aufrechnen von Leid ist aber nichts zu spüren, wenn er heute von seiner Geschichte erzählt. „Mir ist sehr bewusst, dass viele Waggons, die uns nach Deutschland brachten, vorher für die Vernichtungstransporte nach Auschwitz eingesetzt worden waren.“ Als Historiker befasst er sich seit Jahrzehnten mit der Frage, wie und warum die Vertreibung der Deutschen damals geschah. „Aus der damaligen Situation kann ich die Beneš-Dekrete sogar etwas verstehen, weil der NS-Terror ein solches Hasspotenzial aufgebaut hatte, dass die tschechische Exilregierung sagte, wir wollen dieses deutsche Problem in unserer Republik endgültig liquidieren, wie es wortwörtlich hieß.“ In den Vertriebenenverbänden kam es dagegen noch bis in den 1980er Jahren zu revanchistischen Tönen und Verklärungen der NS-Zeit. 

Deutungsstreit in der Zeitung 

Pustejovsky erinnert sich an einen Beitrag in der „Sudetendeutschen Zeitung“: „In dem hieß es, die Deutschen in der Tschechoslowakei seien immer unterdrückt gewesen, mit einer Ausnahme von 1938 bis 1945, und da hat mich der blanke Zorn gepackt.“ Er protestierte mit einem Brief und konterte als Historiker, dass kurz nachdem die Tschechoslowakei 1938 das Sudetenland an Hitler-Deutschland abtreten musste, auch 2.000 Deutsche in die schnell eingerichteten Konzentrationslager gesperrt wurden. Die zuvor in der unabhängigen Republik erlaubten deutschen Parteien, wie die SPD, hätten die NS-Machthaber sofort verboten, ebenso setzte die Verfolgung der dort lebenden deutschsprachigen Juden ein. Auf seinen Brief erhielt Pustejovsky prompt eine Antwort des Sprechers der Sudetendeutschen Landsmannschaft: „Da stand, ich sei zwar ein ordentlicher Historiker, allerdings von dunklen Mächten umgeben, die das Unrecht an den Sudetendeutschen verharmlosen wollten.“  

Das hatte Pustejovsky selbst am eigenen Leid erfahren, nur dass er es immer in einen historischen Zusammenhang stellte. „Und ganz wichtig kommt hinzu: Meine tiefgläubige Mutter ließ nie einen Hass in sich wachsen; sie wusste ja, wie furchtbar er sich auswirken kann.“ Das hat sie an ihre Kinder weitergegeben. In Tegernsee sang sie bald im Kirchenchor mit, der Sohn wurde Oberministrant und besonders in der Pfarrei fand die Familie eine neue Heimat. 

Slawistik-Studium und Promotion 

Otfrid Pustejovsky konnte studieren, wurde Gymnasiallehrer für Geschichte, Deutsch und Religion. Sattelte noch ein Slawistik-Studium drauf und machte einen Doktor in osteuropäischer Geschichte. Er engagierte sich in der Ackermann-Gemeinde, dem katholischen Vertriebenenverband, der sich seit seiner Gründung für die Versöhnung zwischen Deutschen und Tschechoslowaken einsetzt. Selbst in den Zeiten des Kommunismus hielt er Verbindungen nach Prag und Ostrau. Mit dem Nachbarjungen, mit dem er 1945 auf der Straße spielte, bevor ihn der unbekannte Mann verprügelte und einsperrte, pflegt er bis heute eine Freundschaft. Treffen sie sich, sprechen sie durcheinander Tschechisch und Deutsch. 

Pustejovsky hält Vorträge an Universitäten in Böhmen und Mähren, hat große Teile seiner 10.000 Bände umfassenden Fachbibliothek dorthin verschenkt. Im vergangenen Herbst ist sogar das tschechische Fernsehen auf ihn als Zeitzeugen zugegangen. Ein Filmteam begleitete ihn in seine frühere Heimat und in seine jetzige im Bayerischen Oberland.  

Respekt und Gedenktafeln 

Mit höchstem Respekt spricht er davon, wie tschechische Historiker die Vertreibung erforschen und das damalige Unrecht nicht verbrämen – und dass mittlerweile vielerorts Gedenktafeln an die Ermordung von Deutschen nach Kriegsende erinnern. Dann spürt er, dass es sich gelohnt hat, sich für die Verständigung zwischen den beiden Völkern einzusetzen. Selbst das Unrecht der Beneš-Dekrete (siehe Kasten „Hintergrund“) hat ihn davon nicht abgehalten. 

„Ich hoffe, dass wir wenigstens in Europa daraus gelernt haben, dass Terror und Vertreibung nirgendwo und niemals Mittel der Politik sein dürfen“, sagt Pustejovsky entschlossen. Dass das doch einmal mitten in Europa der Fall war, daran erinnert ihn der Flüchtlingsausweis seiner Mutter, den er noch einmal lange anschaut, bevor er ihn behutsam wieder in die Mappe legt. 


Hintergrund: Vertreibung der Deutschen 

Infolge des Zweiten Weltkriegs verloren Millionen Deutsche ihre Heimat. Historiker schätzen ihre Zahl auf 12 bis 14 Millionen. Sie flohen ab 1944 vor der heranrückenden Roten Armee aus den deutschen Ostgebieten oder wurden bis 1950 gewaltsam vertrieben. Zwischen 400.000 und zwei Millionen Menschen kamen ums Leben.  

Familien wurden auseinandergerissen; Hunger, Kälte und Krankheiten waren Begleiter der Menschen, die meist nur mit wenigen Habseligkeiten und manchmal erst nach Monaten im Westen strandeten. Den „wilden Vertreibungen“ rund um das Kriegsende folgten Zwangsaussiedlungen, beides wurde legitimiert durch die Siegermächte bei der Potsdamer Konferenz im Sommer 1945.  

Politisches Ziel der Alliierten war, ethnisch weitgehend homogene Staatsgebiete für die von Hitler überfallenen osteuropäischen Länder zu schaffen. Zugleich wurden Grenzen neu gezogen – Polen verschob sich nach Westen. Die Hauptherkunftsgebiete der Flüchtlinge waren Schlesien, das nun zu Polen gehörte, das Sudetenland in der Tschechoslowakei sowie Ost- und Westpreußen, das zwischen Polen und der Sowjetunion aufgeteilt wurde. Betroffen waren aber auch die deutschen Minderheiten in Rumänien, Jugoslawien und Ungarn.  

Die Integration von Millionen Entwurzelten war eine große Aufgabe für die Nachkriegsgesellschaft und prägte lange die politische Agenda in der Bundesrepublik. Ein kleiner Teil ihrer materiellen Verluste wurde durch das Lastenausgleichsgesetz von 1952 kompensiert. Der katholische Verband Ackermann-Gemeinde, hauptsächlich bestehend aus sudetendeutschen Christinnen und Christen, wurde zum Motor der deutsch-tschechischen Verständigung. Begegnungen und Besuche, Jugendaustausch, gemeinsame kulturelle Veranstaltungen etablierten sich – auch mit einem selbstkritischen Blick auf die Vergangenheit. 2021 öffnete nach langen Kontroversen in Berlin ein Dokumentationszentrum Flucht, Vertreibung, Versöhnung.  

Die Beneš-Dekrete waren Verordnungen, die nach dem tschechoslowakischen Präsidenten Edvard Beneš benannt sind. Sie regelten nach 1945 Enteignungen, den Verlust der Staatsbürgerschaft und die Vertreibung der deutschen Bevölkerung, für die sich der Begriff „Sudentendeutsche“ durchgesetzt hat.  

Die Dekrete sind bis heute nicht aufgehoben und die Opfer nicht entschädigt. 1997 einigten sich beide Länder auf eine Erklärung, in der es heißt: „Beide Seiten stimmen darin überein, daß das begangene Unrecht der Vergangenheit angehört, und werden daher ihre Beziehungen auf die Zukunft ausrichten.“ In der Slowakei setzte die rechtsnationale Regierung dagegen Ende 2025 ein Gesetz durch, dass Kritik an den Beneš-Dekreten mit bis zu sechs Monaten Haft bestraft werden kann.
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Alois Bierl
Artikel von Alois Bierl
Chefreporter
Beschäftigt sich mit wichtigen Trendthemen wie Spiritualität.