Gerechtigkeit
22.05.2026

Nicht jede Form des Helfens ist gut

Ehrenamtliches Engagement ist immer „aller Ehren“ wert – oder? Alexandra Hilkenmeier, die selbst vielfach ehrenamtlich tätig war und ist, zieht diese Gewissheit am Beispiel von Volontariaten im Ausland in Zweifel. 
    

Wer profitiert eigentlich, wenn zum Beispiel Mitteleuropäer einen Freiwilligendienst in Afrika machen? Wer profitiert eigentlich, wenn zum Beispiel Mitteleuropäer einen Freiwilligendienst in Afrika machen? Foto: © Funke Foto Services

Ehrenamt gilt als moralisch unantastbar. Wer bereit ist, Hilfe zu leisten, der hilft automatisch, und wer hilft, verdient Anerkennung. Kaum ein gesellschaftlicher Bereich genießt einen vergleichbaren Vertrauensvorschuss. Freiwilligenarbeit wirkt wie ein Gegenmodell zu Egoismus und profitorientiertem Denken.  

Genau deshalb wird öffentlich zwar immer wieder thematisiert, dass Ehrenamt zu wenig Anerkennung bekommt. Dass das Ehrenamt selbst problematische Seiten haben kann, wird dabei jedoch häufig verschwiegen. Denn nicht jede Form des Helfens ist automatisch gut. Und nicht jede Person, die sich engagiert, reflektiert ausreichend, warum sie das eigentlich tut.

Das Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun

Besonders sichtbar wird das bei karitativen Tätigkeiten oder internationalen Volontariaten. Junge Menschen reisen für einige Wochen oder Monate in Länder des globalen Südens, arbeiten in Waisenhäusern, Schulen oder Sozialprojekten und kehren mit dem Gefühl zurück, „etwas Sinnvolles“ getan zu haben. Das Problem ist nur: Oft profitieren dabei vor allem die Freiwilligen selbst. Sie sammeln Erfahrungen, Inhalt für den persönlichen Lebenslauf und eine gut zu vermarktende Identität.  

Problematische Strukturen vor Ort verändern sich dadurch im Normalfall nicht – im Gegenteil! Durch die mangelnde Reflexion internationaler Machtstrukturen werden unter dem Schein des Helfens Stereotype reproduziert, gerechtfertigt und stabilisieren das Ungleichgewicht zwischen Staaten. Die helfende Person und das Umfeld zu Hause nehmen das so oft nicht wahr.
    

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Selbsttäuschung des Ehrenamts

Die Kritik daran ist nicht neu und wird auch immer häufiger in öffentlich ausgestrahlten Dokumentationen aufgearbeitet. Dennoch hält sich die Vorstellung hartnäckig, dass gute Absichten automatisch zu guten Ergebnissen führen. Genau darin liegt eine der größten Selbsttäuschungen des Ehrenamts. Moralische Aufladung ersetzt hier ehrlich kritische Selbstreflexion.  

Wer hilft, möchte sich als Teil der Lösung sehen. Aber unreflektiertes Helfen kann auch paternalistisch werden, vor allem, wenn man nicht in der Lage ist, das Gesamtbild zu sehen, oder wenn man vermeidet, ehrlich an Einstellungen zu arbeiten, die in der Reflexion unangenehm sind. Dieses Verhalten kann Abhängigkeiten erzeugen und verstärken. Es kann das eigene Bedürfnis nach Sinn, Anerkennung oder moralischer Selbstvergewisserung über die tatsächlichen Bedürfnisse anderer stellen.  

„Ehrenamt ist nie neutral“

Denn Ehrenamt ist nie neutral. Es findet immer innerhalb gesellschaftlicher Machtverhältnisse statt. Wer hilft, entscheidet oft mit, was als Problem gilt, welche Form von Unterstützung „richtig“ ist und wer oder was als „hilfsbedürftig“ wahrgenommen wird. Gerade deshalb müsste Freiwilligenarbeit viel stärker selbstkritisch begleitet und in dieser Reflexion von den Organisationen fortlaufend unterstützt werden.  

Stattdessen dominiert das romantische Bild des Helfens. Ehrenamtliche gelten als moralisch unangreifbar, Kritik wirkt beinahe unanständig. Doch gerade weil Ehrenamt gesellschaftlich so wichtig ist, sollte man seinen Facettenreichtum einsehen und offen über die dazugehörigen unangenehmen Schattenseiten sprechen können. 

Alexandra Hilkenmeier

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