Mythos
Dschingis Khan, ein Klimaschützer?
Bis heute steht Dschingis Khan für militärische Macht, grenzenlose Expansion und ein ausuferndes Liebesleben. Doch hinter dem Mythos verbirgt sich mehr, wie zwei Experten feststellen.
Darstellung von Dschingis Khan aus dem Jahr 1833. Foto: © imago/GRANGER Historical Picture Archive
Wenn die Sonne langsam wieder aufgeht, die Biervorräte weggetrunken sind, spätestens dann ist er zu Gast auf jeder Dorfkirmes: Dschingis Khan. Das Lied der gleichnamigen Band war 1979 ein ganz großer Hit und wird bis heute immer wieder gespielt. Es hat nachhaltig die allgemeine Vorstellung des Mongolenherrschers geprägt.
Die Buch- und Filmautorin Gisela Graichen hat nun zusammen mit dem Museumsleiter und Archäologen Matthias Wemhoff ein Buch über Dschingis Khan (um 1162–1227) veröffentlicht, in dem sie den Mythos mit der Realität abgleichen.
Die Doppelgesichtigkeit des Herrschers
Was fasziniert die Menschen bis heute an dem legendenumwobenen Herrscher? Es ist vor allem diese Doppelgesichtigkeit, die ihn so spannend macht, meint Autorin Gisela Graichen. „Einerseits ist da das Bild des grausamen Eroberers, andererseits das des fürsorglichen Ehemanns und Sohnes, der seine Mutter ehrt und seine Familie respektiert.“
Diese Doppelgesichtigkeit sei tatsächlich zentral, erklärt Matthias Wemhoff, Direktor des Museums für Vor- und Frühgeschichte der Staatlichen Museen zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz. „Dschingis Khan gelang es, aus einer zunächst unbedeutenden Position heraus die mongolischen Stämme zu einen und eine völlig neue Ordnung zu schaffen.“
Religiöse Vielfalt im Mongolenreich
Interessant sei auch das religiöse Miteinander in seinem Reich, gibt Gisela Graichen zu bedenken. „Solange niemand seinen Schamanismus antastete, war religiöse Vielfalt offenbar möglich. Jeder konnte nach seiner Façon selig werden.“
Dschingis Khan habe aber durchaus ein religiöses Sendungsbewusstsein besessen: „Für ihn war klar, dass er zur Weltherrschaft bestimmt war“, stellt Matthias Wemhoff fest und weist darauf hin, dass das Mongolenreich gleichzeitig eine enorme religiöse Vielfalt mit buddhistischen Tempeln, Moscheen und christlichen Gemeinschaften aufwies.
Das Heer jederzeit bereit und brutal
Bekanntermaßen haben Dschingis Khan und die Goldene Horde seines Enkels über weite Strecken Angst und Schrecken verbreitet. Die mongolische Kriegsführung war auch deshalb so erfolgreich, weil sie hochgradig organisiert war, erklärt Wemhoff.
Die Gewalt war dabei extrem, betont Graichen. Reisende hätten noch Jahre später von Pyramiden aus Totenschädeln berichtet. „Und trotzdem war genau diese Brutalität Teil des Erfolgs: Widerstand erschien sinnlos, weil ganze Städte ausgelöscht werden konnten.“ Dschingis Khan schuf nach Graichens Darstellung nicht nur ein Reich der Gewalt, sondern damit auch einen einheitlichen und sicheren Wirtschaftsraum. Händler, Gesandte und Kaufleute standen unter besonderem Schutz, Verstöße wurden hart bestraft. Dadurch wurden Handelswege sicherer, Zölle seltener, und die Seidenstraße konnte besser funktionieren.
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Die Folgen des Massenmords: Klimaschutz
In Asien und Europa haben rund 30 Prozent der Bevölkerung in den betroffenen Gebieten die mongolischen Attacken nicht überlebt, Schätzungen gehen von bis zu 30 Millionen Toten aus, so Graichen und Wemhoff. Unerwarteter Nebeneffekt: Weil er mit seinem Heer ganze Landstriche entvölkert habe, konnte die Vegetation sich ungehindert ausbreiten und auf den ehemaligen Nutzflächen wieder Wald wachsen. Das mache ihn und seine Söhne ausgerechnet zum größten Klimaschützer aller Zeiten, sagen die beiden Autoren unter Verweis auf wissenschaftliche Studien.
Auch für die Archäologen habe er ein Paradies hinterlassen, gibt Wemhoff zu: Dschingis Khan und seine Söhne und Enkel hätten so viele Städte erobert und entvölkert, dass diese an der alten Stelle nicht wieder oder stark verkleinert wieder aufgebaut wurden. Die alten Orte seien nun ideale Ausgrabungsstätten für Archäologen.
Dschingis Khan, seine Söhne und die Frauen
Dschingis Khan verbreitete aber nicht nur Angst und Schrecken, sondern auch seine Gene. Gisela Graichen betont unter Berufung auf verschiedene Studien, dass der besondere genetische Code des Mongolenherrschers und seiner Söhne noch heute verbreitet ist – bei rund 16 Millionen Menschen.
Wemhoff betont jedoch, dass nicht nur Dschingis Khan selbst nach gewonnenen Feldzügen Frauen als Beute nahm, sondern auch seine Söhne und Gefolgsleute. Viele Männer hätten hingegen die Eroberung nicht überlebt, so dass die mongolischen Gene überproportional verbreitet werden konnten, so der Archäologe. Es habe also nicht nur an der sagenumwobenen Potenz mongolischer Herrscher gelegen.
Apropos Frauen: Ohne sie wäre die Herrschaft von Dschingis Khan nicht möglich gewesen, stellt Gisela Graichen fest. Während die Männer im Feld waren, hielten die Frauen das Reich zusammen. Sie organisierten die Jurtenlager, die Züge zu den Winter- und Sommerlagern, verwalteten die Vermögen – die ihrer Männer und ihre eigenen – und verfügten über eine erstaunlich starke Stellung, so Graichen. Frauen empfingen Gesandte, begleiteten Feldzüge und führten eigene Haushalte mit großem Aufwand.
Große Ausstellung zum 800. Todestag
Dschingis Khan ist für uns heute auch deshalb so aktuell, weil sein Aufstieg und der Zusammenbruch ganzer Reiche an heutige Erfahrungen erinnern, meint Matthias Wemhoff. Niemand hätte sich vorstellen können, dass Weltordnungen in so kurzer Zeit zusammenbrechen. Genau diese Frage nach Resilienz, nach Verteidigungsfähigkeit und nach dem Umgang mit Umbrüchen sei hochaktuell.
Im nächsten Jahr jährt sich der Todestag des Mongolenherrschers zum 800. Mal. Bereits im Oktober wird es eine große Ausstellung in Berlin geben, verrät Wemhoff. Zu sehen sein werden neue archäologische Funde aus der Mongolei, aber auch die Feldzüge und ihre Folgen. Das alles soll zeigen, wie fundamental Dschingis Khan große Teile Eurasiens veränderte.
Christiane Laudage



