Glaubenswelten
21.02.2026

Ukraine-Krieg

„Einst waren wir ein fröhliches Volk“ 

Vier Jahre nach dem russischen Überfall vom 24. Februar 2022 auf die Ukraine: ein Besuch bei Pfarrer Wolodymyr Viitovitch in der ukrainischen Gemeinde in München.
   

Pfarrer Wolodymyr Viitovitch schaut bei den fleißigen Frauen vorbei, die im ukrainischen Gemeindezentrum das Nationalgericht „Warenyky“ zubereiten. Pfarrer Wolodymyr Viitovitch schaut bei den fleißigen Frauen vorbei, die im ukrainischen Gemeindezentrum das Nationalgericht „Warenyky“ zubereiten. Foto: © Ertl

Im Raum neben der Küche des ukrainischen griechisch-katholischen Gemeindezentrums an der Schönstraße im Stadtteil Untergiesing herrscht an diesem Vormittag geschäftige Betriebsamkeit: Rund ein Dutzend Frauen haben sich versammelt und bereiten in einträchtiger Gemeinschaftsarbeit das ukrainische Nationalgericht „Warenyky“ zu. Das sind kleine halbmondförmige Teigtaschen, die mit einer Kartoffel-Frischkäsemischung gefüllt und in Salzwasser gekocht werden. Etliche Bleche voller Warenyky liegen bereits auf Servierwägen, unermüdlich bedient eine Gemeindeschwester die Nudelteigmaschine, derweil die Frauen in Handarbeit die Teigteilchen füllen und formen. Dazu beten alle einmütig auf Ukrainisch. 

Viel los und sehr eng

Pfarrer Wolodymyr Viitovitch (58) betritt den Raum, betet kurz mit, erteilt den Segen, spricht auf Ukrainisch ein paar freundliche Sätze, schüttelt kurz die eine oder andere Hand. Die Teigtaschen wird es am kommenden Sonntag geben, wenn hier wieder hunderte von seinen Landsleuten zu Gottesdienst, Essen und Gespräch zusammenkommen. Längst ist man in der Schönstraße platzmäßig an die Kapazitätsgrenzen gelangt: Mittlerweile werden hier vier Sonntagsgottesdienste gefeiert, hunderte von Menschen verköstigt. „Es ist sehr viel los und es ist sehr eng hier bei uns“, bringt es Viitovitch auf den Punkt. Seit 50 Jahren besteht das Zentrum, heuer im Oktober soll das Jubiläum gefeiert werden. Seit fast 25 Jahren ist Viitovitch der Pfarrer.
   

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Seit dem russischen Überfall auf die Ukraine am 24. Februar 2022 befinden sich er und das gesamte Seelsorge- und Gemeinde-Team im Dauerstress. „Es ist immer noch eine sehr intensive Zeit für uns alle“, sagt er. Es gebe viele positive Entwicklungen in der stark angewachsenen Gemeinde. Die Menschen hätten in der Schönstraße die Möglichkeit, Gottesdienste in ihrer Muttersprache zu besuchen und viele kulturelle Veranstaltungen durchzuführen. Hunderte von Kindern kämen zur Sprach- und Sonntagsschule. Das sei schön für ihn als Pfarrer. Zusammen mit seinem Team betreut er auch noch etliche Filialen in und um München, fährt bis nach Traunstein oder Garmisch-Partenkirchen.


Viitovitch verschweigt aber auch die problematischeren Bereiche nicht: Immer noch würden viele der rund 22.000 ukrainischen Geflüchteten in München eine Wohnung und Arbeit suchen. Viele lebten immer noch in Sammelunterkünften. Ein weiteres Problem bleibe die Sprache: Besonders die Älteren täten sich mit dem Erlernen des Deutschen schwer, dazu komme auch die für viele immens komplizierte Bürokratie.


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Erschöpft und traurig

Am belastendsten für alle aber sei, dass in der Ukraine immer noch der entsetzliche Krieg tobe. Täglich würden Menschen getötet, täglich erfolgten große Zerstörungen durch die russischen Invasoren. Die meisten in der Gemeinde seien enttäuscht, erschöpft und traurig. Oft bete man um einen „gerechten Frieden“. Doch was heißt in diesem Fall schon „gerecht“? Die Getöteten würden nie wieder lebendig und ob die Kriegsverantwortlichen jemals zur Verantwortung gezogen werden? Man müsse mit Gebietsverlusten der Ukraine rechnen, das wäre schlimm, besonders „für all jene, die seit nunmehr vier Jahren an der Front für jeden Meter dieses Landes kämpfen“, weiß er. 

Und dennoch: Wenn nur das Blutvergießen nach vier Jahren endlich enden würde und die Menschen ihr Leben in Frieden gestalten und ihr Land wieder aufbauen könnten. „Die Ukrainer“, so drückt es Viitovitch am Schluss aus, „galten einmal als ein fröhliches Volk. Heute sind wir sehr ernst und traurig geworden.“

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Florian Ertl
Artikel von Florian Ertl
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