Zukunft
03.06.2026

KI-Angst? Ran an die Baustellen!

In Papst Leos Enzyklika „Magnifica humanitas“ geht es um die ganze Menschheit. Stiftspropst Franz Joseph Baur kommentiert, wie sich der Pontifex über die drohenden Gefahren der künstlichen Intelligenz äußert und inwiefern das päpstliche Lehrschreiben spektakulär ist.
    

Nur zwei Tage nach Veröffentlichung seiner Enzyklika ließ sich Papst Leo XIV. auf dem Petersplatz einen modernen Roboter präsentieren. Nur zwei Tage nach Veröffentlichung seiner Enzyklika ließ sich Papst Leo XIV. auf dem Petersplatz einen modernen Roboter präsentieren. Foto: © imago/ABACAPRESS

„Die Zivilisation der Liebe entsteht nicht aus einer einzigen, spektakulären Geste, sondern aus der Summe kleiner und beharrlicher Akte der Treue, die als Bollwerk gegen die Entmenschlichung dienen“ (Magnifica humanitas/MH Nr. 213). Papst Leo will es nicht als spektakuläre Geste verstanden wissen, wenn er jetzt mit seiner ersten Enzyklika hervorgetreten ist. Er kommt auf leisen Sohlen daher. Er weiß: Papst, Kirche und Christentum sind mit Blick auf die ganze Menschheit nur eine Stimme unter vielen. 

Das „Wir“ der ganzen Menschheit

Die erste große Sozialenzyklika von Leo XIII. war 1891 an die Bischöfe der ganzen Welt gerichtet. Johannes XXIII. hat sich 1963 erstmals an „alle Menschen guten Willens“ gewandt. Leo XIV. lässt nun eine Anrede, die ihn als Verfasser einem Adressatenkreis gegenüberstellen würde, überhaupt weg. Er spricht von Anfang an von einem „wir“ – dem „wir“ der ganzen Menschheit, aufgerufen in den Titelworten: „Magnifica humanitas“, „großartige Menschheit“. Der Bezug auf die ganze Menschheit gibt der Enzyklika Profil und Größe.  

„Architektur des Sichtbaren“ (171) ist ein Schlagwort, das haften bleiben wird. Die neuen Technologien, zumal die künstliche Intelligenz (KI), gestalten eine „Architektur des Sichtbaren“, die anderes – Einzelne, Schwächere – unsichtbar werden lässt. In diese Wunde legt die Enzyklika den Finger. Sie will die berücksichtigt sehen, die im Schatten des Fortschritts stehen. 
    

[inne]halten - das Magazin 10/2026

Uralt und wunderschön

Eine einzigartige Lage, eine über tausendjährige Geschichte und eine romanische Kirche voller Schätze: Das ist Kloster Seeon.

Lesen Sie im [inne]halten-Magazin unseren Themenschwerpunkt und weitere Geschichten und Berichte aus dem kirchlichen Leben.

Stil des weisen Baumeisters

Und die Stimme des Papstes in „Magnifica humanitas“? Nach dem positiven ersten Eindruck nach seiner Wahl wartete man ab, wie Leo XIV. sich profilieren würde. 2025 waren noch die vielen Termine des Heiligen Jahres abzuarbeiten. Aber so ging es 2026 weiter: täglich eine Fülle an Begegnungen, gute Worte für alle möglichen Besucher, aber keine richtungsweisende Positionierung, kein „agenda setting“. Scheinbar. Denn das ist die Agenda: „Daher lade ich als ein Glaubender unter Glaubenden dazu ein …“ (233). Das ist Leos Stil, der Stil eines „weisen Baumeisters“ (236). Das biblische Bild vom unheilvollen Turmbau von Babel mit dem positiven Gegenbild vom Wiederaufbau Jerusalems unter Nehemia und dem Hoffnungsbild vom himmlischen Jerusalem bildet den roten Faden der Enzyklika.  

Wozu lädt er ein? Raus aus der falschen Alternative: für oder gegen den Fortschritt, für oder gegen KI, „zwischen Begeisterung und Angst“ gegenüber der Zukunft (129). Vielmehr gilt es mitzubauen: ran an die „Baustellen der Geschichte“ – „Forschungslabore, Technologieunternehmen, Schulen, Medien, Institutionen, lokale Gemeinschaften“ (241)! Und zwar so, dass die Menschlichkeit („humanitas“ bedeutet gleichermaßen Menschheit und Menschlichkeit) nicht verschwindet. Die „großartige und verwundete“ Menschheit darf „weder ersetzt noch überwunden werden“ (126). Alle KI – so die Absage an Trans- und Posthumanismus – imitiert und simuliert nur. Wahre Menschlichkeit, menschliche, leibgebundene Weisheit, ist unersetzlich.

Zivilisation der Liebe

Die Einladung, selbst wirksam zu werden auf allen Ebenen, „von der Familie über die Regierungen der Staaten bis hin zu den Beziehungen zwischen diesen“ (185), ist hoch motivierend. „Dieser Baustelle der Hoffnung geben wir den Namen ‚Zivilisation der Liebe‘“ (185). Leos Antrittsenzyklika ist eine Sozialenzyklika auf der Höhe der Zeit. Sie ist in der Fülle ihrer Themen, in der Komplexität der Behandlung und im Stil, wie sie angeboten werden, sehr wohl eine spektakuläre Geste, ein echtes Bollwerk gegen Entmenschlichung. Wir – hier: „wir Katholiken“, in aller Bescheidenheit darf das auch mal vorkommen – können froh sein über unseren Papst. 

Franz Joseph Baur, Stiftspropst und Leiter der Stadtkirche Landshut
 

Innehalten-Leseempfehlung