Von der wahren und vollkommenen Freude
Der heilige Franziskus gilt bis heute als ein Botschafter des Friedens und der Freude. Diese liegt für ihn vor allem darin, die Widrigkeiten des Lebens in heiterer Gelassenheit und Demut zu ertragen, wie eine bekannte Geschichte aus der franziskanischen Literatur vor Augen führt.
Darstellung des heiligen Franziskus von Margaritone d’Arezzo um 1260/75. Das Bild wurde 2023 in der Sonderausstellung „San Francesco. Der Heilige aus Assisi“ im Freisinger Diözesanmuseum präsentiert. Foto: © Ertl/SMB
Die berühmte Erzählung von der „wahren und vollkommenen Freude“ ist ein Klassiker der franziskanischen Literatur. Sie ist den meisten franziskanisch Interessierten aus dem achten Kapitel der „Fioretti“ („Die Blümlein des heiligen Franziskus“) bekannt, einer Sammlung von Episoden aus dem Leben des heiligen Franziskus sowie von einzelnen „heiligmäßigen“ Brüdern bis ins 14. Jahrhundert. Worum geht es? Franziskus diktiert seinem Mitbruder und Sekretär Leo, worin für ihn die wahre und vollkommene Freude besteht.
Die Geschichte wird in den Fioretti dichterisch und ausführlich-dramatisch geschildert. Es gibt in den franziskanischen Quellenschriften jedoch auch ein kleines Text-Fragment, eine ältere und frühere Version der Erzählung, das sogenannte „Diktat von der wahren Freude“, die viel nüchterner und kürzer gehalten ist. Wir bringen hier diese Fassung:
Der selige Franziskus (rief) eines Tages bei Santa Maria Bruder Leo (…) und sagte: „Bruder Leo, schreibe!“ Er antwortete: „Sieh, ich bin bereit!“ „Schreibe“, sagte er, „was die wahre Freude ist. Es kommt ein Bote und sagt, dass alle Magister von Paris zum Orden gekommen sind. Schreibe: Das ist nicht die wahre Freude.
Ebenso, alle Prälaten jenseits der Alpen, die Erzbischöfe und Bischöfe; ebenso der König von Frankreich und der König von England. Schreibe: Das ist nicht die wahre Freude. Ebenso, dass meine Brüder zu den Ungläubigen gegangen sind und sie alle zum Glauben bekehrt haben; ebenso, dass ich von Gott solch große Gnade erhalten habe, dass ich Kranke heile und viele Wunder wirke. Ich sage dir, dass in all dem nicht die wahre Freude ist. Was aber ist die wahre Freude?
Ich kehre von Perugia zurück, und in tiefer Nacht komme ich hierher, und es ist Winterszeit, schmutzig und so kalt, dass die kalten Wassertropfen am Saum des Habits gefrieren und immer an die Schienbeine schlagen, und das Blut aus diesen Wunden fließt. Und völlig in Schmutz und Kälte und Eis komme ich zur Pforte, und nachdem ich lange geklopft und gerufen habe, kommt der Bruder und fragt: „Wer ist da?“ Ich antworte: „Bruder Franziskus.“ Und er sagt: „Geh fort! Es ist nicht die schickliche Zeit auszugehen. Du kommst nicht herein.“ Und auf weiteres Drängen antwortet er: „Geh weg! Du bist der nämliche einfältige und ungebildete Mensch. Du kommst auf keinen Fall zu uns. Wir sind so viele und von solcher Art, dass wir dich nicht brauchen.“
Und ich stehe wiederum an der Pforte und sage: „Um der Liebe Gottes willen, nehmt mich auf in dieser Nacht.“ Und jener antwortet: „Das werde ich nicht tun. Geh zur Niederlassung der Kreuzträger und bitte dort.“ Ich sage dir: Wenn ich Geduld habe und nicht erregt werde, dass darin die wahre Freude ist und die wahre Tugend und das Heil der Seele.
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Franziskus und die wahre Freude:
Der historische Hintergrund
Ein radikaler, auf den ersten Blick verrückter Text, nicht wahr? Die Geschichte wird von der franziskanischen Forschung in das Jahr 1220 datiert. Franziskus war erst kurze Zeit von seiner Reise mit den Kreuzfahrern in den Orient, auf der er mit dem Sultan Melek-el-Kamil zusammengetroffen war, zurückgekehrt.
Wenig später gibt er die Leitung des Ordens ab. Dort hatte sich die Stimmung in seiner Abwesenheit verändert: Brüder, die Franziskus nicht mehr persönlich kannten, hatten sich der neuen Gemeinschaft angeschlossen, man zog offenbar auch nicht mehr wie in den Anfängen permanent umher, war zu einem gewissen Stück „sesshaft“ geworden, konnte also die Pforte, wie in der Erzählung durchschimmert, ab- und den armen Mitmenschen somit auch aussperren.
Und überdies: Das Bildungsniveau hatte sich in den Niederlassungen schleichend verändert, wovor Franziskus zeitlebens warnte: Gelehrte und in der Theologie bewanderte Brüder blickten nun offenbar auf weniger gebildete Mitbrüder herab, eine Zwei-Klassen-Gesellschaft kristallisierte sich langsam heraus: „Du bist der nämliche einfältige und ungebildete Mensch“, wie es in dem Text wörtlich heißt.
Dies alles ging gegen Franziskus’ Ideale und musste ihm missfallen, ihm, der von sich selbst stets ganz bewusst gesagt hatte: „ignorans sum et idiota“ (lateinisch für „Ich bin unwissend und ungebildet/einfältig“).
Insofern kann in der Erzählung zwischen den Zeilen auch seine persönliche Lebenssituation und zunehmende Entfremdung wie Isolation innerhalb des Ordens abgelesen werden. Umso größer erscheint dann sein eigener Weg zur „vollkommenen Freude“.
Es geht nicht um die große Ausbreitung des Ordens, nicht darum, dass sich viele Gelehrte und weltliche Herrscher ihm anschließen, nicht um möglichst hohe (Bekehrungs-)Zahlen, spektakuläre Wundertaten oder sonstige Superlative. Nein, Franziskus lenkt den Blick zurück auf die Anfänge der Bewegung, auf den Schmutz und die Kälte, auf die von ihm propagierte und geliebte Armut.
Was die „vollkommene Freude“
für Franziskus bedeutet
Die wahre Freude besteht für ihn darin, Leid, Kälte, Hunger und Ablehnung – selbst durch die eigenen Mitbrüder – geduldig und ohne Murren zu ertragen, aus Liebe zu Christus und im Vertrauen auf ihn, den Urgrund aller Freude, den menschgewordenen Gott.
Hier greift der „Poverello“ einen bekannten paulinischen Gedanken auf: „Meiner selbst will ich mich nicht rühmen, höchstens meiner Schwachheit“, heißt es im 2. Korintherbrief (12,5). Und kurz darauf: „Viel lieber also will ich mich meiner Schwachheit rühmen, damit die Kraft Christi auf mich herabkommt. Deswegen bejahe ich meine Ohnmacht, alle Misshandlungen und Nöte, Verfolgungen und Ängste, die ich für Christus ertrage; denn wenn ich schwach bin, dann bin ich stark“ (2 Kor 12,9–10).
Nicht mit moralisch erhobenem Zeigefinger, sondern, wie stets bei ihm, demütig und in Form einer – in diesem Licht – genialen und sogar ziemlich hinterkünftigen Geschichte schreibt Franziskus seinen Mitbrüdern hier ein Zeugnis franziskanischer Lebensspiritualität ins Stammbuch.



