Glaubenswelten
10.09.2026


Buchtipp

Friedensfähig statt kriegstüchtig

Die bekannte evangelische Theologin Margot Käßmann antwortet mit einem leidenschaftlichen Plädoyer für den Pazifismus auf die zunehmende Militarisierung der Gesellschaft.
   

Die ehemalige EKD-Ratsvorsitzende Margot Käßmann tritt für Frieden ein – etwa beim Antikriegstag 2024 in Kassel. Die ehemalige EKD-Ratsvorsitzende Margot Käßmann tritt für Frieden ein – etwa beim Antikriegstag 2024 in Kassel. Foto: © imago/Hartenfelser

„Militarisierung hält Schritt für Schritt Einzug in unsere Gesellschaft“, stellt die frühere Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Margot Käßmann, in ihrem aktuellen Buch „Warum ich Pazifistin bleibe“ fest. Sei es, dass Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) fordere, „kriegstüchtig“ zu werden, oder dass über die Wiedereinführung der Wehrpflicht diskutiert werde – „da bin ich für Klartext: Der Kriegsdienstzwang schafft Kanonenfutter!“, schreibt Käßmann.

Demgegenüber betont die 68-Jährige: „Meine tiefste persönliche Überzeugung ist, dass Krieg mit allen Mitteln verhindert werden muss.“ Zur Begründung für diese Haltung nennt sie drei Faktoren: ihren christlichen Glauben, ihre Identität als Deutsche und ihre sieben Enkelkinder. „Die zentrale Grundlage für eine pazifistische Haltung liegt für Menschen jüdischen wie christlichen Glaubens im fünften der Zehn Gebote: ,Du sollst nicht töten!‘ Das ist eine glasklare Maßgabe und Wegweisung“, führt die evangelische Theologin aus.

Zudem sei Jesu Predigt der Gewaltfreiheit „geradezu sein Markenzeichen“: „Sich für Frieden engagieren, den Weg des Pazifismus gehen – das ist nicht naiv oder dumm. Es ist der Weg, den Jesus selbst gewiesen hat“, unterstreicht die Pfarrerin. Bestätigt sieht sie sich in dieser Position durch Papst Leo XIV.: Dieser habe bei seiner Predigt am vergangenen Palmsonntag daran erinnert, „dass echter Friede nur durch das Ablehnen von Gewalt erreicht werden kann – und Jesus darin Vorbild ist. Dem kann ich in ökumenischer Verbundenheit nur zustimmen!“
  

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Deutsche Verantwortung für den Frieden

Als zweiten Grund für ihren Pazifismus führt Käßmann ihre Nationalität an. Die gebürtige Marburgerin hätte sich gewünscht, „in einem Land zu leben, das neutral ist“, das „aufgrund seiner Geschichte ein starker diplomatischer Akteur auf dem internationalen Krisenparkett wird“ und nicht nach Russlands Angriff auf die Ukraine „der größte Waffenlieferant Europas ins Kriegsgebiet“. Denn Käßmann ist überzeugt: „Der gigantische Einsatz von Militärhilfe für die Ukraine hat auch keine Lösung gebracht.“ Krieg fordere immer Hunderte zivile Opfer und führe zu Zerstörung.

Schließlich argumentiert Käßmann mit Blick auf künftige Generationen für den Pazifismus: „Mich macht wirklich fassungslos, welche Unsummen auf einmal in unserem Land und der EU für Aufrüstung – was stets unter dem Label ,Verteidigung‘ läuft – aufgebracht werden“, entsetzt sich die Mutter und Großmutter. „Unsere Kinder und Enkel werden eine immense Schuldenlast von uns erben.“ Dabei sei keine Rede davon, „dass gerade der Krieg massive Umweltschäden verursacht und die Klimakatastrophe befördert“.

Die Behauptung, „demnächst werde Russland Deutschland angreifen und deshalb müssten wir kriegstüchtig werden“, entbehrt aus Käßmanns Sicht der Tatsachen. Vielmehr sei Krieg „eine der schlimmsten Zerstörungskräfte“. Nur Abrüstung und Frieden sicherten die Zukunft der Menschheit. Die Hoffnung, dass dies möglich sei, gelte es wachzuhalten. „Nicht kriegstüchtig wollen wir werden, sondern friedensfähig!“, bringt Käßmann ihr leidenschaftliches Plädoyer für den Pazifismus auf den Punkt.

Zum Weiterlesen
Käßmann, Margot Warum ich Pazifistin bleibe
bene! Verlag, 2026
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Karin Hammermaier
Artikel von Karin Hammermaier
Redakteurin
Recherchiert und schreibt Geschichten für [inne]halten.