Glaubenswelten
11.09.2025


Eine mittelalterlkiche Nonne mit Führungskraft 

Kirchenlehrerin Hildegard von Bingen: theologische Autorität, Visionärin und ganzheitliche Medizinerin

Hildegard von Bingen war eine Frau mit Führungskraft. Kaum eine andere hat die Kirche und Theologie so geprägt wie sie. Mit ihren Ansätzen zu Spiritualität, Schöpfung und Ernährung bleibt sie ein Vorbild. Der 17. September ist ihr Gedenktag.
    

Heute verbinden wir Hildegard von Bingen vor allem mit ihrer ganzheitlichen Heilkunst. Heute verbinden wir Hildegard von Bingen vor allem mit ihrer ganzheitlichen Heilkunst. Foto: © AdobeStock/behewa

Hildegard wird 1098 in Bermersheim bei Alzey (Rheinland-Pfalz) in eine adlige Familie geboren. Schon im Alter von acht Jahren wird sie in das Benediktinerkloster Disibodenberg gegeben. Als zehntes Kind ihrer Eltern wird sie als „dargebrachtes Kind“ für ein gottgeweihtes Leben ausgewählt. Im Kloster ist sie dem Männerorden unterstellt, jedoch übernimmt die junge Adelige Jutta von Sponheim die Erziehung und Bildung Hildegards. Sie lernt hier deutlich mehr als die anderen Mädchen ihrer Zeit: das Lesen, Schreiben und die Grundlagen der lateinischen Sprache eignet sie sich vor allem durch das Studieren der Psalmen an. Trotzdem betont Hildegard in ihren Büchern immer wieder, wie ungebildet sie sei. Schon in ihrer Jugend legt sie ihre ersten Gelübde für die Aufnahme in den Benediktinerorden ab.

Äbtissin und Kirchenlehrerin

Nach Juttas Tod wird sie als Magistra des kleinen Frauenkonvents innerhalb des Klosters ausgewählt. In den folgenden Jahren scharen sich immer mehr junge, vor allem adlige Frauen um Hildegard. Es werden so viele, dass die Magistra einen Beschluss trifft: 1150 zieht der Frauenkonvent aus dem Kloster Disibodenberg aus, und Hildegard gründet auf dem Rupertsberg bei Bingen ihr erstes eigenes Kloster. Später folgt ein zweites in Eibingen bei Rüdesheim am Rhein – beiden steht sie als Äbtissin vor. 

Sie beschäftigt sich mit Mystik und theologischen Theorien, Musik und insbesondere auch mit der Natur- und Heilkunde. Zu ihren wichtigsten mystischen Werken zählen die Scivias, Liber vitae meritorum und Liber divinorum operum. Dazu kommen ihre natur- und heilkundlichen Werke sowie ca. 400 Briefe an wichtige Persönlichkeiten, Herrscher und Klostergemeinschaften. Hildegard stirbt mit 80 Jahren – sie übersteigt die Lebenserwartung ihrer Zeit um das Doppelte.

Obwohl Hildegard von Bingen im zwölften Jahrhundert lebt, erfolgt ihre Heiligsprechung erst 2012 durch Papst Benedikt XVI. Kurz danach wird sie als Heilige mit einem besonders großen Einfluss auf die theologische Lehre zur Kirchenlehrerin erhoben.
     

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Hildegards Mystik und ihre Visionen

Seit frühester Kindheit – so erinnert sich Hildegard später – erlebt das Mädchen Visionen: Sie sieht ein gleißend helles Licht, das sie ganz durchdringt. Aus Angst und Unsicherheit wird sie diese Gabe ihr halbes Leben lang geheim halten. Ihre Visionen nennt sie später „umbris viventis lucis“. Theologen übersetzen den Begriff meist als „Reflexion des lebendigen Lichts“. Sie sehe das Licht mit ihrer Seele, diese steige empor in den Himmel und vereinige sich mit Gott, so schreibt sie. Diese „unio mystica“ – die Vereinigung mit Gott – ist das zentrale Moment ihrer Visionen.

Mit 42 Jahren erhält sie die Offenbarung, die ihr Leben verändert: Ihr sei die Fähigkeit gegeben worden, trotz fehlender theoretischer und praktischer Kenntnisse die Bibel vollkommen zu verstehen, Musikstücke zu komponieren und Philosophien zu erklären. Sie spürt den Drang, ihre Erkenntnisse niederzuschreiben – sie will die Visionen nicht mehr länger geheim halten. Einer Frau ihrer Zeit ist es normalerweise nicht erlaubt, eine solche Autorität zu beanspruchen. Es kommt zu Untersuchungen und Diskussionen: Ist Hildegard etwa eine Ketzerin? Durch Papst Eugen III. erhält sie im Jahr 1147 schließlich die Erlaubnis zum Schreiben und Predigen. Die Visionen sind Hildegards treibende Kraft für ihre Schriften und Lehren. Trotzdem finden sich dort vor allem moralische und politische Äußerungen, die auf Theologie und Doktrin abzielen.


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Hildegard-Medizin: ganzheitliche Heilkunst

Am meisten wird Hildegard wohl mit ihren medizinischen Abhandlungen verbunden; noch heute ist ihre Klostermedizin relevant. Die beiden Werke Physica – zur Pflanzen- und Naturkunde – und Causae et Curae – zu Krankheiten und ihren Heilmitteln – verfasst sie nach göttlichen Offenbarungen. Dabei verbindet sie religiöse und medizinische Vorstellungen.

Zentral ist Hildegards Auffassung des Menschen als Einheit: Körper, Geist und Seele seien miteinander verbunden. Sie bezieht sich stark auf das antike Vier-Säfte-Modell, das die westliche Medizin bis zur Aufklärung prägt. Nach diesem Prinzip muss eine Balance der vier Säfte im Körper (Blut, Schleim, gelbe und schwarze Galle) eingehalten bzw. hergestellt werden, um Krankheiten zu vermeiden oder zu heilen. Dazu setzt Hildegard auf eine ganzheitliche Ernährung und gibt Tipps für gesunde Grundnahrungsmittel: Den Dinkel betont sie dabei besonders, Bertram soll als Universalgewürz regelmäßig gegessen werden, außerdem empfiehlt sie Edelkastanien und Fenchel.

Durch Hildegards ganzheitliche Auffassung des Menschen gehört zur Gesundheit auch die Stärkung des psychischen Wohlbefindens. Dabei betont sie nicht nur eine ausgewogene Ernährung, sondern insbesondere einen ausgeglichenen Alltag mit einer Balance zwischen Ruhe, Bewegung und Schlaf. In ihren Werken beschreibt sie belastende Kräfte und die jeweils heilenden Tugenden. So mache Verbitterung oder Unbeständigkeit krank – in diesen Fällen brauche es Großherzigkeit und Beständigkeit, um gesund zu werden. Schon Hildegard war sich sicher, dass geistige Krankheiten auch dem Körper schaden und Schmerzen verursachen können.

Hildegard-Rezepte: ein starkes 
Immunsystem für den Herbst

Rund um den Gedenktag der Heiligen Hildegard hält der Herbst Einzug – genau die Zeit, in der viele sich erkälten oder mit der Grippe anstecken. Hildegard von Bingen hält einige Rezepte bereit, um das Immunsystem zu stärken und Erkältungskrankheiten schnell abzuwenden. Eines davon ist ihr Galgant-Himbeer-Tee. Galgant hilft besonders bei Fieber und soll den Kreislauf wieder in Schwung bringen.

Zutaten:

  • Himbeersaft oder -sirup nach Geschmack
  • 1/3 TL Galgant (gemahlen)
  • ca. 200 ml Wasser 

Anleitung:
Rühren Sie einen Schuss Himbeersaft oder -sirup und das Galgantpulver in kochendes Wasser ein.

Lilly Krka
Artikel von Lilly Krka
Volontärin