Interview
„Gute Musik ist geistliche Musik“
Thomas E. Bauer (56) ist Sänger. Von den Regensburger Domspatzen bis zur Mailänder Scala hat er musikalisch viel erlebt. Einen Höhepunkt seines Wirkens stellt seine Initiative zum Bau des Konzerthauses Blaibach 2014 dar, dessen Intendant er bis heute ist.
Thomas Bauer ist Sänger und Intendant des Konzerthauses Blaibach. Foto: © Marco Borggreve
Die Erzählungen über deine ungewöhnlichen musikalischen Unternehmungen könnten ein Buch füllen. Eine davon: Während der Corona-Pandemie hast du mit Freunden in Augsburg den Dom besungen. Die FAZ schrieb darüber: „Kultur betet. Konzerte sind verboten, aber Gottesdienste erlaubt. Statt zu jammern, lässt der Bariton Thomas E. Bauer im Dom zu Augsburg einfach einen Tag lang Messen singen.“ Was macht das mit einem, wenn man 24 Stunden ununterbrochen singt?
Das war damals schon eine ziemliche Aktion. Unser Palestrina wurde weltweit gestreamt. Sogar Kent Nagano hat auf dem Sofa in San Francisco zugeschaut. Man muss sich das Ganze wie einen Staffellauf vorstellen, der sich ständig wiederholt. Zwischendrin war schon mal eine Stunde Schlafmöglich. Die geistliche Musik des 16. Jahrhunderts strömt eine unglaubliche Erhabenheit aus. Man wird einfach nur demütig.
Eine andere Geschichte: Du hast erreicht, dass in einem kleinen Dorf im Bayerischen Wald ein Konzerthaus von Weltrang gebaut wurde. Man hat vom „Wunder von Blaibach“ gesprochen. Welcher Geist leitet dieses Haus?
Die Überlegung war zunächst nüchtern. Ich fand es folgerichtig, dass der Bayerische Wald mit einem kulturellen Hotspot ausgestattet wird. Die wirtschaftliche Entwicklung der Region in den letzten 50 Jahren ist ja sagenhaft. Die Themen sind Elektromobilität, „Hidden Players“, Universitätserweiterungen. Da dürfen wir im Bereich der kulturellen Infrastruktur nicht nur von Seppelhut und der bayerisch-böhmischen Knödelwoche sprechen. Übrigens bin ich nicht der einzige Akteur, der hier was voranbringt.
Dieser Geist zieht die größten Musiker der Zeit ins Dorf. Verwandelt er auch den Ort Blaibach?
Diesen Anspruch habe ich, ehrlich gesagt, nicht. Die ökonomischen Effekte sind nachvollziehbar und man kann beobachten, dass um das Konzerthaus herum Liegenschaften wieder in Gang gebracht werden. Natürlich reibe ich mir manchmal die Augen, wenn internationale Klassikstars bei uns gastieren. Wir können aber nur ein Fenster aufmachen, die Veränderung muss in den Köpfen der Menschen passieren. So was dauert länger, als ein Gebäude hinzustellen.
Du hast so viel himmlische Musik aufs Land gebracht, ein großes Glück für alle. Was war dein Beweggrund? Macht es selig?
Wenn ich die Konzerte miterlebe und die Reaktionen des Publikums, dann weiß ich immer, warum ich mir das Ganze aufgehalst habe. Den Rest würde ich mir manchmal gerne schenken.
Du hättest dich als Sänger überall auf der Welt niederlassen können. Was bindet dich so sehr an den Bayerischen Wald?
Man wird seine Herkunft nicht los, das merkt man mit zunehmendem Lebensalter. Und es ist ja auch wirklich wunderschön dort. Ich habe außerdem auch einen Wohnsitz in Berlin-Westend und weiß beide Welten zu schätzen.
Blaibach hat nicht einmal 2.000 Einwohner, aber ein überregional gefeiertes Konzerthaus. Dieses und vergangenes Jahr konnte Thomas E. Bauer sogar den weltberühmten Tenor Plácido Domingo für einen Auftritt im Bayerischen Wald gewinnen. Foto: © Edward Beierle, Lizenz: CC BY-SA 4.0
Das war die Grundausbildung und wesentlich für mich. In der Musikhochschule wird man später auf den Boden der Realität geholt.
Berührt dich geistliche Musik mehr als weltliche? Gibt es überhaupt einen Unterschied?
Die weltliche Musik der großen Komponisten ist immer auch geistliche Musik. Bei den größten Werken geht es fast ausnahmslos um die zentralen Themen Leben, Sterben, Lieben und die Frage, was darüber hinaus noch kommt. Jede gute Musik ist eigentlich geistliche Musik, meine ich.
Ich habe dich einmal gehört in einem Nachtkonzert mit Schuberts Liederzyklus „Die Winterreise“. Noch am Morgen danach hatte ich Tränen in den Augen. Ich empfand es als großes Geschenk, so berührt zu werden. Ist es ein Geschenk, Musik Menschen so nahe bringen zu können?
Als Musiker haben wir Zyklen wie die „Winterreise“ als Treuhänder erhalten. Für mich geht es zunächst nur um eine möglichst werkgetreue Umsetzung. Meine privaten Emotionen interessieren niemanden, das muss man lernen. Das Sublime, das hinter der Musik von Franz Schubert steht, ist entscheidend. Deswegen sollte man sich selbst besser zurücknehmen.
Welche Musik könnte die Welt ein bisschen besser machen?
Keine.
Nach einer schweren Krankheit arbeitest du mit unverminderter Kraft weiter, hat man den Eindruck. Oder machst du alles anders jetzt?
Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, mein Leben zu verändern und achtsamer zu werden. Das ist mir nicht gelungen. Vielleicht gut so.
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Trägt dich ein christlicher Glaube, auch um so viel bewegen zu können?
Wahrscheinlich braucht man das nötige Gottvertrauen, um ein Vorhaben wie Blaibach umzusetzen. Ich finde viel Wahres und Gutes in der Musik, beispielsweise in der von Johann Sebastian Bach. Das hilft schon, wenn es mal nicht so läuft.
Ob du dir ein Leben ohne Musik vorstellen kannst, mag ich gar nicht fragen. Aber: Was wäre nach der Musik das Wichtigste für dich?
Die Topantwort ist bei den meisten Menschen: die Familie. Da schließe ich mich an.
Singst du gerne in Kirchen? Was empfiehlst du in der Frage, wie man Kirchengebäude erhalten kann und wohl auch muss durch neue Nutzungsideen?
Wir erleben, dass sich viele gesellschaftliche Strukturen ändern, auch bei den Kirchen. Allein in Ostbayern würden mir einige Kirchen einfallen, die sich für eine neue Nutzung geradezu aufdrängen. Wichtig wäre hier aber, den Räumen mit Respekt zu begegnen. In Kirchen funktioniert vor allem Musik gut, die für sie geschrieben wurde. Für alles andere braucht es ein akustisches Konzept und die notwendige technische Ausstattung.
Wenn man vom lieben Gott eine so schöne Stimme geschenkt bekommen hat und wenn eine gute Ausbildung und persönlicher Fleiß natürlich das Ihre dazu beigetragen haben, sagt man dann jeden Abend „danke“?
In der Öffentlichkeit werde ich zuweilen als streitbar porträtiert. Dabei bin ich ziemlich friedliebend. Das mag von einer gewissen Grundzufriedenheit herrühren. Es wird einem nichts geschenkt auf dieser Welt. Abends bin ich eher froh, dass ich einigermaßen über die Runden gekommen bin.



