Rituale
21.06.2025

Das Gebet an der Hauswand

Ein Mosaik an einer der Fassade eines Wohnblockes begegnet unserem Autor Alois Bierl fast jeden Tag. Es stellt einen Mann dar, der durch ein Teleskop schaut, einen Hund am Himmel und einen auf der Erde. Und immer, wenn er es sieht, geht ihm dieses Bild nahe, weil es von etwas Wunderbarem erzählt.

Foto: © SMB/Bierl

„Kunst, die es nicht ins Museum geschafft hat und die niemanden interessiert.“ So schmäht ein Bekannter von mir gerne die sogenannte Kunst am Bau, die vor oder neben den Häusern steht, die Fassaden oder Innenräume ziert. Ich halte das für sehr ungerecht. Mir tun diese Kunstwerke gut; sie machen mich oft aufmerksamer, nachdenklich und manchmal auch ein bisschen froh. 

Besonders eines hat es mir angetan, an dem ich fast jeden Tag im Sommer vorbeiradle. Zugegeben: Es ist kein einzigartiges Meisterwerk, und trotzdem ergreift es mich, streichelt mir Auge und Gemüt, und der Tag ist ein bisschen heller, wenn ich daran vorbeigefahren bin. Das Bild stammt wohl aus den 1950er-Jahren und hat diesen leichten, beschwingten Stil jener Zeit. Es ist eine Art lockeres Mosaik und in den Verputz eines Wohnhauses eingelassen. Abgebildet ist ein Mann, der mit einem Teleskop in den Himmel schaut, an dem das Sternbild des Großen Hundes zu sehen ist. Der Künstler hat sich einen Spaß erlaubt und es links oben als kleinen Vierbeiner dargestellt.
    

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Botschaft im Vorüberfahren

Neben dem gebannt nach oben blickenden Menschen steht ein weiterer Hund, der ebenfalls in den Himmel blickt. Jedes Mal bin ich gerührt, wenn ich dieses Mosaik sehe. Ich glaube, der Künstler hat da eine ganze Reihe wundervoller Botschaften hineingepackt.

Da scheint der auf dem festen Boden der Tatsachen stehende Hund zu denken: „Siehst du, alles, was du im Himmel suchst und siehst, hat seine Entsprechung auf dieser Erde. Das Kleine und das Große, der unendliche Kosmos und die begrenzte Welt gehören zur selben Schöpfung. Gottes Hand hat uns alle aus demselben Stoff gemacht. Und wenn du die zwischen neun und 5000 Lichtjahre entfernten Sterne des Großen Hundes nur als winzige leuchtende Punkte sehen kannst – mich, kleinen Köter, kannst du jederzeit streicheln. Und gleich können wir uns aneinander schmiegen und miteinander das Wunder betrachten, dass es den Himmel und uns gibt.“

Und dieser Mann mit dem Teleskop erinnert mich an den Platz, an dem wir Menschen stehen: Wesen zwischen Himmel und Erde, mit einer Perspektive auf die Ewigkeit. Der Mann kommt mir nicht ängstlich vor, sondern eher neugierig und gespannt. Darum erinnert er mich auch daran, was wir Menschen sind: Geschöpfe, die nach Erkenntnis streben und die doch das Geheimnis nicht allein lösen können, das hinter all den Erscheinungen steckt, die sie umgeben – selbst wenn sie so fantastische Geräte wie ein Fernrohr und noch viel raffiniertere technische Hilfsmittel erfinden.

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Einen Augenblick über den Alltag hinausschauen

Meistens fahre ich ein bisschen langsamer an diesem Haus und seinem Bild vorbei, das ganz in der Nähe einer Zubringerstraße zur Autobahn steht. Da wird am Morgen gerne gehupt, und sogar das Blech der Fahrzeuge scheint Stresshormone auszuschütten, weil ihre Fahrer im Stau stehen und wieder einmal befürchten, dass sie ihr Ziel nicht pünktlich erreichen.

Wie schön und beruhigend ist da der Blick auf das stumme und gleichzeitig vielsagende Bild an der Hauswand. Es ist fast wie ein kleines Gebet, wenn es meine Augen im Vorüberfahren streifen. Von wegen Kunst, „die niemanden interessiert“. Zumindest mein Hundebild begleitet meinen Alltag und lässt mich einen Augenblick lang darüber hinausschauen, schenkt mir einen Moment des Nachdenkens und des Staunens. Und wie gut, dass es dieser Fassadenschmuck nicht ins Museum geschafft hat. Denn sonst könnte er mir nicht jeden Tag freundlich und ohne Aufheben auf meinem Weg zur Arbeit begegnen.

Alois Bierl
Artikel von Alois Bierl
Chefreporter und Kolumnenautor
Beschäftigt sich mit wichtigen Trendthemen wie Spiritualität.