Ist Bergsteigen etwas Religiöses? Was Bergsteiger ins Gipfelbuch schreiben.
Die historischen Gipfelbücher der Großen Arnspitze (2196 m) bei Mittenwald verraten, welche Gefühle Menschen beim Bergsteigen empfinden. Wir haben Hunderte Einträge gelesen und ausgewertet und sind dabei besonders auf die Suche nach religiösen Motivationen gegangen.
In diesem Gipfelbuch der Großen Arnspitze aus dem Jahr 1988 wurde noch der letzte freie Platz vollgekritzelt. Foto: © SMB/Burghardt
Auf einem Berggipfel zu stehen und den Blick frei in alle Richtungen schweifen zu lassen – das ist ein eindrucksvolles Erlebnis, das bei den meisten Menschen intensive Gefühle auslöst. Passionierte Bergsteiger suchen diesen Moment immer wieder, können nie genug bekommen vom Oben-Ankommen, von der Erhabenheit jenes Punkts, der kein höheres Hinaufsteigen mehr erlaubt, von der faszinierenden Ausgesetztheit, Tiefe und Weite, die mit dem „flachen“ Alltagsleben kontrastiert.
Aber selbst wer nur selten hinaufsteigt, sich widerwillig hinaufplagt und über die vermeintlich sinnlose Quälerei des Aufstiegs flucht, auch der wird bei der Gipfelankunft meist etwas von diesem Glück, oben zu stehen, spüren – und wenn es nur die unbeschreibliche Erleichterung darüber ist, nicht weitersteigen zu müssen. „Oben sein“ – so lautet die vielleicht knappste Zusammenfassung der Faszination einer Gipfelbesteigung. Und es ist kein abwegiger Gedanke, anzunehmen, dass die Ankunft auf dem höchsten Punkt, nach beschwerlichem Aufstieg, nicht nur einen physischen und emotionalen, sondern auch einen spirituellen Höhepunkt darstellen kann – und dass Bergsteiger gerade in so einer Situation ergriffen sind, ein Bedürfnis nach Gebet, Lobpreis und Dank haben, sich Gott nah fühlen.
Hat eine Bergbesteigung religiöse Qualität?
Aber ist denn eine Bergbesteigung tatsächlich für viele ein Erlebnis von religiöser Qualität? Oder ist das nicht vielmehr fromme Theorie, und in Wirklichkeit tragen die meisten Wanderer ihre Probleme und Sorgen, ihre Gedanken und nicht zuletzt auch ihre Geschwätzigkeit aus den Niederungen des Tales mit auf die Gipfel und werden dort oben gar nicht wirklich frei und empfänglich für die Botschaft der Berge?
Aufschluss darüber können Gipfelbücher geben. In Metallkassetten, die in der Regel am Gipfelkreuz befestigt sind, werden diese auf vielen Berggipfeln von Vereinen oder Einzelpersonen dafür bereitgestellt, dass Besucher sich eintragen. Für die Einträge gibt es keine Regel – jeder schreibt, was er will und wonach ihm gerade ist. Auf selten bestiegenen Bergen dauert es manchmal Jahrzehnte, bis ein Gipfelbuch vollgeschrieben ist – an beliebten Zielen muss das Buch dagegen mehr als einmal pro Jahr ausgetauscht werden. Viele Gipfelbücher gehen im Lauf der Zeit verloren, aber manchmal ist es möglich, die Einträge von ein und demselben Berg über lange Zeiträume hinweg in einem Archiv gesammelt vorzufinden.
Spannende Geschichten aus vergangener Zeit
So auch bei der Großen Arnspitze, einem 2196 Meter hohen, steilen Felsberg in der Nähe von Mittenwald, auf der bayerisch-tirolerischen Grenze. Sie bietet hervorragende Rundumblicke und ist dafür prädestiniert, erhebende Erlebnisse zu ermöglichen. Im Archiv des Deutschen Alpenvereins in München lagern einige ihrer Gipfelbücher, die spannende Geschichten aus vergangener Zeit preisgeben. Mehrere tausend Bergsteigerinnen und Bergsteiger haben sich darin verewigt. Beim Durchsehen der Einträge fällt schnell auf: Die allermeisten Besucher hinterlassen nur das Datum, ihren Namen und ihren Herkunftsort – es sind stichpunktartige Einträge nur zu Dokumentationszwecken.
Bisweilen steht ein Kommentar zu den Wetterbedingungen dabei („gute Sicht“, „Petrus meint es heute schlecht mit uns“), beliebt sind auch Sinnsprüche wie „ohne Fleiß kein Preis“ oder der klassische Gipfelgruß „Berg Heil“. Eine Margrit Hahn aus Köln hadert am 8. September 1940: „Nix ist zu sehen! Mist! Dafür die ganze Arbeit! Brrr! Verrückt!“, ein anderer schimpft: „Nie mehr!“, während die Herren Brunner und Fröhlich am 21. August 1971 festhalten: „Mit 2 Flaschen Bier und bei schönem Wetter waren wir hier.“ Wenn in den Einträgen das Wort „Gott“ auftaucht, hat das nicht immer einen religiösen Hintergrund: Oft sind es triviale Sprüchlein wie „Als Mittelding zwischen Mensch und Affen hat Gott den Alpinist erschaffen“ oder „Den Göttern nah, der Arbeit fern, des hama gern“.
Die Große Arnspitze im Wettersteingebirge gehört sowohl zu Deutschland als auch zu Österreich. Die Grenze zwischen beiden Ländern verläuft über ihren Gipfel. Der deutsche Teil gehört zu Bayern, der österreichische Teil zu Tirol. Foto: © IMAGO / imagebroker
„Die Berg, die san mein Gotteshaus“
Nur eher selten ist eine
wirklich religiöse Motivation erkennbar. So hinterlässt ein namenloser
Besucher am 4. August 1932 die Worte „Berg der Berge – Golgatha“ und
zeichnet ein Kreuz darunter. „Die Berg, die san mein Gotteshaus“,
schreibt Lisl Schwarz am 13.10.1940, und ein anderer Bergsteiger dichtet
eine Woche später: „Mich reut kein Tag, den ich auf Berg und Hügel /
durch meines Gottes schönes Welt geschwärmt / im Sturm umbraust von
seiner Allmacht Flügel / im Sonnenschein von seiner Gunst durchwärmt.“
Auffällig
viele deutsche Urlauber sind unter den Gipfelbesteigern, auch während
der Kriegsjahre – so auch ein Berliner Ehepaar auf Hochzeitsreise, das
am 8. Juni 1943 staunend ins Gipfelbuch schreibt: „Junge, Junge, sind
det Berge!“ Ein anderer Berliner schreibt 1942: „Wo die Natur spricht,
da hat der Mensch zu schweigen“, ein dritter im selben Jahr: „Berlin,
wie bist du arm. Ein Berliner.“ Besonders ergreifend ist der Eintrag von
Familie Merges aus Köln, die 1941 auf dem Gipfel steht und schreibt:
„Hans Günther Merges 9 Jahre alt. Es war sehr schön. – Horst Merges 13
Jahre, im herrlichen Wetter bestiegen wir den Berg. – Es ist hier
herrlich, ohne Bomben und Flacksplitter“.
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Gedenken an verstorbene Kameraden
Verweise auf Krieg und Tod finden sich auch in anderen Eintragungen: „Das Leben blüht dort, wo die Wolken ziehn. Wo ein frischer Wind den Gipfel umweht. Wo ein schweigend Kreuz als Mahnmal steht“ (1943); auch kommt es vor, dass Bergsteiger in ihren Zeilen eines verstorbenen Kameraden gedenken. Unter den Einträgen mit religiösem Bezug überwiegen Lobpreis und Dank: „Dem Herrgott sei Dank!“, „Herr, laß Deine Himmel rühmen“, „Grüß Gott, du herrliche Welt!“ oder „Gott sei gedankt“.
Manch einer schreibt eine Liedzeile („Lobet den Herren, den mächtigen König der Ehren“) oder zitiert einen Psalm: „Herr, Gott, wenn ich sehe die Berge, Deiner Hände Werk, was ist der Mensch, daß Du seiner gedenkst und daß Du Dich seiner annimmst“ (1976); „Schön sind die Werke des Herrn zu schaun, für alle, die ihre Freude daran haben!“ (1983). Andere wählen ihre Worte frei: „Ich danke Gott für diesen so schönen Tag! Hoffentlich werde ich noch viele solche schönen Bergtage haben. Berg Heil allen anderen, die hier heraufkommen.“ (1978).
Umwelt- und Friedensbewegung
Hin und wieder geben sich Bergsteiger auch als Angehörige einer religiösen Gemeinschaft zu erkennen – wie die Mitglieder der Agape-Gemeinschaft München, die 1983 auf der Arnspitze stehen, oder eine Schwester der Katholischen Heimatmission in München, die am 16. August 1943, als vor allem in Osteuropa gerade die Hölle des Zweiten Weltkriegs tobt, schreibt: „Gott, wie groß, wie schön ist deine Welt!“ Wieder andere machen keinen Hehl daraus, Kinder der Umwelt- und Friedensbewegung zu sein, wie drei Münchner am 3. Oktober 1985: „Möge der Herrgott den Umweltvergiftern und Raketenbetreibern mal eins auf die Finger klopfen, damit uns die schöne Natur noch lange erhalten bleibt.“
Als Resümee darf festgehalten werden, dass unter den vielen Besteigern der Arnspitze interessanterweise noch nicht einmal jeder Hundertste das Bedürfnis hatte, einen Eintrag mit religiösem Bezug im Gipfelbuch zu hinterlassen, obwohl die Emotionalität des Moments und das unübersehbare Symbol des Gipfelkreuzes günstige Rahmenbedingungen für eine religiöse Äußerung bilden. Das mag nun auf den ersten Blick so wirken, als seien die meisten Bergsteiger einfach doch nicht besonders ergriffen oder gar nicht erst gläubig gewesen.
Im Staunen stumm bleiben
Nicht übersehen werden sollte aber eine dritte Möglichkeit: dass viele, die dort oben übers weite Land schauen, in ihrem Staunen stumm bleiben, ihren Dank und ihre Bitten im Stillen äußern und ihre Gefühle – zumal wenn andere Bergsteiger anwesend sind und mitlesen können – nicht schriftlich offenbaren. Am besten drückt es ein Gipfelbucheintrag vom 22. Juni 1984 aus: „Was wir gerne sagen würden, kann man nicht in Worte kleiden! Wir sind glücklich!“



