Fastenzeit
Bete und arbeite – und lies!
Das Lektüregebot in der Ordensregel des heiligen Benedikt verlangt von den Mönchen und Nonnen gewissenhaftes Lesen, besonders in der Fastenzeit.
Die Herren der Bücher: Abt Petrus Höhensteiger (links) und Pater Gabriel Vogelsang in der Bibliothek des Benediktinerklosters Schäftlarn. Foto: © SMB/Bierl
Petrus Höhensteiger, Abt in Kloster Schäftlarn, hält die Regel des heiligen Benedikt in der Hand und schlägt das Kapitel 48 auf. Dort ist das Lesepensum der Mönche in der Fastenzeit festgelegt: „In den Tagen der Fastenzeit aber sollen sie vom Morgen bis zum Ende der dritten Stunde für ihre Lesung frei sein.“ Und auch die Lektüre selbst gibt die Regel vor. Jeder erhält „einen Band der Bibel, den er von Anfang bis Ende ganz zu lesen hat“. Im sechsten Jahrhundert war das eine ziemlich anspruchsvolle Anweisung: „Denn in der Ursprungszeit des Ordens waren nicht alle Mönche lesefähig“, sagt Abt Petrus. Kapitel 48 der Benediktsregel legt also eine lange Alphabetisierungskampagne in den Klöstern nahe: Außerdem brauchte es Schreibstuben, um genügend Bibelausgaben verfügbar zu haben.
Keine Freizeitbeschäftigung
Überhaupt: Ohne Lesekultur kann sich Abt Petrus seinen Orden nicht vorstellen: „Benediktinisches Leben kann nicht allein mit ora et labora zusammengefasst werden, sondern mit ora et labora et lege.“ Also bete und arbeite und lies! Das sei in den vergangenen Jahren wieder stärker ins Bewusstsein des Ordens gedrungen.
Für Benediktinermönche und -nonnen ist Lesen keine Freizeitbeschäftigung. Für sie gehört es sozusagen zum Job. Genauer: zum klösterlichen Lebensstil. Die Benediktinerregel sieht ausdrücklich vor, dass jeder Mönch auch außerhalb der Fastenzeit seine Nase in Bücher steckt. Sie ordnet sogar eine Überwachung der Lesezeit durch zwei ältere Mitbrüder an: „Sie müssen darauf achten, ob sich etwa ein träger Bruder findet, der mit Müßiggang oder Geschwätz seine Zeit verschwendet, anstatt eifrig bei der Lesung zu sein.“
In den Tagen von Aschermittwoch bis Ostern soll das Lesen noch bewusster und ausführlicher geschehen und eben ein komplettes Buch durchgegangen werden.
Mehr Geschenk als Anweisung
Schon lange lassen viele Äbte und Äbtissinnen zu, dass es auch ein nichtbiblisches Buch sein darf. Wenn es nicht gerade Krimis oder Comics sind: „Das würde ich in keiner Weise verbieten“, sagt Abt Petrus lachend, „aber nicht speziell als Fastenlektüre empfehlen.“ Grundsätzlich übt er bei der Lektüre in seinem Kloster keinen Zwang aus. Braucht er auch nicht, weil alle von sich aus lesen. „Zum Beginn der Fastenzeit spreche ich aber immer ausdrücklich die Empfehlung aus, ein religiöses Buch konzentriert und vollständig zu lesen.“ Er bezeichnet das Lektüregebot in der Benediktsregel denn auch viel lieber „als Geschenk und nicht so sehr als Anweisung“. Und wenn sie das wünschen, empfiehlt der Schäftlarner Klosterchef seinen Mitbrüdern auch Bücher, „die zum praktischen Gebet und zur Kontemplation einladen“. Etwa John Mains „Das Herz der Stille. Einführung in das Herzensgebet“, das berühmte Buch „Aufrichtige Erzählungen eines russischen Pilgers“, oder er regt an, ein biblisches Buch einmal in einer anderen Übersetzung als der üblichen ganz zu lesen. Abt Petrus ist mit seinen Anregungen aber vorsichtig: „Schließlich ist jeder Mensch unterschiedlich, und welches Buch zu einem passt, ist ja eine sehr persönliche Sache.“
Lektürefreundlicher Tagesablauf
Pater Gabriel Vogelsang hat er einen spirituellen Bestseller des tschechischen Autors Tomáš Halík empfohlen und der hat den Vorschlag gerne angenommen. Er ist erst seit einigen Jahren Mönch. Zuvor leitete er als Diözesanpriester große Pfarrverbände. Da hat es Pater Gabriel oft sehr bedauert, dass er in seinem Tagesablauf gar keinen Platz für eine konzentrierte Lektüre hatte. „Ich war froh, wenn ich das vorgeschriebene Breviergebet geschafft habe.“
Als Pfarrer sei er eben „sehr viel mehr an vorderster Linie in der Gemeindeseelsorge gestanden“. Da hätte er „eigentlich deutlich mehr spirituelles Futter gebraucht, auch um es mit den Gläubigen zu teilen“. Und obwohl er auch in Kloster Schäftlarn jede Menge seelsorgerliche und Verwaltungsaufgaben und sonstige Arbeit zu erledigen hat, „erlebe ich hier einen anderen Rhythmus“. Der Tagesablauf sei darauf abgestimmt, Freiräume für die geistliche Lektüre zu schaffen, die von der Ordensregel ausdrücklich vorgesehen ist.
Lesen nach Plan
Für seine tägliche Lektüre hat Pater Gabriel einen genauen Plan
entwickelt. Am frühen Morgen liest er „nach einer kräftigen Ladung
Kaffee, Frühstück und Zähneputzen“ einen Abschnitt aus dem Neuen
Testament und am Abend noch einen aus dem Alten Testament. Jeweils eine
Viertelstunde. Etwa genauso lang meditiert er darüber. Dazu macht Pater
Gabriel Atemübungen, „sonst bleibt das Gelesene zu sehr auf der
Kopfebene“. Bei jedem Einatmen denkt er dann die Worte „ja, Herr“ und
beim Ausatmen „danke“.
In der Fastenzeit liest Pater Gabriel
zusätzlich jeden Tag einige Seiten aus dem Buch von Halík. Weil die Tage
zwischen Aschermittwoch und Ostern besonders auf alltägliche und
vielleicht stumpfe Gewohnheiten hinweisen wollen, übt er sich darin,
besonders bewusst und gründlich zu lesen. Dabei nutzt er einen Tipp,
den der Ordensgründer schon vor 1.500 Jahren gegeben hat: die Ruminatio,
wörtlich das Wiederkäuen. „Der heilige Benedikt hat sich die Technik
von den Kühen auf der Weide abgeschaut“, sagt Pater Gabriel, „heute
würden wir vielleicht sagen: Nimm ein Wort aus der Heiligen Schrift und
kaue den ganzen Tag darauf herum.“ So begleitet das Gelesene den Mönch
den ganzen Tag hindurch. So wie es zu seinem „Job“ gehört, besonders in
der Fastenzeit.
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Benediktinische Lesekultur
Was wird in der Fastenzeit in bayerischen Abteien gelesen? Wir fragten bei den Oberen nach.
Benedikt schreibt in seiner Regel nicht von Büchern irgendwelcher Art für die Fastenzeit, sondern meint klar die Bücher der Heiligen Schrift. Die Auswahl einer gezielten Lektüre geht in Metten eher in Richtung der täglichen Tischlesung, die in unserer Gemeinschaft vom Bibliothekar jeweils für die entsprechende Zeit ausgewählt wird.
Die Kriterien der Auswahl sind unterschiedlich und reichen vom liturgischen Jahr bis zu den aktuellen Ereignissen politischer und kirchlicher Art. Auch historische Bezüge spielen eine Rolle.
Abt Athanasius Berggold OSB, Abtei Metten
Es ist bei uns grundsätzlich so, dass ich den Schwestern keine konkreten Bücher empfehle, sondern sie suchen sich ein Buch aus, das sie in ihrer aktuellen Situation durch die Fastenzeit begleiten soll. Es soll eine geistliche Lektüre sein (also kein Krimi/Roman/Politik etc.). Wenn es ein ungewöhnlicher Titel ist, klären wir, ob es gerade das richtige Buch ist.
Ich persönlich nehme mir in dieser Fastenzeit das Buch von Simon Peng-Keller „auferstehungsleicht: Der ikonografische Weg von Josua Boesch“ vor. Am wichtigsten ist für meine Mitschwestern und mich, in der Fastenzeit konzentriert und ohne Zerstreuung zu lesen, so wie das die Regel des heiligen Benedikt auch vorsieht.
Äbtissin Francesca Šimuniová OSB, Abtei Venio München
Der heilige Ordensvater will, dass jeder Mönch in der Fastenzeit ein Buch der Bibel ganz liest.
Heute haben wir den Lesestoff auf theologische Schriften erweitert, wenngleich die Heilige Schrift die grundlegende Lektüre für das ganze Jahr bleibt.
Die Lektüre und andere geistliche Übungen wie Fasten und Gebete werden dem Oberen in einer sogenannten „Fasten-Schedula“, also einer Art Merkzettel für die Fastenzeit, mitgeteilt, damit dieser seinen Segen gibt. Das Mitteilen ist insofern wichtig, um Ungutes und Unheilsames zu vermeiden. Der Obere kann zustimmen oder ablehnen.
Für die Fastenzeit 2026 lese ich ein Buch von Kardinal Gianfranco Ravasi „Sünde. Versuche vom verfehlten Leben“. Gottes Segen dem Michaelsbund und dem guten Buch, denn gute Lektüre ist Nahrung für die Seele!
P. Christoph Maria Kuen OSB, Prior-Administrator Abtei Ottobeuren
Seit ich als Bibliothekar zum Oberen der Abtei Plankstetten gewählt worden bin, ist es mir wichtig, dass meine Mitbrüder verstärkt lesen. In der Fastenzeit teilen sei mir schriftlich mit, welches Buch sie lesen. Kürzlich bat mich ein Mönch, als Anregung eine Reihe verschiedener Bücher im Lesezimmer auszustellen, die man in der Fastenzeit lesen kann. In der Vergangenheit baten mich Mitbrüder auch, ihnen zu einem bestimmten Thema (zum Beispiel Nahtoderfahrung, Kontemplation …) ein Buch zu bringen.
In der Fastenzeit werde ich das Buch von Peter Dyckhoff „Mit Leib und Seele beten. Die neun Gebetsweisen des Dominikus“ lesen. Da es in der Fastenzeit um eine spürbare, gute Veränderung gehen soll, habe ich mich in diesem Jahr mehr auf diese körperlichen Übungen des Betens verlegt, die im Grunde genommen ein christliches Qigong sind. Vom Buch erhoffe ich mir, tiefere Einblicke in diese Gebetsformen zu bekommen. Heilwerden ist nicht nur eine Frage der Seelsorge, sondern auch des richtigen und guten Umgangs mit dem eigenen Körper.
Abt Beda Maria Sonnenberg OSB, Abtei Plankstetten
In der Regel schlagen die Mitbrüder ihre Lektüre vor und wir sprechen darüber. In der Fastenzeit wähle ich stets ein biblisches Buch aus, das ich meditieren möchte. Heuer habe ich mich für das Buch Hiob entschieden. Die Frage, warum Gott das Leid zulässt, und diese ohne Antwort auszuhalten, will ich dadurch vertiefen.
Abt Johannes Eckert OSB, Abtei St. Bonifaz in München und Andechs



