Glaubenswelten
28.06.2024

Vom Missbrauchsopfer zum Priester: Kilian Semels Weg zur Heilung

Kilian Semel wurde als Kind von seinem Pfarrer missbraucht und wurde selbst Priester. Viele Jahre verdrängte er das Geschehene. Bis es plötzlich da war. Nun hat er Papst Franziskus von seiner leidvollen Erfahrung erzählt. 

Kilian Semel trifft Papst Franziskus. Kilian Semel trifft Papst Franziskus. Foto: © privat

Manchmal liegt immer noch ein kaum hörbares Beben in der Stimme von Kilian Semel. Seine Nackenmuskeln spannen sich an und ganz leicht beginnt sein Kopf zu zittern. Dann ist zu spüren, wie stark ihn das immer noch mitnimmt, wovon er nüchtern, ruhig und konzentriert erzählt: Kilian Semel ist als Kind von seinem Pfarrer missbraucht worden und „später bin ich dann in die Täterorganisation eingetreten“, sagt er und lacht kurz auf. Denn er ist katholischer Priester geworden. Es ist die Geschichte einer Berufung, die sich gegen eine jahrelang erlittene Straftat behauptet hat, die ein Geistlicher ungestört verüben konnte. In einer Gesellschaft und in einer Kirche, in der sich weder Vorgesetzte noch Gläubige um solche Vergehen kümmern wollten.


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Vom Pfarrer als Kind jahrelang missbraucht

Begonnen hat alles kurz nach Kilian Semels Erstkommunion in den 1970er Jahren. Der noch junge Pfarrer lädt den Buben zu einem Wochenende in seinem Elternhaus ein. Kilians Vater und Mutter stimmen gerne und sogar etwas geschmeichelt zu. Der Neunjährige wird nicht nur im selben Zimmer wie der Pfarrer untergebracht: „Das war eine Dachkammer, mit einem ausrangierten großen Ehebett darin“. Selbstverständlich bekommt er dort seinen Schlafplatz neben dem Geistlichen, einem oft unbeholfenen Mann, „der nicht einmal eine Kaffeemaschine bedienen konnte“. Es ist der Beginn eines lang andauernden sexuellen Missbrauchs.

Der kleine Kilian weiß gar nicht, was ihm da geschieht, wenn ihm dieser Mann die Schlafanzughose nach unten zieht. Es verstört ihn, er fühlt, dass der Erwachsene etwas Verkehrtes, sogar Verbotenes tut: „Aber ich habe geglaubt, der Pfarrer darf das halt“. Er erzählt niemandem davon, weil er gar keine Worte dafür hat „und ich denke heute, es hätte mir auch niemand geglaubt“. Er nimmt die Übergriffe hin, weil er so gerne in der Kirche ministriert. In der Messe ist er geborgen und fühlt sich Christus so nahe, wie keinem Menschen: „Da war eine Verbundenheit zu Gott, die bis heute geblieben ist“. Der Pfarrer teilt ihn oft für die Frühmessen am Sonntag ein. Weil der Weg dann kurz und alles ja viel praktischer ist, lässt er Kilian gleich im Pfarrhaus übernachten. Sogar in den Urlaub darf er den Pfarrer begleiten, auf Jugendfreizeiten sowieso. Der Geistliche weist ihm stets einen Schlafplatz in seinem Zelt zu. Niemandem kommt das sonderbar vor, zumindest fragt nie jemand nach.

Auf Missbrauch folgt jahrelange Traurigkeit

Kilian wird zu einem immer stilleren Jungen, der aber begeistert ministriert. Nach vier Jahren zieht seine Familie an einen anderen Ort. Die Verbindung zum bisherigen Pfarrer bricht schnell ab. Kilian spürt eine große Erleichterung und „vergisst“, was ihm widerfahren ist. Zumindest drängt er die Erinnerungen so tief hinab, dass sie ihm nicht mehr zu Bewusstsein kommen. Als Erwachsener kann er sich nicht erklären, „dass mich fast immer eine Wolke aus einer tiefen Traurigkeit umgeben hat“. Obwohl er in seinem Beruf gut vorankommt, als einfühlsamer Seelsorger und Pfarrer gilt, der aber auch eine Kirchenrenovierung managen kann. Gelegentlich begegnet er noch seinem früheren Heimatpfarrer. Der ist jetzt sein Mitbruder und Kilian Semel wundert sich, warum er in dessen Gegenwart befangen ist und ihn auf Abstand halten will.

Als 2010 der Jesuitenpater Klaus Mertes den Missbrauchsskandal in Berliner Canisius-Kolleg öffentlich macht, kann Kilian Semel nicht mehr schlafen. Es ist nicht allein die Erschütterung, „dass in meiner Kirche so etwas möglich ist“, sondern er merkt, „dass das ja mit mir ganz persönlich zu tun hat“. Plötzlich sind alle Erinnerungen an die Kindheitserlebnisse wieder da. Für Kilian Semel beginnt ein langer Weg.

Solche langen und schwierigen Wege begleitet Frank-Gerald Pajonk. Als Facharzt und Professor für Psychiatrie und Psychotherapie hat er an verschiedenen Universitätskliniken in Deutschland gearbeitet. Jetzt sitzt er an einem sonnigen Tag in einem alten Ökonomiegebäude im Isartal. Seit einigen Jahren betreibt der ehemalige Benediktinermönch eine von ihm gegründete Praxis gegenüber dem Kloster Schäftlarn. In diese Idylle tragen viele Menschen die Scherben einer zerbrochenen Biografie. Als geweihter Diakon arbeitet Pajonk auch in der Seelsorge. Er ist deshalb vor allem bei Missbrauchsbetroffenen aus dem kirchlichen Bereich ein gesuchter Therapeut. Über ein Drittel seiner Patienten, die Opfer eines sexuellen Missbrauchs wurden, sind Frauen und Männer, die haupt- oder ehrenamtlich in der Kirche arbeiten, Pfarrgemeinderäte, Musiker oder auch Priester. Zurzeit behandelt er zwölf solcher Menschen.

Verdrängte Trauma kommen an Licht

Dass Missbrauchsbetroffene wie Kilian Semel ihre Erlebnisse oft über Jahrzehnte nicht erinnern, ist nichts Außergewöhnliches. Es macht sie nicht weniger glaubhaft. „Es ist ja gerade typisch für traumatische Erfahrungen, dass sie verdrängt werden“, sagt Professor Pajonk: „Weil sie sonst nicht zu ertragen sind. Das weiß die Medizin schon lange“. In seinem Sprechzimmer hängt ein Bild, das ein verzerrtes Gesicht hinter einem wirren Gitter oder einem Gespinst aus vielen Strichen zeigt. Der Mund ist ganz klein und fast nicht zu erkennen, als ob jemand reden möchte und es trotzdem nicht geht.

Tatsächlich kann ein unvermitteltes Erlebnis oder eben ein Medienbericht über das Canisius-Kolleg lange zurück gestaute Erinnerungen freisetzen. Plötzlich ist das Gitter weggerissen, das einen Menschen geschützt, aber auch eingesperrt hat. Zu Professor Pajonk kommen dann zutiefst aufgewühlte Menschen, deren verdrängtes Trauma an die Oberfläche durchgestoßen ist, und die nicht wissen, wie sie jetzt damit leben sollen. Sie wollen den Mund aufmachen und suchen einen Ausdruck für ihre Geschichte: „Das Entsetzen ist ja oft nicht in Worte zu fassen“.

Kann ein „Mann Gottes“ schuldig sein?

Ist der Missbrauch durch einen Kleriker geschehen, fällt oft auch die religiöse Heimat in Trümmer: „Der Priester steht ja im Verständnis vieler Gläubiger stellvertretend für Christus.“, erklärt der Psychotherapeut. Die Opfer fragten sich häufig, ob ein „Mann Gottes“, überhaupt Schuld an einer solchen Tat tragen kann. Sind unsicher, ob sie nicht selbst den Täter gereizt oder sein Verhalten herausgefordert haben. In langen Therapiesitzungen versucht Pajonk die Betroffenen aus solchen Verstrickungen herauszulösen, deutlich zu machen, „dass an ihnen eine Straftat verübt worden ist, an der sie keine Schuld haben“. So kann die Therapie die Patienten entlasten. Doch auch, wenn das gelingt, „da wird ein Grundvertrauen vergiftet und es bleibt die Frage, ob Gott gut sein kann, wenn einer seiner Priester ein Missbrauchsverbrechen begeht".

Kirche hat Opfer von Missbrauch lange allein gelassen

Eine Frage, die auch Kilian Semel schwer umgetrieben hat. Bei Paulus hat er ein Schlüsselwort für sich gefunden: „…weder Höhe oder Tiefe noch irgendeine andere Kreatur können uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist…“. Vor über 30 Jahren ist diese Zusage aus dem Römerbrief für ihn zu einer Berufung geworden, die ihn zur Priesterweihe geführt hat. Er hat sie bis heute nicht aufgegeben, auch wenn er Risse spürt: „Ich habe zwischendurch tatsächlich daran gedacht aufzuhören“. Die Bedrückung und manchmal auch die Verzweiflung über seine Kirche sind geblieben, „die diese Verbrechen so lange verschwiegen und vertuscht und die Opfer allein gelassen hat“. 

Treffen mit dem Papst

In den vergangenen zwei Jahren hat sich für Kilian Semel allerdings viel verändert. Nach seinem „Coming out“ hat ihn Kardinal Reinhard Marx als Seelsorger für Betroffene von Missbrauch und Gewalt in der der Erzdiözese München und Freising berufen. Im vergangenen Sommer hat er zusammen mit neun anderen Männern, die ähnliches erlebt haben wie „ihr“ Pfarrer, eine Fahrradtour nach Rom gewagt, um dem Papst ein kleines Kunstwerk zu überreichen, das symbolisch ihre zerbrochenen Herzen zeigt.

Vor ein paar Tagen ist Kilian Semel in einem kleineren Kreis nun noch einmal von Papst empfangen worden: zusammen mit drei weiteren Priestern aus dem deutschsprachigen Raum, ebenfalls Missbrauchsbetroffene. „Das war nicht nur eine Sternstunde, sondern ein Sterntag“, sagt der Pfarrer. „Papst Franziskus hat uns ohne frommes Gerede Mut gemacht, unsere verwundeten Herzen aufrecht und mit erhobenem Haupt zu zeigen“. Damit würden auch die vielen Priester gestärkt, die es bisher noch nicht gewagt haben, über einen erlittenen Missbrauch zu sprechen. „Allein, dass er uns quasi in seinem Wohnzimmer empfangen hat, macht deutlich, dass der Papst uns nahe sein will, ein bisschen wie ein Vater, der seinen zutiefst verwundeten Söhnen zuhören und sie trösten will“.

Sich öffnen, heilt

Eine dreiviertel Stunde unterhielten sie sich mit dem Papst vor allem auf Deutsch. Im Gespräch wurde deutlich, „dass der Papst die Krise der Kirche nicht nur unterhalb der Gürtellinie festmacht“. Franziskus habe sich dabei an die Nase getippt und nach oben geschoben, „und damit den Hochmut, die Hochnäsigkeit vieler Kirchenmitglieder gemeint“.  Auch sie habe dazu beigetragen, Opfer sexuellen Missbrauchs so lange zu ignorieren. Kilian Semel hofft nun auf den nächsten, auch vom Vatikan unterstützten Schritt: „Dass betroffene Priester sich weltweit vernetzen und gegenseitig ermutigen, ihre Geschichte zu erzählen, auch stellvertretend für die vielen anderen Frauen und Männer, die ähnliches erlitten haben“.

Wie wichtig es ist sich diesen Erfahrungen zu öffnen, hat Kilian Semel in seiner Arbeit als Seelsorger für Missbrauchsbetroffenem aber genauso am eigenen Leib erfahren. Vor fünf Jahren hat er eine Psychotherapie begonnen. In der kommenden Woche wird er sie abschließen: „Die heilende und stärkende Begegnung mit dem Papst nehme ich dorthin zum Abschied mit“.

Alois Bierl
Artikel von Alois Bierl
Chefreporter und Kolumnenautor
Beschäftigt sich mit wichtigen Trendthemen wie Spiritualität.