Verständigung zwischen den Religionen und der Konflikt in Israel/Palästina
Stefan Jakob Wimmer ist Vorsitzender des Vereins "Freunde Abrahams". In und um München widmet er sich dem Gespräch und dem respektvollen Umgang zwischen Judentum, Christentum und Islam. Nach dem Terroranschlag der Hamas in Israel ist das noch schwieriger geworden. Alois Bierl hat mit ihm gesprochen.
Stefan Wimmer in der Jerusalemer Altstadt. Foto: © privat
Der Verein „Freunde Abrahams“ widmet sich der Verständigung zwischen den drei monotheistischen Religionen. Welche Rolle spielt in Ihrer Arbeit der derzeitige Konflikt im Heiligen Land, das Juden, Christen und Muslimen gleichermaßen als ihre religiöse Heimat betrachten?
Stefan Jakob Wimmer: Dieses Land liegt uns allen am Herzen, schon seit es die „Freunde Abrahams“ gibt. Ich habe dort sieben Jahre gelebt und studiert. Unser Gründer, Professor Manfred Görg (1938-2012), war ebenfalls sehr verbunden mit der Region. Was jetzt in Israel/Palästina vor sich geht, belastet uns sehr, besonders weil wir zu beiden Konfliktparteien enge Beziehungen pflegen. Manchmal „beneide“ ich diejenigen, die klar wissen, auf welcher Seite sie stehen. Für die alles schwarz-weiß ist, die eigene Seite weiß, die andere schwarz. Für uns ist es nicht so einfach.
Wie machen sich denn die Kämpfe im Nahen Osten bei den „Freunden Abrahams“ bemerkbar?
Wimmer: Unser Verein hat ein Mitgliederspektrum, das die Bevölkerung in München widerspiegelt. Die meisten sind christlich, etwa zehn Prozent sind muslimisch und sehr wenige sind jüdisch. Das interreligiöse Gespräch in München hat durch den 7. Oktober und seine Folgen einen schweren Schlag erlitten. Unser Verein hat etwa 200 Mitglieder und wir sind gut vernetzt in einer lebendigen interreligiösen Szene in München. Aber seit dem vergangenen Herbst ist vieles schwieriger geworden. Vor allem die zwei jüdischen Gemeinden haben sich leider stark aus dem interreligiösen Dialog zurückgezogen. Das mag man verstehen – aber es darf nicht dabei bleiben.
Von außen sieht es so aus, als ob die Religionen im Heiligen Land ethnische oder nationale Interessen untermauern. Sind die Religionen die Treiber dieser Feindschaft?
Wimmer: Nein, der Konflikt besteht darin, dass zwei Völker ein und dasselbe Land für sich beanspruchen. Aber die Religionen werden instrumentalisiert, um diesen Konflikt anzuheizen.
Können Sie dafür ein Beispiel geben?
Wimmer: Auf islamischer Seite gab es den Großmufti von Jerusalem, Mohammed Amin al-Husseini, der seit 1937 mit den Nazis paktierte und Antisemitismus theologisch völlig verquer begründete. Seine Ideologie wirkt bis in die Gegenwart bei radikalen Palästinensern weiter, und die sogenannte „Hamas“ versteht sich selbst mit ihrem blindwütigen Hass und Terror als „religiöse“ Organisation! Auf jüdischer Seite gibt es heute die national-religiöse Siedlerbewegung, die Muslime ihrerseits als Feinde und als Menschen zweiter Klasse darstellt und Gewalt rechtfertigt. Vor genau 30 Jahren erschoss ein jüdischer national-religiöser Terrorist betende Muslime am Grab Abrahams in Hebron.
Die Freunde Abrahams
2001 haben der Ägyptologe und katholische Priester Manfred Görg und der Orientalist Stefan Jakob Wimmer die Freunde Abrahams in München gegründet. Ziel ist es, das Verständnis zwischen den drei monotheistischen Religionen zu fördern, denen die Verehrung des biblischen Stammvaters Abraham gemeinsam ist. Der Verein veröffentlicht populäre Schriften, unterstützt Forschungsprojekte, und veranstaltet Vorträge, Reisen und Begegnungen, und unterstützt politisches Engagement. Alle drei Jahre vergeben die Freunde Abrahams den Manfred-Görg-Preis für religionsgeschichtliche Forschung und interreligiösen Dialog.
Wie versuchen die Freunde Abrahams, den Dialog zwischen den Religionen am Leben zu erhalten, weit weg vom Nahen Osten?
Wimmer: Vor allem durch unsere Vernetzungen, durch Kooperationen mit anderen. Wir sind Mitglied im Haus der Kulturen und Religionen München. Dort ist der Vorstand dreigeteilt: ein christlicher Vorsitzender, eine jüdische und eine muslimische Vorsitzende. Da funktioniert die Zusammenarbeit noch. Wir haben aber auch selbst eine „Handreichung“ zum Umgang mit dem 7. Oktober und dem Gaza-Krieg hier in München herausgegeben, die intensiv rezipiert und verbreitet wird. Wenige Wochen nach dem 7. Oktober veranstalteten wir einen „Lichterweg für Menschlichkeit“, mit dem wir uns mit allen Opfern von Kriegen und Terror solidarisierten.
Warum ist es wichtig, dass ein Verein wie die Freunde Abrahams an diesem Dialog festhält?
Wimmer: Gerade weil er so schwierig ist, ist er wichtig. So schrecklich dieser Konflikt in Israel/Palästina ist, wir wollen hier in München miteinander gut auskommen. Das bedeutet gerade jetzt die Gesprächskanäle nicht nur offen zu halten, sondern zu intensivieren. Es geht darum zu zuhören, was der andere sagt, auch auszuhalten, was einem nicht so passt. Manfred Görg, unser Gründer, hat das Motto formuliert: „Religion verpflichtet zur Offenheit!“. Wer sich als religiöser Mensch versteht, muss offen sein für den anderen. Das ist die Botschaft, die wir versuchen, unter die Leute zu bringen, so schwierig das zurzeit auch ist.?
Wo ist der größte religiöse oder kulturelle Konfliktstoff, und wie gehen Sie damit um?
Wimmer: Die beiden großen Spannungsthemen, die uns immer wieder beschäftigen und um die Ohren fliegen, das sind der Antisemitismus und die Islamfeindlichkeit. Ich meine, dass man beide Dinge zusammen anschauen muss, obwohl sie nicht gleichzusetzen sind. In Deutschland kann es keine Symmetrie gegenüber dem Antisemitismus geben, das muss jeder verstehen, egal ob jemand hier geboren ist oder nicht. Doch beides ist relevant: Die Islamfeindlichkeit ist Umfragen zufolge erheblich weiter verbreitet als der Antisemitismus. Beides zu bekämpfen ist glaubwürdig, weil man dann nicht in Verdacht geraten kann, sich nach Zugehörigkeiten zu solidarisieren.
Und das scheint mir das Zentrale auch im aktuellen Konflikt. Es muss um die Menschlichkeit gehen, das ist doch die Lehre, die wir aus der Schoa ziehen müssen. Wir müssen vermeiden bestimmte Menschen oder Gruppen besonders zu bewerten. Menschenfeindliche Ideologen oder Bauchgefühle machen Unterschiede und stufen andere je nach Zugehörigkeit herab, nach Nationalitäten, nach Religion. Die jüdische Schoa-Überlebende Margot Friedländer hat gesagt: „Es gibt kein jüdisches, christliches oder muslimisches Blut, nur menschliches“. Und wenn ich das glaubwürdig machen möchte, darf ich nicht nur auf einer Seite stehen, sondern ich bin auf der Seite der unschuldigen Opfer, die leiden.
Relativiert sich dann der Kampf gegen den Antisemitismus in Deutschland, wenn gleichzeitig der noch größeren Islamfeindlichkeit begegnet werden soll?
Wimmer: Also, dass Antisemitismus heute überhaupt noch in Deutschland ein Thema ist, möchte man ja eigentlich nicht fassen. Aber es ist leider so. In Deutschland hat Antisemitismus aufgrund der Geschichte einen ganz, ganz, besonderen Stellenwert, und das muss und wird immer so sein. Er muss entschieden benannt und bekämpft werden. Jeder, der in Deutschland zu Hause sein möchte, muss das verstehen und verinnerlichen. Da kommt keiner drum rum. Da helfen auch keine Vergleiche, dass es auch andere Formen von Menschenfeindlichkeit gibt, andere Völker ebenfalls schwer zu leiden haben.
Dabei ist der Antisemitismusvorwurf in Deutschland einer der schwersten Vorwürfe, die man jemanden machen kann. Deshalb muss man mit diesem Vorwurf sehr bedacht und verantwortungsvoll umgehen und sehr genau prüfen, wo der Vorwurf am Platz ist und wo er vielleicht gar nicht hingehört. Der frühere israelische Botschafter in Deutschland, Schimon Stein, hat das meines Erachtens auf den Punkt gebracht. Er hat gesagt: „Wer ‚Antisemitismus‘ ruft, wo keiner ist, schadet dem Kampf gegen Antisemitismus“. Darauf müssen wir in der jetzigen Situation sehr genau achten.
Die Gefahr, dass der Antisemitismusvorwurf durch rechtsextremistische israelische Politiker politisch instrumentalisiert und missbraucht wird, ist da. Es kann auch sein, dass man ihn mit gutem Willen erhebt, aber dabei berechtigte Anliegen von Palästinensern vorschnell als antisemitisch abkanzelt. Wenn wir aus Verantwortung für die deutsche Geschichte Ungerechtigkeit, Entrechtung und Gewalt gegen Palästinenser decken oder verharmlosen, oder sogar mitverursachen, dann tappen wir in eine Antisemitismus-Falle. Und das ist verheerend, weil es dadurch immer schwerer wird, den echten Antisemitismus wirklich zu bekämpfen. Genau das geschieht aber zurzeit.
Sie waren selbst vor kurzem in Israel. Welche Eindrücke haben Sie mitgenommen und vielleicht auch Hoffnungszeichen gespürt?
Wimmer: Ich war in Jerusalem, in unserer Partnerstadt Be’er Schewa und an der Universität von Tel Aviv. Bei allen Gesprächen spürte ich Ratlosigkeit und Perspektivlosigkeit. Trotzdem gibt es auf beiden Seiten Menschen, die den Konflikt lösen wollen und nicht aufgeben wollen. Und die Schönheit Jerusalems hat mich – wie jedesmal – wieder ergriffen. Das Land und seine Menschen haben unglaubliche Kräfte für das Gute. Es gibt Stimmen, die den aktuellen Konflikt mit dem Jom-Kippur-Krieg 1973 vergleichen, nach dem Frieden mit Ägypten möglich wurde. Viele erkennen, dass Israels Sicherheit auf Dauer in einer gerechten Friedenslösung liegt. Darin besteht die deutsche Staatsräson, wie Angela Merkel sie formuliert hat, und nichts anderes sieht auch die Bibel vor.



