Glaubenswelten
19.03.2026

Religiöse Kunst im Wandel

Eine Ausstellung im Freisinger Diözesanmuseum zeigt den Wandel kirchlicher und christlicher Kunst zwischen 1825 und 1925. 
    

Johann Friedrich Overbeck, Madonna mit dem von der Passion träumenden Christuskind. Johann Friedrich Overbeck, Madonna mit dem von der Passion träumenden Christuskind. Foto: © bpk/Museum Georg Schäfer Schweinfurt

Eine junge Frau schwebt mit wehenden Haaren auf einer Wolke. Umgeben ist sie von eleganten weiblichen Engeln und putzigen Kindern mit Flügeln. Das Bild von Ludwig von Löfftz zeigt die Himmelfahrt Mariens, ist etwa so groß wie vier Tischtennisplatten und fällt schwer unter Kitsch-Verdacht. Die Macherinnen und Macher begrüßen damit ganz bewusst die Besucher der Ausstellung. 

Maria und ihre Begleiterinnen waren jahrzehntelang die Empfangsdamen des Hauses. Das 1888 entstandene Bild war schon vom Eingang aus zu sehen und dominierte das Erdgeschoss. Ursprünglich hing es im Freisinger Dom. Es bediente die damaligen Erwartungen an eine auf Anhieb verständliche und gefällige Kunst – präsentierte ein Glaubensgeheimnis in realistischem Gewand. „Tolles Bild“, sagt ein Kameramann, der vor der Eröffnung einen Fernsehbeitrag dreht. Denn das Gemälde ist unbestreitbar ein Blickfang, ist eindeutig und zeigt makellose Körper, bedient, was üblicherweise für schön gehalten wird. 

Freisinger Ausstellung: Religiöse Kunst
zwischen Kitsch, Skandal und Moderne 

Genau das, was heute auch moderne Medien erwarten, von TV-Serien bis zu Instagram und TikTok. Dass das schon zu von Löfftz’ Lebzeiten nicht unumstritten war, macht ein ebenfalls großformatiges Bild Fritz von Uhdes klar. Da ist Jesus als einfacher Mann zu sehen, ein nachdenklicher Softie, der Kinder in zeitgenössischer Kleidung um sich versammelt. Nirgendwo ein Heiligenschein, kein Pathos, keine weltabgewandte Erhabenheit, menschlich und nahbar sitzt er da, mitten im Alltag.  

Das Bild ist sogar schon 1884 entstanden und machte Skandal. Insbesondere aus Kirchenkreisen kam heftige Kritik. So ungeschminkt und ärmlich wollten sie eine Geschichte aus der Bibel nicht dargestellt sehen. „Die kirchliche Kunst jener Zeit ging einen anderen Weg und versuchte trotzig zu widerstehen“, sagt Christoph Kürzeder, der Direktor des Freisinger Diözesanmuseums. Die Kirche habe sich von den damals aktuellen Entwicklungen „ins eigene und festgefügte Milieu zurückgezogen“. Durch den neuen Kunstmarkt waren Maler und Bildhauer allerdings nicht mehr gezwungen, sich den Erwartungen dieses Milieus zu unterwerfen. Es gab Sammler und Museen, die Werke wie die Fritz von Uhdes kauften und auch öffentlich präsentierten, was die Kirche weitgehend ablehnte.  

Ein prominentes Beispiel dafür ist der Münchner Kardinal Michael von Faulhaber: „Mögen die draußen die Bäume rot, die Pferde grün, die Menschen drei- oder viereckig malen.“ Und das hieß, so etwas hat drinnen nichts zu suchen, das kommt uns nicht ins Gotteshaus. Wen der Kardinal da meinte, ist in der Ausstellung nur ein paar Meter entfernt von seinem Porträt zu sehen: Künstler wie Wassily Kandinsky, Gabriele Münter aus der Bewegung um den „Blauen Reiter“, die geistige und religiöse Dimensionen in Formen und Farben ausdrücken. 
     

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König Ludwig I. und der
Wandel kirchlicher Kunst in Bayern 

Das Kunstverständnis Kardinal Faulhabers wurzelte dagegen tief im 19. Jahrhundert. Das stellt die Freisinger Ausstellung ausführlich vor. Und der im Titel genannte König Ludwig I. spielte dabei eine bedeutende Rolle. Nicht zuletzt, weil er viele repräsentative Aufträge zu vergeben hatte.  

Der kunstsinnige bayerische König gab dabei die Richtung vor. Malerei und Architektur sollten sich an klassischen Idealen orientieren, das Auge erfreuen und keinesfalls verstören. Vorbild für die kirchliche Kunst waren vor allem Gotik und Renaissance. Viele Künstler imitierten sie handwerklich perfekt, schufen damit auch das Fundament, auf dem sich München zu einem bedeutenden europäischen Zentrum für das Kunstgewerbe entwickeln konnte.  

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Brillante Maler wie Friedrich Overbeck setzten auch starke persönliche Akzente, entwickelten eine eigene Handschrift. Doch es sind Bilder eines Rückzugs, der die Erschütterungen der Epoche ausblendete. Die industrielle Revolution und der technische Fortschritt veränderten die Arbeitswelt und ebenso die Sehgewohnheiten dramatisch. Die Evolutionstheorie und die Psychologie stürzten das bisherige Menschenbild um. Gleichzeitig wollten viele Menschen wenigstens ihren Seelenfrieden bewahren und sich auch nicht noch durch eine moderne Kunst verunsichern lassen. 

Diese Spannung zeigt die Freisinger Ausstellung eindrucksvoll. Damit ist sie auch nahe an der heutigen Gegenwart und versteht sich nicht nur als kunsthistorischer Rückblick. „Wir wissen ja in diesem ganzen Weltgetriebe auch nicht mehr, wo wir stehen“, sagt Steffen Mensch, der die Ausstellung mitgestaltet hat. Die Sehnsucht nach Sinn und Halt sei angesichts der heutigen Krisen besonders akut.  

Wie die Kunst zwischen 1825 und 1925 darauf reagierte, führen die über 120 Bilder der Schau vor, die aus eigenen Beständen und von rund 30 Leihgebern aus Deutschland stammen. Carmen Roll, die stellvertretende Direktorin des Diözesanmuseums, hat sie mit ausgewählt und kommentiert. Stilistisch könnten sie gar nicht gegensätzlicher sein. Dennoch haben sie etwas Entscheidendes gemeinsam, so Roll: „Alle Werke verbindet die Frage, wie lässt sich etwas, das über mir ist, etwas Göttliches oder Spirituelles, ausdrücken, und zwar so, dass es Betrachter anspricht und trifft.“ Die Ausstellung ist für den Besucher jedenfalls eine Einladung zu entdecken, ob und warum ihn gerade dieses oder jenes Bild nach 100 oder sogar 200 Jahren immer noch berührt. 


Die Ausstellung im Diözesanmuseum Freising „Himmlisches Wiedersehen. Von Ludwig I. zum Blauen Reiter“ ist noch bis zum 26. Juli zu sehen. Mehr Informationen unter dimu-freising.de

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Alois Bierl
Artikel von Alois Bierl
Chefreporter
Beschäftigt sich mit wichtigen Trendthemen wie Spiritualität.