Musik als Brücke des Glaubens
Der frühere evangelische Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm spricht im Interview über seine Liebe zum Gospel und die Kraft der Musik als Brücke zwischen Menschen verschiedener Konfessionen.
Heinrich Bedford-Strohm. Foto: © IMAGO / epd
Sind Sie in einer musikalischen Umgebung groß geworden?
Ja. Musik spielte in meiner Familie immer eine große Rolle. Wir waren fünf Geschwister, alle haben ein Instrument gelernt.
Spielen Sie ein Instrument?
Ich habe mit sechs Jahren Geigenunterricht bekommen und später auch in verschiedenen Orchestern gespielt. Und ich habe seit meiner Jugend immer wieder in Chören gesungen.
Verraten Sie uns Ihren Lieblingssong?
„Leaning on the Everlasting Arms“ – ein Spiritual, das ich als Student in Berkeley in den 1980er-Jahren immer wieder im Kirchenchor meiner schwarzen Kirchengemeinde in Oakland/Kalifornien mitgesungen habe und das viele Jahre später eine Gospelsängerin bei meiner Amtseinführung als Landesbischof 2011 in Nürnberg gesungen hat.
Das spirituellste – geistvollste Lied, das Sie kennen?
Ich liebe Gospelsongs. Aber auch die alten Gesangbuchlieder, ganz besonders die Lieder von Paul Gerhardt. „Geh aus, mein Herz, und suche Freud“ macht mich immer froh. Aber auch das eher unbekannte Lied 351 aus dem Evangelischen Gesangbuch: „Ist Gott für mich, so trete gleich alles wider mich …“ finde ich wunderbar.
Ist Musik für Sie stärker im Ausdrücken von Freude oder Trauer? Welche Rolle spielt sie für Ihren Glauben?
Musik spielt eine sehr große Rolle für meinen Glauben. Freude und Trauer kann ich hier nicht in eine Hierarchie bringen. Das Tolle ist ja gerade, dass die Musik beides so tief in der Seele zum Ausdruck bringt. Ich will das „Jauchzet, frohlocket“ aus Bachs Weihnachtsoratorium nur zusammen mit dem „Erbarme dich“ aus seiner Matthäuspassion haben. Schon in der Bibel sind die Psalmen ein so großer Schatz, weil sie die Gefühle von uns Menschen so authentisch zum Ausdruck bringen.
Trost und neue Lebensfreude sind nur möglich, wenn wir auch die Abgründe des Schmerzes und der Trauer zur Sprache bringen. Der Schrei Jesu am Kreuz „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ und das „Christ ist erstanden“ können nicht voneinander getrennt werden.
Haben Sie erlebt, dass Musik Frieden stiften kann?
Ich erlebe es die ganze Zeit. Wenn wir bei schwierigen und kontroversen Diskussionen im Landeskirchenrat gesungen haben, gingen die Diskussionen danach viel leichter. Jetzt ist es in meinem Amt als Vorsitzender des Weltkirchenrats genau das Gleiche. Gemeinsam zu singen schafft einfach Gemeinschaft und baut Brücken.
Musik als „Instrument der Ökumene“: Welche Töne müssen hier (neu) angestimmt werden?
Wie bei einem guten Orchester brauchen wir unterschiedliche Stimmen und Töne, die gut zusammenklingen. Wenn alle das Gleiche spielen, wäre die Musik langweilig. Entscheidend ist, dass alle immer wieder auf die Komposition schauen und sich hineinhören. Da ist die Bibel eine wunderbare Partitur. Und einen besseren Komponisten als den dreieinigen Gott kann man sich nicht vorstellen. Nur wenn wir wirklich auf Christus hören, anstatt unsere eigene Konfession an die erste Stelle zu setzen, klingt die Musik so gut, dass der Himmel sich öffnet.
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Könnten Sie einen besonderen „Spirit“ in München ausmachen, Ihrer früheren Wirkungsstätte als Landesbischof?
Weltoffenheit und Toleranz, verwurzelt in lebendiger Tradition. Diesen Geist habe ich z. B. als Landesbischof gespürt, als ich bei meiner ersten regelmäßigen Einladung von Vertretern muslimischer Gemeinden ins Landeskirchenamt türkischstämmige Muslimas im Dirndl begrüßt habe.
Die Bayerische Verfassung wird heuer 80. „Bayern bekennt sich zu einem geeinten Europa“, heißt es darin. Sie selbst gelten als Brückenbauer. Vielleicht sollte man ergänzend zur Bayernhymne auch aus der Bayerischen Verfassung singen bei offiziellen Anlässen?
Ich weiß nicht, ob das funktioniert. Aber das Singen der Bayernhymne zum Anlass zu nehmen, mal in die bayerische Verfassung zu schauen und zu sehen, wie sehr sie zu Toleranz und sozialer Gerechtigkeit verpflichtet, das täte uns schon gut.
Heinrich Bedford-Strohm ist evangelischer Theologe. Von 2011 bis 2023 war er Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern und von 2014 bis 2021 Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Er steht für eine engagierte, gesellschaftsorientierte Kirche und setzte sich besonders für Flüchtlinge und soziale Gerechtigkeit ein. In der Ökumene fördert er bis heute den Dialog zwischen den Konfessionen und engagiert sich international, etwa im Ökumenischen Rat der Kirchen.
Während seiner Zeit als Landesbischof arbeitete er eng mit dem katholischen Münchner Erzbischof, Kardinal Reinhard Marx, zusammen. Als „Vorbilder ökumenischer Verständigung“ wurden beide gemeinsam 2020 mit dem Augsburger Friedenspreis ausgezeichnet.
In Utting am Ammersee ist die Freude groß über die wiederaufgebaute Christuskirche. Sie hatten die Gemeinde vor drei Jahren am Karfreitag besucht, nachdem die Kirche abgebrannt war. Jetzt kommen Sie zur Orgeleinweihung Anfang Mai. Müssten da nicht große Hoffnungstöne erklingen?
Ich habe die Einladung nach Utting trotz meines wegen der weltweiten Tätigkeit noch immer sehr engen Kalenders angenommen, weil mir der Gottesdienst nach dem Brand dort noch so im Herzen ist und ich die Freude über den Wiederaufbau so sehr teile. Was immer die Liedauswahl am Ende sein wird: Der Grundton wird die Dankbarkeit und das Lob Gottes sein.



