Glaubenswelten
25.03.2026

100-Jahr-Jubiläum

Mitten in der Welt, ganz im Kloster

Das benediktinische „Ora et labora“ („Bete und arbeite“) nehmen die Schwestern der Abtei Venio wörtlich: Sie gehen in Zivilkleidung ihren Berufen nach und versammeln sich mit Chormantel und Schleier zum Gebet. Heuer besteht diese Frauengemeinschaft 100 Jahre.
   

Gemeinsames Grillen mit Priorin Scholastica Rübenach (Dritte von links) im Abtei-Garten in München. Gemeinsames Grillen mit Priorin Scholastica Rübenach (Dritte von links) im Abtei-Garten in München. Foto: © Schwester Teresa Spika

Sie leben in zwei europäischen Großstädten, gehen in ganz normaler Kleidung zur Arbeit und finanzieren sich so ihren Lebensunterhalt. Und doch sind die Benediktinerinnen der Abtei Venio in München und Prag, die heuer vor 100 Jahren gegründet wurde, nicht einfach nur eine Wohngemeinschaft, sondern ein richtiges Kloster mit Ordensgelübden und festen Gebetszeiten. „Wir leben in vollständiger Gütergemeinschaft, in vollständiger Lebensgemeinschaft – ein Leben lang“, stellt Priorin Scholastica Rübenach klar. 

„Das Besondere ist schon immer gewesen, dass die Schwestern in zivilen Berufen tätig waren, auch wenn sie ein monastisches Leben anstrebten“, erläutert Äbtissin Francesca Šimuniová. „Andere Benediktinerinnenklöster sind, abgesehen von Missions-Benediktinerinnen, meistens Klausurklöster, in denen die Schwestern im Kloster ihre Arbeit tun.“
   

Die Gründerinnen hätten den Mut zu ihrer besonderen Lebensform „aus dem Gebet geschöpft“, glaubt Äbtissin Francesca Šimuniová. Die Gründerinnen hätten den Mut zu ihrer besonderen Lebensform „aus dem Gebet geschöpft“, glaubt Äbtissin Francesca Šimuniová. Foto: © Abtei Venio

Arbeit – notwendig und gewollt

Die Berufstätigkeit der Schwestern habe zum einen wirtschaftliche Gründe, weiß Schwester Scholastica: „Unsere ersten Schwestern hätten sich gar nicht in eine Klausur setzen können. Es gab ja kein Stiftervermögen oder so was. Sie mussten ja irgendwie von was leben und auch ihren Metzger und ihren Bäcker bezahlen.“ Zudem habe diese Lebensform in die Gründungszeit gepasst, ergänzt Schwester Francesca: „Die Frauen haben eine andere Stellung in der Gesellschaft gesucht und langsam auch eingenommen.“

Sie glaubt, die Gründerinnen hätten den Mut zu dieser besonderen Lebensform „aus dem Gebet geschöpft“. „Sie erlebten, dass Gott in ihnen und durch sie wirkt!“, beschreibt Schwester Scholastica die Erfahrung ihrer Vorgängerinnen. Diese Einstellung führte Ende der 1930er Jahre sogar zum Bruch mit dem ersten männlichen Begleiter der Gemeinschaft, dem Beuroner Benediktinerpater Alois Mager, dem eine weniger verbindliche Form des Zusammenlebens vorschwebte. Seither übernehmen die Schwestern selbst die geistliche Leitung ihrer Gemeinschaft – und nicht ein männlicher Spiritual, wie in anderen Benediktinerinnenklöstern üblich. „Eine fundierte theologische Bildung war für die Schwestern von daher schon immer wichtig. Deshalb sind Venio-Schwestern in die Katholische Akademie und nach Salzburg zu den Hochschulwochen gefahren und haben dann als Multiplikatorinnen in der Kommunität gewirkt“, berichtet Schwester Scholastica. 

Venio-Schwestern vor der 2007 gegründeten Niederlassung auf dem Weißen Berg in Prag. Venio-Schwestern vor der 2007 gegründeten Niederlassung auf dem Weißen Berg in Prag. Foto: © Schwester Teresa Spika

Kapelle als Zeichen des Aufbruchs

Die 1952 von dem Architekten Siegfried Östreicher errichtete Kapelle neben dem Wohnhaus der Ordensfrauen im Münchner Stadtteil Nymphenburg sei „sehr ungewöhnlich“ gewesen. Denn als eines der ersten Gotteshäuser in München besaß sie nur einen Volksaltar – und das zu einer Zeit, als die Priester die Messe noch mit dem Rücken zum Volk feierten, aber im Zuge der Liturgischen Bewegung der Wunsch nach einer „tätigen Teilnahme“ der Gläubigen entstanden war.

Treibende Kraft hinter dem Bau war die Gründerin der Frauengemeinschaft, Schwester Agnes Johannes. Ihre Sehnsucht, authentisch und unabhängig von der Meinung anderer Menschen zu leben, teilen die Schwestern bis heute: „Wir singen Choral, auch wenn viele Leute sagen: ,Aus welchem Jahrhundert kommt ihr denn?‘“, unterstreicht Schwester Scholastica und fügt hinzu: „Wir leben daraus und wollen das nicht preisgeben.“ 

Derzeit gehören 19 Schwestern aus Deutschland und Tschechien zur Abtei, die seit 2007 eine Niederlassung auf dem Weißen Berg in Prag hat. Eine Frau bereitet sich gerade im Postulat auf ein Leben in der Ordensgemeinschaft vor. 

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Neue Herausforderungen

„Unsere Gründergeneration hat in einer Zeit gelebt, in der Ordensleben normal war. Sie musste sich in der Institution Kirche und in der benediktinischen Welt behaupten“, verdeutlicht Schwester Scholastica. So war es nicht zuletzt deshalb zur Gründung der Gemeinschaft gekommen, weil das Noviziat auf Frauenchiemsee, in das Marianne Johannes, wie die Gründerin mit Taufnamen hieß, eigentlich hatte eintreten wollen, überfüllt war. Heute hingegen empfinde die Gesellschaft Klöster als „merkwürdig“. 

Das stellt die Venio-Schwestern vor neue Herausforderungen. So fragt sich die seit 2021 amtierende Äbtissin, wie Leitung in der gegenwärtigen individualistisch geprägten Zeit gelingen könne, und gibt ein konkretes Beispiel: „Jede Schwester hat ein Handy, jede hat einen PC. Da ist wirklich Selbstdisziplin gefragt. Das finde ich auch richtig. Wir sind erwachsene Frauen. Ich möchte nicht jedes Detail im Leben der Schwestern kontrollieren“, betont die 52-Jährige.

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Offene Türen statt Programm

Darüber hinaus stellen sich die Schwestern die Frage: „Was suchen Menschen heute eigentlich?“ Da organisierte Veranstaltungen wie Vorträge oder Konzerte weniger Besucher anziehen als vor der Corona-Pandemie, versuchen sie, niederschwelliger mit anderen in Kontakt zu kommen. „Wir laden ein zu dem, was uns selbst wichtig ist, was uns nährt – Liturgie, Gespräch und Begegnung. Außerdem machen wir das Tor vorne auf und zeigen, was wir sind – Ordensfrauen –, und laden die Menschen einfach ein, reinzukommen“, veranschaulicht Schwester Scholastica diesen Ansatz.

Beispielsweise haben die Venio-Schwestern voriges Jahr beim Stadtteil-Flohmarkt ihr Benediktsfest gefeiert: „Wir haben Waffeln gebacken und Sirup ausgeschenkt und sind mit den Leuten einfach ins Gespräch gekommen. Die wussten weder, wer Benedikt ist, noch, wer wir sind“, erzählt Schwester Scholastica. Das wollen sie heuer im Jubiläumsjahr wieder so handhaben.

Ob die Abtei Venio in 100 Jahren erneut Grund zum Feiern haben wird, diesbezüglich wollen sich die Ordensfrauen nicht festlegen: „Es ist Gottes Projekt“, meint Schwester Francesca. „Es hilft mir immer, wenn ich irgendwie Stress kriege, zu sagen: Das ist seine Sache. Von daher, in 100 Jahren: so Gott will, wie Gott will, wenn Gott will.“​

Zur Abtei-Geschichte

Anfang der 1920er Jahre begannen mehrere junge Frauen in München, nach der Arbeit gemeinsam die Vesper und die Komplet des monastischen Stundengebets zu feiern. Initiatorin war Mutter Agnes Johannes (1900–1993), die als Gründerin der Kommunität Venio gilt und am 24. November 1926 offiziell deren Leitung übernahm. Als Namen für die Gemeinschaft wählt sie einen Vers aus Psalm 40: „Ecce venio“ – „Siehe, ich komme … um deinen Willen zu tun“ (vgl. auch Hebr 10,7).

1927 gab Kardinal Michael von Faulhaber der Gruppe die Erlaubnis zur „Vita communis“, zum „gemeinsamen Leben“. Um die Bindung an das Benediktinische konkret zu machen, schlossen sich die Frauen verschiedenen benediktinischen Klöstern als Oblatinnen an. Seit Pfingsten 1930 trugen sie während der Feier des Stundengebets und der Gottesdienste Chormäntel, seit 1935 auch Schleier. 1952 erwarb die Gemeinschaft das Haus in der Döllingerstraße 32 im Stadtteil Nymphenburg, in dem der Großteil der Schwestern bis heute lebt. 1953 wurde daneben die von dem Architekten Siegfried Östreicher entworfene Kapelle geweiht, 1956 auf dem Gelände ein Haus für Gäste errichtet.

1992 erhielt die Gemeinschaft von Kardinal Friedrich Wetter den kirchenrechtlichen Status eines Instituts bischöflichen Rechts. 2007 gründete sie eine Niederlassung auf dem Weißen Berg in Prag. 2013 erhob Kardinal Reinhard Marx die Kommunität zur Abtei. (kh)

Mehr Infos online unter www.venio-osb.org.

Karin Hammermaier
Artikel von Karin Hammermaier
Redakteurin
Recherchiert und schreibt Geschichten für [inne]halten.