„Maria als Himmelskönigin“ von Hans Baldung Grien - ein kosmisches Ereignis auf Din-A-4
Die Alte Pinakothek in München hat ein Meisterwerk des Dürer-Schülers Hans Baldung Grien erworben. Seine „Himmelskönigin“ wird zusammen mit anderen Hauptwerken spätmittelalterlicher Malerei in einer neuen Präsentation gezeigt. Die Schau mit dem Titel: „Wie Bilder erzählen. Storytelling von Albrecht Altdorfer bis Peter Paul Rubens“ verdeutlicht, dass die Alte Pinakothek die wohl weltweit bedeutendste Sammlung altdeutscher Malerei besitzt.
„Maria als Himmelskönigin“ von Hans Baldung Grien in der Alten Pinakothek München. Foto: © Bayerische Staatsgemäldesammlungen – Alte Pinakothek München, Haydar Koyupinar
Passend zum Marienmonat ist im Mai eine neue „Himmelskönigin“ in München eingetroffen. Taufrisch sieht sie aus, obwohl sie rund 500 Jahre alt ist. Nicht viel größer als ein DIN-A-4 Blatt gehört dieses Marienbild jetzt einem der bedeutendsten Museen der Welt: Die Alte Pinakothek hat dieses wichtige Werk des Malers Hans Baldung Grien erwerben können. Der Ankauf gilt als Sensation. Ab dem 5. Juni können die Besucher der gekrönten Maria ihre Reverenz erweisen. Zusammen mit anderen hochkarätigen Werken aus der Sammlung, vor allem der altdeutschen, aber auch der altniederländischen und flämischen Kunst.
Zunächst schwärmt Gabriel Dette aber von der neuen „Himmelskönigin“. Seit zwei Jahren betreut er die Sammlung altdeutscher und altniederländischer Malerei in der Alten Pinakothek in München. Also Bilder von Dürer und Co. aus der Zeit um 1500. Nun ist er auch für das Wohlergehen des neu erworbenen Gemäldes von Hans Baldung Grien zuständig. Das Werk stammt aus einer amerikanischen Privatsammlung. Stiftungen haben die Erwerbung ermöglicht. Über den Preis wird Stillschweigen bewahrt. Dette nennt es den „wichtigsten Neuankauf für diesen Sammlungsteil seit Jahrzehnten“.
Sammlungslücke gefüllt
Die Alte Pinakothek besitzt den wohl wichtigsten Bestand altdeutscher Malerei weltweit. Auch etliche Werke des Dürer-Schülers Hans Baldung Grien sind darunter. Besonders meisterhaft und berühmt sind seine Frauendarstellungen. Und da füllt die „Himmelskönigin“ eine Sammlungslücke: „Wir hatten bisher kein kleinformatiges Andachtsbild von ihm, solche Darstellungen sind aber ein wichtiger Aspekt im Schaffen dieses einzigartigen Künstlers.“ Dette hebt aber genauso die „hohe malerische Qualität“ der „Himmelskönigin“ hervor. Die ergänze die Sammlung nicht nur, sondern „fügt ihr einen Höhepunkt hinzu, der uns bisher gefehlt hat“.
Jetzt hängt das neue Bild zwischen zwei Madonnen des Kölners Stephan Lochner und dem Nürnberger Albrecht Dürer und macht deutlich wie unterschiedlich und vielfältig die Künstler dieser Epoche die Muttergottes aufgefasst haben. Stefan Lochner arbeitet noch stark mit dem traditionellen Goldgrund, um die Hoheit Maria herauszuheben. Bei Dürer ist sie eine zärtlich blickende Frau mit ihrem Kind, die er wie in einer Nahaufnahme festhält.
Lichttunnel wie in einem Science Fiction-Film
Bei Grien, der vor allem in Freiburg und Straßburg gewirkt hat, trägt die Madonna eine sogenannte Bügelkrone, ähnlich wie die deutschen Kaiser, und hält das Jesuskind sicher mit beiden Händen auf ihrem Schoß fest. Über ihr öffnet sich wie in einem Lichttunnel der Himmel. Dieser Lichttunnel sieht aus, wie aus einem Science-Fiction-Film. Schon allein deshalb bleibt der Blick daran hängen. Das kleine Bild trifft damit auch eine große Aussage: „Wir sehen hier nicht einfach eine Mutter mit ihrem Kind, sondern werden einer Vision von kosmischen Dimensionen teilhaftig“, so Kurator Dette.
Dem widerspricht auch nicht der höchst realistisch gemalte kleine Jesus. Mit geschlossenen Augen trinkt er hungrig an der Brust seiner Mutter. Dieses Kind mit viel Babyspeck führt vor Augen was Christen glauben: Mit ihm hat sich Gott mit Haut und Haar auf die Menschen eingelassen, ist einer von ihnen geworden, weil er sie liebt und sich sogar für sie opfern wird. Auch das hat Hans Baldung Grien raffiniert in sein Bild eingearbeitet. Um das Kind ist eine große Stoffwindel gewickelt. Es erinnert auffällig an das Lendentuch, das Jesus auf Kreuzigungsdarstellungen trägt.
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Internationaler Kunstaustausch
Damit steht das gerade erworbene Gemälde auch für den Titel der gesamten Ausstellung: „Wie Bilder erzählen. Storytelling von Albrecht Altdorfer bis Peter Paul Rubens“. Letzterer gehört eigentlich gar nicht mehr in jene Epoche zwischen 1450 und 1550, die die Präsentation vorwiegend zeigt. Aber an dem ausgewählte Männerporträt von Rubens ist deutlich, wie stark die Kunst des 15. und 16. Jahrhunderts alles Nachfolgende beeinflusst hat. Es hängt übrigens gleich neben dem unheimlichen Bildnis des Pfalzgrafen Philipp dem Kriegerischen von Hans Baldung Grien.
Seine Malerei und die seiner Zeitgenossen brachte etwas Neues in die Geschichte der Malerei. Sie werfen einen scharfen und genauen Blick auf den einzelnen Menschen, achten auf das, wie er sich gibt, ebenso auf das, was ihn heimlich umtreibt oder zu verbergen sucht. Außerdem erzählen sie Geschichten mit dicht gedrängten Details und Alltagsbezügen. Dazu gehören zeitgenössische Gewänder und Landschaften genauso wie Waffen oder Werkzeuge von damals. Das hatten diese Meister durch den internationalen Kunstaustausch gelernt und immer mehr perfektioniert.
Malerei mit neuen Erzählmethoden
Vor allem aus den Niederlanden, die damals auch das heutige Belgien umfasste, kamen wichtige Impulse. Das lässt sich gleich zu Beginn der Ausstellung an verschiedenen Bildern aus dieser Region nachvollziehen. Gerade in München und im Alpenraum wurden diese Anstöße schnell und begierig aufgegriffen. „Indem die sichtbare Welt in all ihren Facetten möglichst getreu wieder gegeben wird, bieten sich für das bildliche Erzählen von Geschichten ganz neue Möglichkeiten“, sagt Sammlungsleiter Dette und bleibt vor einer Tafel des sog. Meisters der Benediktbeurer Kreuzigung von 1455 stehen. Nach der damals herrschenden Mode gekleidet, versammelt sich dort ein Getümmel von Menschen. Aus ihm heraus zielt eine Armbrustschütze auf die Betrachter, also mit der damals modernsten Waffe. Im Hintergrund sind eine Burg und eine Stadtansicht zu sehen, wie sie im 15. Jahrhundert am Inn genauso zu sehen waren wie am Lech. „Die Betrachter werden dadurch in zuvor nicht gekannter Weise ins Bild eingebunden, erläutert Dette, „denn er sieht lauter Dinge, die er aus seinem Alltag kennt, das heilige Geschehen wird in seine Gegenwart und seine erfahrbare Umgebung geholt“. Gerade für die oft monumentalen Altarbilder und ihre Verkündigungsaufgabe in einer religiös bewegten Zeit ist das ein wichtiges Mittel, auf das kein damals moderner Künstler verzichtet.
Allerdings wenden sie ganz unterschiedliche Methoden an. Erzählt Hans Holbein d. Ä. im schwäbischen Kaisheimer Altar wie in einem Comic-Strip das Geschehen in seiner zeitlichen Abfolge schildern, arbeitet der fränkische Hofer Altar von Hans Pleydenwurff mit einer Simultandarstellung, stellt also Szenen in einem Gemälde dar, die räumlich und zeitlich auseinander liegen.
Viele Hauptwerke waren lange im Depot
Kaum zu glauben, dass diese Werke jahrelang nicht zu sehen waren, die in jedem anderen Museum ständig als Hauptwerke ausgestellt wären. Doch die Schätze der Alten Pinakothek sind zu groß, um sie alle zu zeigen. Zudem die Hängeflächen durch die Aufnahme von Werken aus der der gerade im Umbau befindlichen Neuen Pinakothek noch beschränkter sind als zuvor. Nun sind diese Kostbarkeiten in einer neuen Präsentation wieder zu entdecken. Ihre Künstler haben bis heute gültige Maßstäbe für das Erzählen mit und in Bildern gesetzt.
Die Alten Meister sind also alles andere als von gestern. Auch nach 500 Jahren schlagen sie die Betrachter in ihren Bann. „Sie zeigen Menschen aus Fleisch und Blut, zeigen Zwiespälte in denen sie stecken und ihre Gefühle“, sagt Dette und geht noch auf eines seiner Lieblingsbilder zu, den „Christus als Schmerzensmann“ des gebürtigen Salzburgers Roland Fueauf. In seinem nüchternen Stil und dem fragenden Blick eines gequälten Menschen wirkt es wie für die Gegenwart gemalt. Und so eindrucksvoll diese Bilder im Internet oder auf Reproduktionen aussehen, „die Konfrontation mit dem Original ist eben durch nichts zu ersetzen“, erklärt Dette. Bis Juli 2026 besteht dazu in der Alten Pinakothek Gelegenheit. So lange werden diese Schätze dort zu sehen sein, bevor sie einer neuen Ausstellung weichen müssen.



