Glaubenswelten
10.05.2026

Kommen die nicht in den Himmel?

Viele Großeltern schmerzt es, wenn ihre Kinder und Enkel sich von der Kirche abwenden und nicht mehr glauben. Was kann ihnen helfen, gut damit zu leben? Und was sollten sie keinesfalls tun? Der Theologe Wunibald Müller gibt Antworten.
    

Foto: © AdobeStock - Pixel-Shot

Wie erleben Sie Großeltern und Eltern, deren Kinder und Enkel mit Glauben und Religion nichts mehr anfangen können?

Ganz unterschiedlich. Ich erlebe solche, die das gut akzeptieren und sagen: „Da mische ich mich nicht ein.“ Und ich erlebe andere, denen das großen Kummer bereitet und die denken: „Habe ich etwas falsch gemacht?“

Warum schmerzt es viele so sehr?

Weil christliche Rituale ihren Alltag und ihr Leben bestimmt haben: der Sonntagsgottesdienst, die Taufe, die Erstkommunion oder auch die Beerdigung. Die Menschen fragen sich: Wie kommen die Kinder und Enkel wohl ohne diese Rituale klar? Und was heißt es für sie, wenn sie nicht getauft werden? Werden sie nicht in den Himmel kommen? Diese Gedanken machen vielen Kummer.

Was halten Sie davon, wenn Großeltern sich heute fragen, ob sie etwas falsch gemacht haben?

Ich finde es wichtig, sich der Frage zu stellen. Erziehung war früher oft eine Fortsetzung der Seelsorge in der Kirche. Dort hat man den Menschen gedroht, dass sie in die Hölle kommen, und viele haben das unhinterfragt an ihre Kinder weitergegeben – die sich daraufhin womöglich von Kirche und Glaube abgewandt haben und ihre eigenen Kinder heute nicht mehr religiös erziehen.

Da kann es schon sein, dass sich die Älteren schuldig gemacht haben – ohne, dass sie das wollten oder es ihnen bewusst war.

Was, wenn es wirklich so war?

Dann finde ich es wichtig zu sagen: „Heute ist mir klar, dass das falsch war. Heute werde ich das nicht mehr machen. Ich war auch Opfer meiner Zeit.“

Großeltern sollten aber auch darauf schauen, was sie an Liebe geschenkt haben und wo sie ihren Kindern und Enkeln das Evangelium, die frohe Botschaft, vermittelt haben.

Anzeige

Ist das Image der Kirche heute auch ein Grund, nicht mehr hinzugehen?

Viele junge Leute würden heute sagen: „Ich sehe scheiße aus, wenn ich mich zu diesem Verein bekenne.“ Da sind der Missbrauchsskandal oder der Umgang mit Frauen in der Kirche, die immer noch oft wie Menschen zweiter Klasse behandelt werden. Ganz zu schweigen von der offiziellen Sexuallehre, die total an der Lebenswirklichkeit vorbeigeht.

Die Institution wird abgelehnt – der Glaube auch?

Das eine ist die Kirche, das andere meine ganz persönliche Beziehung zu Gott. Die Menschen wissen, dass es Gott auch über die Kirche hinaus und neben der Kirche gibt. Manche schließen sich anderen Glaubensgemeinschaften an.

Es ist wichtig, den jungen Leuten das zuzugestehen. Für Eltern oder Großeltern ist es eine Chance, ihr religiöses Verständnis zu weiten. Vielleicht können sie sich sogar darüber freuen, dass ihre Kinder und Enkel den Glauben auf ihre Weise leben.

Wunibald Müller ist Theologe und Psychotherapeut. Er gründete das Recollectio-Haus in Münsterschwarzach, wo Priester und krichliche Mitarbeiter seelsorgliche und psychotherapeutische Hilfe erhalten. Wunibald Müller ist Theologe und Psychotherapeut. Er gründete das Recollectio-Haus in Münsterschwarzach, wo Priester und krichliche Mitarbeiter seelsorgliche und psychotherapeutische Hilfe erhalten. Foto: © IMAGO / Lars Reimann

Sie schreiben, dass es keine Enkel ohne Gott gibt. Wie meinen Sie das?


Es ist sekundär, ob jemand getauft ist oder ob jemand in die Kirche geht. Die Liebe Gottes ist schon vor der Taufe da. Gott entzieht seine Liebe einem Menschen auch nicht, weil er nicht getauft ist.

Ich finde es wichtig, zu dieser Einsicht zu kommen. Es gibt dieses schöne Buch von Ottmar Fuchs mit dem Titel: „Wer’s glaubt, wird selig: Wer’s nicht glaubt, kommt auch in den Himmel“. Das trifft es.

[inne]halten - das Magazin 14/2026

Seit 1901 am Puls der Zeit

Der Sankt Michaelsbund, das katholische Medienhaus in Bayern, wird 125 Jahre alt

Lesen Sie im [inne]halten-Magazin unseren Themenschwerpunkt und weitere Geschichten und Berichte aus dem kirchlichen Leben.


Was kann Älteren helfen, damit umzugehen, dass die jüngere Generation anders oder gar nicht glaubt?

Es hilft, den größeren Zusammenhang zu sehen: Es gibt immer mehr Menschen, denen Gott nicht fehlt. Die Bedeutung der Kirche nimmt rasant ab – da sollte man sich nichts vormachen.

Aber es hilft auch, den eigenen Glauben zu reflektieren und sich zu fragen: Worum geht’s mir eigentlich?

Wie mache ich das?

Ich lasse Fragen zu, die mich herausfordern: Was bedeutet mir die Kirche wirklich? Was gibt mir mein Glaube? Ist er eine Bereicherung für mein Leben?

Einerseits kann mein Glaube dadurch tiefer werden, andererseits komme ich in ein ehrlicheres Verhältnis zur Kirche.

Müller, Wunibald Enkel ohne Gott?
Herder, Freiburg, 2026
22,00 €
Versandkostenfrei in DE
Sofort lieferbar


Sie warnen Großeltern davor, ihre Enkelkinder zu missionieren, wenn die Eltern nicht dabei sind. Warum?


Das Wichtigste ist, dass Großeltern und Enkel zusammen sein können, dass sie miteinander etwas Schönes erleben und dass die Großeltern teilhaben können an der Entwicklung ihrer Enkel.

Dazu gehört Respekt vor den Kindern und Enkeln. Wenn es in deren Familie andere oder gar keine religiösen Riten gibt, dann muss ich das respektieren. Respekt ist auch ein christlicher Wert.

Was hilft Ihnen selbst?

Mir hilft der Blick auf unsere Tochter Dorothea, die das Nachwort zu meinem Buch geschrieben hat. Sie sagt, dass sie nicht an Gott glaubt, und sie ist auch aus der Kirche ausgetreten.

Aber wie sie sich in ihrem Beruf als Lehrerin für Entrechtete und Migranten einsetzt, das ist zutiefst christlich. Mir hilft es, dafür ein Auge zu haben. Darauf bin ich stolz – und darüber freue ich mich.


Barbara Dreiling
Artikel von Barbara Dreiling
Redakteurin der Verlagsgruppe Bistumspresse in Osnabrück
Barbara Dreiling ist ist unter anderem für Kulturthemen zuständig.