Kapelle aus Licht und Farbe
Eine Lichtinstallation von James Turrell im Diözesanmuseum in Freising berührt Menschen tief: als Ort der Ruhe und Spiritualität.
Lichthof mit Lichtinstallation von James Turrell im Freisinger Diözesanmuseum. Foto: © IMAGO / imagebroker
Oft stehen die Bewohner vor der Fotocollage, die Ivan Rimac gebastelt hat. Er arbeitet in einer Wohngruppe für Menschen mit Handicaps und hat Bilder von einem Ausflug ins Diözesanmuseum Freising zusammengestellt – genauer gesagt von der Lichtinstallation des Künstlers James Turrell, die sich gleich am Eingang befindet.
Auf Instagram sei ihm das Kunstwerk aufgefallen. „Ich habe mir gedacht, das könnte doch auch etwas für die Wohngruppe sein“, erzählt Rimac. In der Einrichtung leben Menschen mit Downsyndrom oder psychischen Erkrankungen zusammen. Besonders überrascht war der Heilerziehungspfleger davon, wie ruhig ein Mann mit einer Impulskontrollstörung in dem Raum geworden ist.
Er und andere Bewohner baten Rimac, ein Foto abzuziehen, auf dem sie in der Lichtinstallation zu sehen sind. Sie wollten es in ihren Zimmern aufhängen. „Es war eine schöne Erfahrung, die unerwartet lang nachhallt“, sagt er über den Besuch.
Die Lichtinstallation von James Turrell
als Ort der Ruhe und Wahrnehmung
Wie tief die Installation wirkt, erlebt Stojanka Janjic täglich. Sie ist Aufseherin im Diözesanmuseum und begleitet besonders ältere Besucher hinein und wieder hinaus. Denn der von Turrell gestaltete Raum bildet ein von Psychologen sogenanntes Ganzfeld, in dem durch Licht- und Farbeffekte sowie den Verzicht auf andere Reize die Raumgrenzen verschwimmen und sich ein Gefühl des Schwebens einstellt.
„Es gibt Besucher, die sagen, sie wollen einmal einen Blick in diese ‚Lichtshow‘ werfen – und wenn sie herauskommen, sagen sie: ‚Ich war in einer anderen Welt.‘“ Ein wenig ärgert sich Stojanka Janjic, wenn Besucher das Werk als Lichtshow bezeichnen. „Ich sage immer: Das ist eine Kapelle, ein Andachtsraum.“
Tatsächlich bezeichnet der amerikanische Künstler seine Werke häufig nur mit Nummern. In Freising jedoch hat er der Installation einen Titel gegeben: „A Chapel for Saint Luke and his scribe Lucius the Cyrene“ – eine Kapelle für Sankt Lukas und seinen Schreiber Lucius, den Cyrenäer. Es ist eine Verbeugung Turrells vor dem sogenannten „Lukasbild“, einer über tausend Jahre alten byzantinischen Ikone. Sie steht direkt gegenüber der Lichtinstallation und zählt zu den kostbarsten Stücken des Diözesanmuseums.
Die Heilsbotschaft der Ikone spiegelt sich im Raum wider. Wichtig ist Janjic zudem der Hinweis, dass die Kapelle barrierefrei mit einem Aufzug zu erreichen ist. Vor einiger Zeit öffnete sie den Raum für eine krebskranke Frau, die – von Freunden gestützt – die Kapelle besuchen wollte.
„Zuerst hat sie sich lange hingesetzt, ist dann aufgestanden, hat vorsichtig getanzt und ist mit einem Lächeln wieder gegangen“, erzählt Janjic. Die Begleiter hätten ein Video davon aufgenommen. „Beim nächsten Besuch hat sie mir erzählt, dass sie es sich immer anschaut, wenn es ihr schlecht geht.“ Viele Menschen suchten die Kapelle sehr bewusst auf, wenn das Leben „anfängt, auf dem Kopf zu stehen“.
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Spiritualität, Kunst und Licht:
Warum die Kapelle Menschen berührt
Irene Netta tat genau das, als ihr Mann gestorben war. Ganz allein setzte sie sich in den Lichtraum. „Er hat mir eine Schutzhülle gegeben, in der ich für mich sein konnte – und das habe ich in einem psychologisch dunklen Moment so dringend gebraucht.“
Später nahm sie auch ihre Tochter mit, „weil dort die Fragen ums Sterben und darum, wie es nach dem Tod weitergeht, einen guten Platz finden“. Wichtig sei ihr zudem, „dass mir von Turrell keine religiöse Richtung vorgeschrieben wird. Jeder, der hineingeht, wird anerkannt und angenommen, wie er ist.“ Sie findet es schlicht „toll, dass die katholische Kirche so etwas anbietet. Solche Räume bräuchten wir noch viel mehr – Räume, die neue spirituelle Zugänge schaffen“.
Spiritualität ist ein Lebensthema des heute 83-jährigen Künstlers, der aus einer frommen Quäkerfamilie stammt. Im Zentrum dieses Glaubens steht die Vorstellung eines „inneren Lichts“, das in jeder Seele zu finden sei und in dem der Geist Gottes spürbar werde. Stark beeinflusst ist Turrell auch vom mittelalterlichen Mystiker Meister Eckhart und dessen Lichttheologie.
Stojanka Janjic (li.) und Katharina Huys vor der Lichtinstallation von James Turrell. Foto: © SMB/Bierl
„Genauso hat sich Turrell aber auch naturwissenschaftlich und
wahrnehmungspsychologisch mit Licht auseinandergesetzt“, erläutert
Katharina Huys, die im Diözesanmuseum in der Kunstvermittlung arbeitet.
Unter anderem verfolgte Turrell Experimente der NASA aus den
1960er-Jahren, in denen untersucht wurde, wie Dauerlicht und der Wegfall
des Tag-Nacht-Rhythmus auf Menschen wirken.
„Und dann kommt ihm
natürlich die neue LED-Technik mit ihren vielen Möglichkeiten entgegen,
die er virtuos nutzt“, so Huys. All das könne sie den
Kunstinteressierten erklären, „die aus aller Welt kommen, um diesen
Lichtraum in Freising kennenzulernen“. Doch eigentlich brauche es keine
Erläuterungen: „Dieses Kunstwerk erschließt sich unmittelbar. Es hat
eine Innigkeit, die sich Kindern wie älteren Menschen sofort mitteilt,
nachhallt und zum Wiederkommen einlädt.“
So ging es auch Barbara Krampitz. Die Bankangestellte besuchte das Diözesanmuseum im Rahmen eines Betriebsausflugs und hatte zuvor noch nie von James Turrell gehört. „Aber das ganze Team war beschenkt von dieser Kapelle – das ist Energie pur.“ Noch Wochen später habe man darüber gesprochen. Bald möchte sie mit ihrer Familie wiederkommen: „Diesen glücklichen Moment in diesem Raum will ich weitergeben.“
Weitere Werke des Künstlers sind unter anderem in der Kunsthalle Bremen und im Sprengel Museum Hannover zu sehen.



