Glaubenswelten
23.08.2025

Kann ich mich begrenzen? 

In der Architektur afrikanischer Bauleute entdeckt Andreas Knapp viel Weisheit. Von ihr lässt sich lernen, wie Selbstzurücknahme Freiraum und Frieden schafft.  

Ein guter Bekannter aus Afrika erzählte mir von einem Besuch beim Stamm der Batammariba (= gute Bauleute) im Nordwesten von Benin. Was ihm sofort auffiel, war die eigentümliche Bauweise. Das Haus einer Großfamilie sieht aus wie eine kleine runde Burg: Verschieden große Häuser stehen im Kreis und ihre Außenmauern fügen sich aneinander. Ein Tor führt in den Innenhof, von dem aus man in die einzelnen Häuser gelangt. In einem wohnt das Familienoberhaupt, in einem anderen seine Frau, im nächsten die Großmutter usw. Beim Blick in die Runde fiel meinem Bekannten ein Häuschen mit einem winzig kleinen Eingang ins Auge. Auf seine Nachfrage erhielt er die Erklärung: „Das ist das Haus für die Hühner.“ 

Zunächst musste mein Freund schmunzeln, doch dann griff er sich an den Kopf: „Ihr seid ja verrückt! Die Tür ist doch viel zu klein für euch. Ihr könnt ja gar nicht in das Hühnerhaus, um die Eier zu holen.“ Doch das Familienoberhaupt klärte ihn auf: „Die Tür ist groß genug, damit ein Kind hineinkriechen und die Eier holen kann. Ich muss nicht jedes Haus betreten können. Und so haben auch unsere Kinder eine Aufgabe, die nur sie erledigen können“. 

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Der Wunsch, alles zu kontrollieren

Wie viel Weisheit liegt in der Architektur der „guten Bauleute“ in Westafrika! Der Sippenhäuptling verzichtet auf die Möglichkeit, in jeden Raum zu gehen. Er beschränkt sich auf bestimmte Häuser und überlässt das Hühnerhaus den Kindern, die damit eine eigene Rolle und Verantwortung bekommen. Wie oft aber herrscht eine andere Mentalität vor: Manche Menschen wollen alles im Griff haben. Es gibt ein Streben nach Macht, das sich überall Zutritt verschaffen und alles beherrschen will. Doch wohin führt dieser Wunsch nach einem Generalschlüssel für alle möglichen Räume? 

Wenn Menschen sich nicht begrenzen können, kommt es fast unweigerlich zum Konflikt: Ein Nachbar mischt sich in Angelegenheiten ein, die ihn nichts angehen. Eltern wollen ihre immer größer werdenden Kinder immer noch kontrollieren. Ein Chef kann keine Verantwortung delegieren – und überfordert sich damit immer mehr. Ein Mensch, dessen Kräfte im Alter abnehmen, will krampfhaft an allem festhalten und kann nichts aus der Hand geben ... 

Wie menschlich wäre es dagegen, wenn wir uns selbst beschränken würden! Das gilt für berufliche wie auch für private Angelegenheiten. Kann ich Aufgaben abtreten – ohne die Angst, dass ich mit Macht und Einfluss auch meinen Wert verliere? Kann ich mir selbst Grenzen setzen, indem ich den Schlüssel zu einer Tür abgebe und mich auf bestimmte Räume und Aufgaben beschränke?

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Göttliche Zurückhaltung 

Der christliche Glaube an Gott als Schöpfer geht davon aus, dass Gott sich selbst begrenzt. Denn nur wenn der Allmächtige sich sozusagen zurückzieht, entsteht Raum für die Freiheit des Menschen. Gott hat das Haus der Schöpfung als einen Freiraum gebaut, in dem er nicht alles beherrscht oder kontrolliert. Er traut uns Menschen etwas zu und vertraut uns Menschen die Welt an. Wir haben die Würde, unsere Geschichte mitzugestalten. Jeder Mensch hat einen Platz, den nur er oder sie ausfüllen kann. Jeder Mensch hat eine Tür zu einem Raum, den nur er betreten kann: Wir sind einmalig und unersetzlich. Diese Würde hat Gott jedem Menschen geschenkt – und er mischt sich nicht wie ein Übervater in alles ein, um unsere Versäumnisse zu korrigieren. So haben wir alle die Aufgabe, mit unseren Gaben an der Gestaltung unserer Welt mitzuwirken.  

Zugleich kann ich mich auf das Haus beschränken, das genau mir zukommt. Ich darf die mir gesetzten Grenzen akzeptieren. Bejahte Grenzen schaffen Frieden: Frieden mit mir selbst, denn ich muss mich nicht dauernd überfordern. Frieden auch mit anderen, wenn wir gegenseitig unsere Lebensräume und Verantwortlichkeiten respektieren. Und schließlich: Frieden mit Gott, indem wir uns zufrieden geben mit den Gaben und Grenzen, die uns geschenkt und zugemutet sind. 

Andreas Knapp
Artikel von Andreas Knapp
Priester und Dichter
Gehört zur Ordensgemeinschaft der "Kleinen Brüder vom Evangelium". Tätig als Putzkraft, Joghurt-Verkäufer, Saisonarbeiter, Gefängnisseelsorger und in der Flüchtlingshilfe. Andreas Knapp ist einer der bekanntesten christlichen Lyriker im deutschsprachigen Raum.