Glaubenswelten
02.08.2025

Jesus macht Urlaub - Eine poetische Sommergeschichte

Ich brauche Urlaub – von der Gegenwart, den schlechten Nachrichten, der Dauerkrise. Alles ist zu viel. Was würde eigentlich Jesus tun? Vielleicht genau das: abschließen, loslassen, neue Perspektiven suchen.
    

Die Kirche ist zu. Bleibt sie jetzt auch, aus und vorbei, Jesus dreht den Schlüssel rum. Die Welt liegt echt im Argen: den Leuten ist nichts mehr heilig. Braucht man nur Nachrichten zu schauen, dann weiß man Bescheid. Sophia sitzt auf der Mauer und baumelt mit den Beinen. Sophia ist Typ „machen“. Sie wird auch „heilige Geistkraft“ genannt, weil sie so viel Power hat, aber bei Geistern muss sie immer an Bettlaken denken. Deshalb lieber Sophia. „Machst du jetzt auch den Hausmeister?“, fragt sie. Jesus nickt. War sich noch nie zu schade für irgendwas. Und das ist ja auch irgendwie sein Haus. Er setzt sich zu ihr auf die Mauer. „Und jetzt?“, fragt Sofia. „Urlaub“, sagt Jesus. Es ist einer von diesen heißen Juli-Tagen, wo alles flirrt. Tage, die nicht fürs Machen gemacht sind.

Niemand rettet die Welt im Juli

Ich sehe die beiden auf der Mauer sitzen. „Was tut ihr hier?“, frage ich. „Die Kirche abschließen“, sagt Jesus. „Kommt keiner mehr.“ Es klingt ein bisschen ratlos. Ich setze mich zu ihnen, weil ich auch nicht weiterweiß. Die Gegenwart ist so anstrengend. Was ich bräuchte, wäre etwas Zuversicht. Aber die Zuversicht sitzt neben mir auf der Mauer und schweigt. „Gehen wir auf einen Berg“, schlägt Jesus vor. „Kommst du mit?“ Er schaut mich an. „Ist das anstrengend?“, frage ich. „Vielleicht“, sagt Jesus. „Wahrscheinlich“, sagt Sofia. Ich stehe trotzdem auf und folge ihnen, weil ich nichts Besseres weiß und nicht allein sein will. Und was soll ich sagen – es tut mir gut, mit den beiden unterwegs zu sein.
    

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Die Welt wird klein, der Himmel wird groß

14 Tage lang eine andere Perspektive. Mein Handy habe ich zu Hause gelassen. Orientierungsmäßig verlasse ich mich auf die beiden. Dann kehre ich zurück. Die Kirche ist immer noch zu. Auch die Nachrichten klingen, als wäre ich nicht fort gewesen. Kein Wunder weit und breit. Doch, eins: Die Welt hat sich nicht geändert, aber ich fühle mich verändert. Wieder bereit für die Gegenwart.


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Susanne Niemeyer
Artikel von Susanne Niemeyer
Freie Autorin
Susanne Niemeyer hält von ihrem Schreibtisch in Hamburg Ausschau nach dem Himmel. Sie hat bereits zahlreiche Bücher veröffentlicht und bloggt auf www.freudenwort.de. Im Sommer macht sie Lagerfeuer und hält am liebsten zusammen mit anderen Stockbrot in die Glut.