Rituale
10.02.2026

Pilgern

Zu Fuß in die Ukraine

Simon Wieser ist in die Ukraine gepilgert. Mit im Gepäck hatte er die Kriegserinnerungen seines Vaters, seinen christlichen Glauben und die Hoffnung auf Frieden. Diese blieb unerfüllt. Die 1.350 Kilometer Fußweg haben sich für den 72-Jährigen dennoch gelohnt.
   

Simon Wieser ist von seinem Wohnort Frauenneuharting im Landkreis Ebersberg zu Fuß die 1.350 Kilometer in die Ukraine gegangen. Simon Wieser ist von seinem Wohnort Frauenneuharting im Landkreis Ebersberg zu Fuß die 1.350 Kilometer in die Ukraine gegangen. Foto: © privat

Während Millionen Ukrainer ihr Land seit dem russischen Überfall vor vier Jahren verlassen haben, ist Simon Wieser gezielt dorthin gepilgert. Zu Fuß. Von seinem Wohnort Frauenneuharting im Landkreis Ebersberg aus. Neben einem zehn Kilo schweren Rucksack nahm er drei noch gewichtigere Gepäckstücke mit auf den rund 1.350 Kilometer langen Weg: die Erinnerungen seines Vaters an den Zweiten Weltkrieg, seinen christlichen Glauben und die Hoffnung auf Frieden zwischen Russland und der Ukraine.

„Ich habe mir gedacht: Ich gehe da in sieben Wochen hinüber, bete jeden Tag einen Rosenkranz für den Frieden und dann ist der Krieg aus“, erzählt der Seniorchef des gleichnamigen Elektrofachgeschäfts. Doch er gesteht ein: „Es geht nicht so leicht.“ Denn obwohl er sein Ziel – die ukrainische Grenzstadt Uschhorod – am 13. Juni 2025 erreicht hat, dauert der russische Angriffskrieg nun schon vier Jahre an. 

„Krieg ist einfach ganz, ganz was Schreckliches“

Wieser hat in Uschhorod mit eigenen Augen gesehen, was dieser Krieg bedeutet: Junge Männer verabschiedeten sich am Bahnhof von ihren Angehörigen – nicht wissend, ob sie diese je wieder in die Arme schließen werden. Ein beinamputierter Kriegsveteran trat mit einer Ziehharmonika als Straßenmusiker auf. An einer Mauer hingen Fotos von mehr als zweihundert gefallenen Ukrainern. „Das sind junge Leute und die haben das Leben vor sich und der Krieg ist einfach ganz, ganz was Schreckliches“, meint Wieser. Er musste dabei auch an seinen Vater denken, der als Soldat während des Zweiten Weltkriegs „in drei Jahren durch ganz Europa“ gekommen war – auch in die Ukraine. Wieser wurde bewusst, „dass der Vater damals erst knapp 20 Jahre alt war, so wie einer der vielen gefallenen Ukrainer auf dem Bild neben der Kreuzerhöhungs-Kirche“. Er schrieb in sein Pilgertagebuch: „Wäre der Vater dort gefallen, wäre ich nicht hier und könnte diese Zeilen nicht schreiben.“
    

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„Man kann beten, da macht man nie was verkehrt“

Wie der Ukraine-Krieg zu einem Ende gebracht werden könnte, weiß auch Wieser nicht. „Man kann miteinander beten, da macht man nie was verkehrt“, ist der Gottesdienstbeauftragte und langjährige Pfarrgemeinderatsvorsitzende überzeugt, der samstags regelmäßig am Rosenkranzgebet in der Frauenneuhartinger Kirche neben seinem Wohnhaus teilnimmt. 

„Und ich glaube, wir müssen einfach viel mehr miteinander reden“, ergänzt Wieser. Insbesondere plädiert er für mehr Offenheit gegenüber Osteuropa: „Wir Westlichen müssen uns mit dem Osten mehr zusammentun. Europa geht ja bis zum Ural und wir müssen uns einfach verständigen. Das sind wirklich lauter nette Leute, so empfinde ich das.“ Deshalb hat Wieser auch kein Verständnis dafür, wenn sich Menschen hierzulande gegen eine militärische Unterstützung der Ukraine oder gegen die Aufnahme weiterer Kriegsflüchtlinge aussprechen: „Ich denke inzwischen: Wir sind so ein reiches Land, dass es überhaupt keinen Grund gibt, denen nicht zu helfen“, sagt er. Überhaupt empfinde er seit seiner Rückkehr eine tiefe Dankbarkeit dafür, dass er daheim in Frieden leben könne.

„Wir müssen aufeinander zugehen“

Der rüstige 72-Jährige versucht deshalb, die Zuhörer seiner Reisevorträge zu ermutigen, es ihm gleichzutun: „Wir müssen aufeinander zugehen und das kannst du beim Pilgern. Besonders wenn du allein bist, da hast du ja keinen zum Reden, da machst du das automatisch. Das möchte ich den Leuten mitgeben bei so einem Vortrag, sich das einfach zu trauen.“

Bedenken angesichts der körperlichen Strapazen eines so langen Fußmarsches kann Wieser zerstreuen. Immerhin ist er seit 2012 schon etliche Pilgerwege gegangen, etwa nach Santiago de Compostela in Nordspanien, Rom und Assisi in Italien und Trondheim in Norwegen: „Man geht halt vielleicht statt 25 bloß 20 Kilometer, das ist ja egal. Man muss halt schauen, dass man übers ganze Jahr ein bisschen was tut“, rät der erfahrene Fußpilger, „und dann auch die Überzeugung haben: Das packe ich schon. Dann geht es schon.“

Wieser selbst ist viel zu Fuß unterwegs. „Das ist mein Haupttraining.“ Drei- bis viermal pro Woche geht er zum Beispiel morgens drei Kilometer – nach Lauterbach und wieder zurück – und betet dabei den Rosenkranz. Das sei wie eine Meditation für ihn. Danach fühle er sich „gut zusammengeräumt im Hirn“, umschreibt er auf Bairisch, wie ihm diese Gebetsform hilft, den Kopf freizubekommen. Eine Wirkung, die sich nach einem langen Pilgerweg, wie voriges Jahr in die Ukraine, noch verstärkt: „​Ich bin da schon in den ersten vier Wochen viel ruhiger.“

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„Ich hätte viel mehr mit ihm reden sollen“

Schön langsam kribbelt es Wieser aber wieder in den Beinen. Welchen Weg er sich nun ausgesucht hat, verrät er noch nicht. Nur so viel: Er möchte ihn diesmal Richtung Heimat beschreiten. Wie sein Vater vor rund 80 Jahren. Allerdings, trotz des Altersunterschieds, wesentlich leichtfüßiger: „Er hat an den Krieg, glaube ich, schlimme Erinnerungen gehabt, mit Schießen und Partisanen und viel Tod und Leid. Das hat er nie richtig verarbeitet“, vermutet Wieser und bedauert: „Ich hätte noch viel mehr mit ihm redensollen, solange er noch gelebt hat. Aber mei, das lässt sich dann nicht mehr machen.“ 

Nur ein kleines handschriftliches Tagebuch mit einem schwarzen Einband berichtet bis heute von den Kriegserlebnissen des Vaters: „8.00 Uhr früh Großangriff: Trommelfeuer auf unsere Stellungen, ,Stalinorgel‘ schoss, war furchtbar anzuhören. An der Front eine Wolke aus Feuer und Qualm. Russe greift hernach an und bricht durch. Wir konnten ihn 1 Stunde halten und mussten dann türmen. Meine sämtlichen Klamotten sind weg, habe nur mehr, was ich am Leib trage. 2 Verwundete in der Gruppe“, lautet zum Beispiel der Eintrag vom 20. August 1944. 

Manch ukrainischer Soldat wird heute Ähnliches notieren. Denn der Weg zum Frieden ist noch weit. Sogar noch weiter als von Frauenneuharting nach Uschhorod, wie Simon Wieser festgestellt hat.

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Karin Hammermaier
Artikel von Karin Hammermaier
Redakteurin
Recherchiert und schreibt Geschichten für [inne]halten.