Glaubenswelten
01.10.2025
100. Todestag

Ein heiliggesprochener „Sozialfall“

Zweimal im Jahr verwandelt sich der kleine Ort Mindelstetten im Landkreis Eichstätt in ein stark besuchtes Pilgerziel: am 26. Juli, dem Fest der heiligen Anna, und am 5. Oktober, dem Todestag der 1925 – also vor 100 Jahren – verstorbenen Anna Schäffer.
    

Anna Schäffer in ihrem Krankenbett, Ölgemälde von Georg Hiltl, 1981. Anna Schäffer in ihrem Krankenbett, Ölgemälde von Georg Hiltl, 1981. Foto: © KNA-Bild

Sie sei „keine Berühmtheit, kein Star“ gewesen, die Schreinerstochter Anna Schäffer aus dem bayerischen Bauerndorf Mindelstetten, „sie war in den Augen der Welt ein Nichts, höchstens, wie wir heute sagen, ein Sozialfall.“ Sie habe „nichts geleistet und keine Schlagzeilen gemacht“ – und doch eine von Jahr zu Jahr zunehmende Ausstrahlung entfaltet. „Und sie, die nicht über den näheren Bereich ihrer Heimat hinausgekommen ist, ist jetzt nach Rom gekommen, und die Akten ihres Seligsprechungsprozesses liegen im Angesicht von St. Peter und wir hoffen, dass ihr Bild bald über dem Grab des Apostelfürsten gezeigt wird. Ist das nicht wie ein Wunder?“

Der 1992 verstorbene Regensburger Bischof Dr. Rudolf Graber bewies mit dieser Einschätzung Prophetengabe. Denn tatsächlich wurde die Dienstmagd aus Mindelstetten am 21. Oktober 2012 in Rom heiliggesprochen, von ihrem bayerischen Landsmann Benedikt XVI. Graber hat damals auch schon genau begriffen, worin die erregende Provokation eines solchen Aktes liegen muss: Ein nach den unbarmherzigen Normen moderner Leistungsgesellschaft komplett nutzloses und nach der Werteskala der Erlebnis-Society entsetzlich langweiliges Dasein wird sozusagen offiziell zu einem gelungenen Modell menschlicher Existenz erklärt. 

Schüchtern, aber nicht unhübsch

Mindelstetten liegt im bewaldeten Hügelland zwischen Altmühl und Donau im Landkreis Eichstätt. Hier wurde Anna Schäffer 1882 geboren, als Tochter des Dorfschreiners, der auch ein begabter Musikus war und häufig im Wirtshaus aufspielte – und dort gleich wieder vertrank, was er verdiente. Als er 40-jährig an Tuberkulose starb, wurde die Not im Schreinerhäusl für die Witwe und ihre sechs Kinder noch drückender. Die „Nandl“, damals 14, still und schüchtern, aber körperlich robust und nicht unhübsch, gab man auf Vermittlung des Pfarrers als Haushaltshilfe in Dienst. Insgeheim träumte sie von einer Zukunft als Missionsschwester.

Doch am 4. Februar 1900 geschah in der verrußten Waschküche des Forsthauses von Stammham jener schreckliche Unfall, der solche Träume für immer zunichtemachen sollte: Die 18-jährige Anna war mit einer zweiten Magd namens Wally Kreuzer am Waschkessel tätig, als sich das Ofenrohr aus der schlecht gemörtelten Wand über dem Bottich löste. In einem Anflug pubertären Übermuts gab ihr Wally einen Schubser; Anna stürzte mit beiden Füßen in die kochende Lauge, die ihr bis über die Knie reichte. Statt zu helfen, rannte die entsetzte Kameradin zu den Nachbarn.

     

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25 Jahre lang eiternde Wunden

Erst diese zogen das über und über verbrühte Mädchen aus dem siedend heißen Wasser und schafften die vor Schmerzen Brüllende mit einem Pferdefuhrwerk ins nächstgelegene Krankenhaus Kösching. Zwei Stunden lang schnitten die Ärzte mit Messern an den furchtbaren Brandwunden herum. Nach einem Vierteljahr die Entlassung nach Hause, wo sich ein Pförringer Mediziner liebevoll, aber mit den unzulänglichen Mitteln damaliger Heilkunst um das entsetzliche Schmerzen leidende Mädchen annahm. Die ständig eiternden Wunden an Beinen, Armen und Leib wurden mit Salben, Tinkturen, essigsaurer Tonerde behandelt, die Verbände jeweils am nächsten Tag mitsamt den daran klebenden Blutkrusten abgerissen. Dazu 30 schmerzhafte Operationen und dilettantische Hautverpflanzungen, bei denen das eitrige und faulende Fleisch bis auf die Knochen weggeschnitten oder mit Höllstein weggebrannt wurde; die tobende Kranke musste bei den brutalen Operationen jeweils von mehreren Helfern festgehalten werden. Aus Unachtsamkeit brach man ihr dabei Füße und Zehen.

Anna Schäffers Wunden brannten und eiterten bis an ihr Lebensende am 5. Oktober 1925, das heißt 25 Jahre lang, Tag und Nacht. Die Ärzte konnten ihre Schmerzen allenfalls lindern, nicht beheben. Weitere Krankheiten kamen hinzu – von fürchterlichen Krämpfen, die ihren Körper im Bett hin und her schleuderten, bis zu einem nicht enden wollenden rasenden Kopfschmerz. 25 Jahre lag die Schwerkranke in ihrem Zimmer mit Blick auf die Pfarrkirche, 25 Jahre auf dem Rücken – eine Seitenlage erlaubten die Wunden nicht. 25 Jahre, in denen jede Bewegung eine Qual war und ein paar durchschlafene Nachtstunden eine seltene Gnade bedeuteten. 

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Menschenwürde ohne Leistung und Pose

Doch der Mensch, der da scheinbar wie ein elendes, sterbendes Stück Fleisch dahinvegetierte, entfaltete fantastische innere Energien. Die „Nandl“ schaffte es, ihre zermarterte Existenz in eine Kraftquelle für andere Menschen zu verwandeln – und in eine Möglichkeit, dem Ewigen zu begegnen. Die Kinder strömten in ihr Krankenzimmer wie zu einer guten Märchenfee, schleppten Berge von Wiesenblumen an, erzählten ihr alle Sorgen und freuten sich über die warmen Strümpfe, die sie ihnen zu Weihnachten mit schmerzenden Händen strickte.

Auch von den Erwachsenen schätzten viele den sonnigen Humor und die guten Ratschläge der Dauerpatientin, die allem Dorfklatsch abhold war und es hasste, über ihre eigene Situation zu jammern. Mehr als hundert fromme und trotzdem nüchterne Trostbriefe an Freundinnen sind erhalten – die meisten mit der Versicherung „Mir geht es gut“ –, winzige Notizblätter, ein paar Hefte mit Erinnerungen und Träumen. Für heutige Christenmenschen nur schwer nachvollziehbarsind ihr Hang zur Leidensmystik („Liebst du Jesus, musst du leiden“) und die theologisch arg fragwürdige These, zum Ausgleich für die ihm zugefügten Beleidigungen verlange Gott von solchen „Sühneseelen“ Opfer und Qualen. 

Selbstverständliche Maßstäbe
verlieren ihre Bedeutung

So ein Leben wie das von Anna Schäffer wirft alle als selbstverständlich geltenden, selten hinterfragten Maßstäbe der Epoche über den Haufen: Leistung, Gesundheit, Schönheit, Glamour, trendgerechte Pose. Was einen Menschen funktionstüchtig, attraktiv und interessant macht, erscheint auf einmal nicht mehr so wichtig. Fun, Fitness und Action, Konsum, Komfort, Selbstverwirklichung und Abenteuer, all die heiligen Kühe der Postmoderne verlieren ihren Anspruch auf Götzenverehrung. Gibt es vielleicht doch eine Tiefendimension des Lebens, eine persönliche Würde, einen inneren Reichtum, etwas, das unabhängig davon gilt, ob jemand kerngesund ist oder schwerbehindert, finanziell abgesichert oder ein armer Hund, ein strahlender Typ, vorzeigbar und überall gern gesehen, oder eine verhuschte Existenz mit Depressionen und lästigen Marotten?

Anna Schäffers Motivation bringt sie den klassischen Mystikern nahe – und der viel „prominenter“ gewesenen Resl von Konnersreuth, die in jenen Jahren ebenfalls an mehreren entsetzlichen Krankheiten litt und 1926, ein Jahr nach dem Tod der „Nandl“, zum ersten Mal ihre berühmt gewordenen Visionen vom Todesleiden Jesu hatte: Anna Schäffer interpretierte ihre Leiden als Teilhabe an der Passion Christi, dem das „harte Kreuzesbett“ ebenfalls nicht erspart geblieben sei. 

In einem Punkt jedoch war sie möglicherweise weiter als die Konnersreutherin: Auch Anna Schäffer soll eine Zeitlang die Wundmale des Herrn getragen haben. Doch als sie die „Stigmata“ bemerkte, betete sie – laut eigener diskreter Auskunft in ihren hinterlassenen Notizen – darum, Christus möge ihr die sichtbaren Wunden an Händen und Füßen wegnehmen und die Schmerzen belassen. Ihr Gebet sei erhört worden.

Christian Feldmann


Ritter, Emmeram H. Anna Schäffer. Eine Heilige aus Bayern
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