Glaubenswelten
28.08.2025

Die Nächstenliebe hat Vorrang

Papst Leo XIV. ist Augustiner und vom Geist seines Ordens geprägt, sagt Pater Christian Rentsch, Leiter des Augustinerklosters Maria Eich bei München. Das habe sich schon in den ersten Monaten gezeigt.
    

Pater Christian Rentsch leitet das Augustinerkloster Maria Eich in Planegg südwestlich von München. Er kennt Papst Leo XIV. aus dessen Zeit als Generalprior der Augustiner. Am 28. August ist der Gedenktag ihres Ordensvaters, des heiligen Augustinus. Pater Christian Rentsch leitet das Augustinerkloster Maria Eich in Planegg südwestlich von München. Er kennt Papst Leo XIV. aus dessen Zeit als Generalprior der Augustiner. Am 28. August ist der Gedenktag ihres Ordensvaters, des heiligen Augustinus. Foto: © SMB/Hammermaier

Pater Christian, Sie gehören dem Augustinerorden an. Was kennzeichnet dessen Spiritualität?

Das Besondere an der augustinischen Spiritualität ist, dass Augustinus die Gottes- und Nächstenliebe, die im Neuen Testament angelegt ist, das Doppelgebot „Du sollst Gott lieben und deinen Nächsten wie dich selbst“ in eine ganz enge Beziehung zueinander setzt und sagt: Das sind keine zwei unterschiedlichen Gebote, sondern in der Nächstenliebe ist die Gottesliebe automatisch mitverwirklicht, weil Gott die Liebe selbst ist. Wenn du deinen Bruder liebst, liebst du die Liebe und damit liebst du Gott automatisch mit.

In der Praxis betont Augustinus immer wieder, dass die Nächstenliebe den Vorrang hat. Das prägt auch unsere Ordensregel. Das erste Kapitel endet mit den Worten „ehrt gegenseitig in euch Gott; denn jeder von euch ist sein Tempel geworden“. Also: Wie ich mit meinem Nächsten umgehe, daran entscheidet sich meine Gottesbeziehung. Das Verhältnis zu Gott und zum Nächsten sind fast miteinander identisch. Das ist eine der großen Aussagen Augustins: Der Ort, wo du Gott findest, das ist in allererster Linie dein Mitmensch. Daran entscheidet sich, wie du zu Gott stehst.

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Der neue Papst Leo XIV. ist auch Augustiner. Wie ist er durch diese Spiritualität geprägt?


Er war ja unser Ordensgeneral. Dass das seine Frömmigkeit geprägt hat, da bin ich mir ganz sicher. Was einen Christen von einem Nichtchristen unterscheidet, ist, sagt Augustinus, einzig und allein die Liebe. Es kommt also nicht darauf an, wie oft man in die Kirche rennt – wenn man die Liebe zu Gott und den Nächsten nicht hat, dann bringt das alles nichts. Diese Liebe äußert sich Augustinus zufolge vor allem im Halten der kirchlichen Einheit. Das ist natürlich auch zeitbedingt. Augustins Zeit war von ganz vielen Kirchenspaltungen geprägt. Ich kann mir gut vorstellen, dass das ein Stück das Programm von Papst Leo ist, zu sagen: Wir halten die Kirche zusammen. Wir dulden oder fördern sogar eine große Vielfalt.

Entscheidend ist, dass wir miteinander in einem guten Verhältnis stehen und uns gegenseitig mit Liebe auch ein Stück ertragen. Das ist ein nächstes augustinisches Thema: Kirche wird, solange sie auf dieser Erde unterwegs ist, nie perfekt sein. Eine der Hauptaufgaben besteht darin, sich gegenseitig zu ertragen und es auszuhalten, dass andere anders sind. Darin äußert sich ein Stück weit die Liebe, die den Christen ausmacht. Ich glaube, wenn ich so auf die ersten Monate schaue, dann erkenne ich da einiges in der Art, wie Papst Leo agiert, nämlich eine ganz große Weite innerhalb unserer Kirche zu fördern und gleichzeitig auf die Einheit zu achten.

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In welchen Situationen ist Ihnen dieser augustinische Geist bei Papst Leo besonders aufgefallen?

Wenn Sie was ganz Äußerliches wollen, dann nehmen Sie die Gewänder, in denen er aufgetreten ist: diese rote Mozetta und die Stola. Die galten ja, nachdem sie Franziskus nicht getragen hat, auf einmal als Zeichen der eher Konservativen. Leo XIV. hat die einfach an und sagt gleichzeitig ganz deutlich, dass er in den Fußspuren seines Vorgängers Franziskus weitergehen will.

Ich glaube, wenn man das ein bisschen versteht, macht es deutlich: Leute, lasst euch von diesen äußeren Zeichen nicht so ablenken, die sind nicht so wichtig und vor allem müssen sie nicht zum Ansatzpunkt eines innerkirchlichen Richtungsstreits werden.

Karin Hammermaier
Artikel von Karin Hammermaier
Redakteurin
Recherchiert und schreibt Geschichten für [inne]halten.