Glaubenswelten
11.03.2026

Christliches Denken als Ellipse 

Die Ellipse mit ihren zwei Brennpunkten wird zum Bild für christliches Denken: Wahrheit entsteht nicht im Extrem, sondern im Aushalten von Spannung – zwischen Gegensätzen, die sich gegenseitig fruchtbar machen, meint Susanne Deininger. 
    

Foto: © AdobeStock - blagorodez

Kennen Sie die Ellipse? Sie ist eine geometrische Form, die mir seit einiger Zeit zu einer Art „heiligem“ Symbol geworden ist. Ich möchte sie Ihnen gern vorstellen. 

Christliches Denken zwischen Gegensätzen:
Die Ellipse als starkes Bild 

Was eine Ellipse zu einer Ellipse macht, ist Folgendes: Sie hat nicht nur einen Mittelpunkt, sondern zusätzlich zwei Brennpunkte. Erst diese beiden Punkte machen sie zu dem, was sie ist. Ohne sie wäre sie ein Kreis. 

Aber warum ist sie mir so wichtig geworden? Ist nicht der unendliche, perfekte Kreis als Symbol für Gott – zusammen mit dem Dreieck für die Dreifaltigkeit – Zeichen genug? 
     

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Polarisierung der Gesellschaft:
Wenn nur noch Extreme zählen 

Mir fällt in Diskussionen in den Medien oder anderswo immer stärker eine harte Abgrenzung der Meinungen auf, zwischen deren Extremen scheinbar nichts mehr denkbar ist. Unter dem Deckmantel der Entschiedenheit für eine Seite entsteht eine fast unüberbrückbare Kluft. 

Gern wird dann auch eine „Spaltung der Gesellschaft“ beschrieben – ein Begriff, der dieses Phänomen im Grunde selbst verstärkt. Alles dreht sich um Gegensätze, die als unvereinbar gelten: Schwarz oder Weiß, eindeutig wahr oder falsch. 

Die Folge ist eine Verhärtung der Fronten – und im Extremfall sogar Hass auf die „anderen“. 

Ich halte dieses Abdriften in Extreme für höchst problematisch, unkommunikativ, wenig zukunftsförderlich und – ja, ich sage es geradeheraus – zutiefst unchristlich. 

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Warum christlicher Glaube
Spannung statt Extreme braucht 

Denn unserem christlichen Denken liegt eine ganz andere Struktur zugrunde: eine, die zwar von gegensätzlichen Polen spricht, diese aber immer dynamisch miteinander verbindet – wie die zwei Brennpunkte einer Ellipse.  

Ein solches „elliptisches“ Denkmuster begegnet uns an erstaunlich vielen Stellen in unserer Glaubenswelt.  

Wir nennen Jesus Christus „Gott und Mensch“ – zwei Sichtweisen, die auf den ersten Blick unvereinbar erscheinen. Gerade in ihrer Spannung zueinander aber erfassen sie etwas, das ein einzelner Begriff niemals ausdrücken könnte.  

Auch wir selbst sind zugleich Sünder und Erlöste. Beide Aspekte gehören zusammen. Betont die Kirche zu stark das „Sündersein“, macht sie Menschen klein. Betont sie ausschließlich die „Erlösung“, nimmt sie unsere Fehlerhaftigkeit und unsere Fähigkeit zum Unheil nicht ernst.  

Die Kirche selbst ist ebenfalls von dieser Spannung geprägt. Einerseits ist sie eine „Stadt auf dem Berg“, eine „Komm-her-Kirche“, die Menschen in ihren leuchtenden Zentren anzieht. Andererseits muss sie auch eine „Geh-hin-Kirche“ sein, die Menschen in ihrer „Freude und Hoffnung, Trauer und Angst“ dort aufsucht, wo sie leben und leiden. Erst beide Aspekte zusammen machen Kirche aus. 

Auch unser Gottesbild bewegt sich in dieser Spannung: Wir verehren Gott als den, der sich ganz klein macht im Kind in der Krippe – und zugleich als den unbegreiflich Großen, der alles Sein übersteigt. Wir erfahren ihn als den Transzendenten, der hinter, vor und über allem ist, was wir begreifen können – und zugleich als den, der in der Welt gegenwärtig ist und wirkt.  

Diese Art zu denken – scheinbar Gegensätzliches in Beziehung zu setzen und miteinander ins Gespräch zu bringen – könnte uns aus der schädlichen Falle absolut gesetzter Meinungen herausführen.  

Solche Spannungen sind oft schwer auszuhalten. Doch gerade darin liegt ihre Fruchtbarkeit. Es ist anstrengend, immer wieder neu ein Gleichgewicht zwischen beiden Seiten zu suchen. Aber genau das ermöglicht echte Kommunikation und gemeinsames Wachstum. 

Im Bild der Ellipse ausgedrückt: Wenn wir uns wie eine liegende Acht um beide Pole herum bewegen, entsteht im Mittelpunkt Begegnung. Vielleicht liegt die Wahrheit oft genau dort. 

Susanne Deininger ist Dekanatsreferentin im Dekanat Dachau und theologische Mitarbeiterin im Dachauer Forum. 

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