Augsburger Geschmack: Heiliges und Profanes aus der Barock- und Rokoko-Zeit auf Papier
Die Städtischen Kunstsammlungen Augsburg zeigen im Schaezler Palais und im Grafischen Kabinett an der Maximilianstraße die Ausstellung „Augsburger Geschmack" mit barocken Meisterzeichnungen voller Glauben, Pracht und Detailkunst.
Ein Highlight der Ausstellung "Augsburger Geschmack": Der heilige Hieronymus als Büßer, Georg Petel, um 1630. Foto: © KMA
Vor einer Palastkulisse sitzt zwischen monumentalen Säulen Gottvater mit seinem Sohn im Schoß; über ihnen schwebt die Taube des Heiligen Geistes. Auf den Stufen vor dieser „Gnadenstuhl“-Gruppe kniet die Figur der Europa mit ihrem Pagen, hinter ihr folgen Afrika, Asien und Amerika. „Verehrung der Kirche durch die vier Erdteile“ hat der berühmte bayerische Künstler Cosmas Damian Asam diese Federzeichnung um 1725 genannt. Zu bestaunen ist sie derzeit gemeinsam mit weiteren 120 barocken Meisterzeichnungen aus den Beständen der Grafischen Sammlung in der großen Ausstellung „Augsburger Geschmack“ – lauter Highlights jener Zeit.
„Augsburger Geschmack“ Ausstellung: Augsburg als Zentrum von Barock und Rokoko
Zur Zeit des Barock und Rokoko war Augsburg eines der führenden Kunstzentren Europas. Das spiegelt sich auch in der Grafischen Sammlung der Stadt wider, die zu den bedeutendsten Sammlungen deutscher Zeichnungen des 17. und 18. Jahrhunderts gehört. „Augsburger Geschmack“ eben – ein Begriff, der sich im späten 18. Jahrhundert für das von Augsburger Künstlern besonders geprägte Rokoko eingebürgert hat.
Als Entwurf für Malerei, Bildhauerkunst oder Architektur steht die Zeichnung immer am Beginn eines künstlerischen Schaffensprozesses. Sie gilt bis heute als unmittelbarste künstlerische Äußerung, die bereits 1675 Joachim von Sandrart die „Mutter unserer Künste“ genannt hat. Dementsprechend vielfältig sind die Augsburger Bestände: virtuose Skizzen für Fresken, Gemälde oder Skulpturen, Stuckierungen, Raumausstattungen, Gold- und Silberschmiedearbeiten, für die Ausgestaltung von Sakral- und Profanbauten sowie als Vorlagen für Kupferstiche, Porträts, Stamm- und Freundschaftsbücher oder druckgrafische Blätter.
Weit verbreitet waren vor allem druckgrafische Blätter mit Rocaille-Ornamenten, die zahlreichen Kunstschaffenden als Vorlagen dienten. Augsburg besaß damals nahezu ein Monopol auf Reproduktionsgrafik höchster Qualität. Und der „Augsburger Geschmack“, ein Synonym für das deutsche Rokoko, strahlte als Blüte der Augsburger Kunst weit über die Stadt hinaus nach ganz Europa.
Überhaupt war Augsburg zu Beginn des 17. Jahrhunderts eine der bedeutendsten Städte des Heiligen Römischen Reiches – nicht zuletzt wegen seiner Lage an wichtigen Handelsstraßen. Aufgrund der engen Verbindungen nach Italien hielt hier die Kunst des Barock auch früher Einzug als in anderen Regionen Süddeutschlands.
Mit der Reichsstädtischen Kunstakademie, gegründet 1710, entstand zudem eine der bedeutendsten Ausbildungsstätten im Süden des Reiches. Sie wurde paritätisch von je einem evangelischen und einem katholischen Direktor geleitet. Die Bauleidenschaft und das Repräsentationsbedürfnis jener Zeit führten zur Gründung und zum Neubau zahlreicher Klöster und Stifte sowie profaner Gebäude, die dem Zeitgeschmack gemäß verschwenderisch ausgestattet wurden. Dementsprechend groß war der Bedarf an gut ausgebildeten Künstlern.
Barocke Meisterzeichnungen in Augsburg: Höhepunkte religiöser und weltlicher Kunst
Viele Zeichnungen waren damals schon perfekt ausgeführte und entsprechend begehrte Sammelobjekte. So etwa die zauberhafte Zeichnung einer stehenden weiblichen Gewandfigur von Joseph Heintz d. Ä. (um 1589) oder die eindrucksvolle Pinselzeichnung „Der Tod des Seneca“ in Schwarz und Grau von Joachim von Sandrart (1635), die in Licht- und Schattenwirkung deutlich Caravaggio verpflichtet ist. Staunenswert schön ist auch die Rötelzeichnung einer Apollo-Statue (1745) von Ignaz Günther. Eindringlich wiederum zeichnet Bartholomäus Hopfer das Totenbildnis des Augsburger Patriziers Johann David Herwarth in Kohle.
Seiner Zeit weit voraus war Johann Ulrich Mayr mit seinem „Weiblichen Bildnis“ von 1670 (Kreide auf blauem Tonpapier). Er nimmt damit quasi die Pastellmalerei vorweg, die sich erst 100 Jahre später als eigenständige Kunstform etablieren sollte. Staunenswert ist auch Salomon Kleiners Federzeichnung „Ansicht der Maximilianstraße in Augsburg mit dem Herkulesbrunnen“ (1732), äußerst detailreich wie ein Wimmelbild und zugleich topografisch exakt.
Das Highlight der facettenreichen Schau ist jedoch zweifelsfrei die Rötelzeichnung „Der hl. Hieronymus als Büßer“ von Georg Petel (um 1630). Sie konnte erst 2023 von den Freunden der Kunstsammlungen Augsburg erworben werden, war noch nie ausgestellt und ist eine von nur etwa zwölf Zeichnungen, die man von Petels Hand kennt. Ausdrucksstark, mit Vollbart und nur mit einem Lendentuch bekleidet, dreht sich der Heilige um seine halbe Körperachse und hält ein Kreuz in der Linken, das er intensiv betrachtet. In der Moritzkirche gleich nebenan steht im Altarraum sein ausschreitender Christus – eines der herausragenden Werke europäischer Skulptur überhaupt.
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Besonders bemerkenswert sind in dieser prächtigen Schau die Blätter mit religiösen Themen. In der Kreidezeichnung „Joachim und Anna verehren das Jesuskind“ küsst Anna ihm kniend die Füße – obwohl in den Evangelien nichts über Marias Eltern berichtet wird. In der Kohle- und Federzeichnung „Joseph wird von seinen Brüdern verkauft“ halten diese das verängstigte, gefesselte Kind zwischen sich und bieten es zum Verkauf feil. In einer Pinselzeichnung von 1732 wird „der sterbende Johann Nepomuk von Klerus und Adel verehrt“ – er wurde 1929 heiliggesprochen. Im Blatt „Ährenpflücken am Sabbat“ kritisieren die Pharisäer das Verhalten der Apostel gegenüber Jesus.
Anrührend und menschlich ist „Der Tod des hl. Joseph“, der sterbend auf seinem Bett liegt, mit gefalteten Händen auf den rechts stehenden Jesus blickt, der sich ihm zuwendet; auch Maria dahinter beugt sich zärtlich über ihren Mann. Selten dargestellt wird in der Kunst der „Abschied der Apostel Petrus und Paulus“ in Rom, bevor sie das Martyrium erleiden. Genauso außergewöhnlich ist die Federzeichnung „Maria im Himmel verteilt kleine Schutzbriefe an die leidende Bevölkerung“ – eine Darstellung der Gottesmutter als Vermittlerin der göttlichen Gnade. Höchst ungewöhnlich schließlich ist „Die Auferstehung Christi“ (1675) des Schweizer Künstlers Joseph Werner, in der die plastische Gestalt Jesu in Kreuzform (aber ohne Kreuz) sacht zum Himmel zu schweben scheint, während die teils erschrockenen, teils schlafenden oder abgelenkten Grabwächter wie ein Relief erscheinen.
Karl Honorat Prestele



