Wie ein Fenster ins bunte Mittelalter
Wer diesen Sommer in Frankreich Urlaub macht, sollte diese Schau nicht verpassen: Das wahrscheinlich prächtigste Stundenbuch der Welt, „Les Très Riches Heures du Duc de Berry“, ist opulent in Chantilly, einem der schönsten Schlösser Frankreichs, ausgestellt.
Das Monatsbild August im Stundenbuch „Les Très Riches Heures du Duc de Berry“. Foto: © IMAGO / UIG
Solche „Juwelen“ der Kunst sieht man nur einmal im Leben. Dies gilt besonders für die wohl berühmteste Buchmalerei der Welt: das legendäre Stundenbuch Les Très Riches Heures du Duc de Berry. Wegen seiner extremen Fragilität wird es so gut wie nie öffentlich ausgestellt. Nun aber kann es – vier Monate lang – in einer spektakulären Schau im Schloss Chantilly in Frankreich (etwa 50 Kilometer nördlich von Paris) bewundert werden – vielleicht zum ersten und letzten Mal in dieser Ausführlichkeit. Eine einmalige Gelegenheit, denn es darf, testamentarisch verfügt, seinen Aufbewahrungsort nicht mehr verlassen.
Die berühmten Kalenderblätter der Très
Riches Heures: Meisterwerke der Buchmalerei
des 15. Jahrhunderts
Weltberühmt ist diese Handschrift des 15. Jahrhunderts vor allem wegen ihrer Kalenderblätter, mit denen die fantastischen Miniaturmalereien im Buch beginnen: ganzseitige Darstellungen der zwölf Monate mit entsprechenden Tätigkeiten. Noch nie zuvor waren diese auf Vorder- und Rückseite bemalten Blätter zusammen ausgestellt – allein deshalb lohnt sich schon jeder Besuch dieser meistbewunderten illuminierten Handschrift aller Zeiten. Unzählige Abbildungen und Reproduktionen haben ihr den Beinamen „Mona Lisa der Buchmalerei“ eingebracht.
Wer vor einem dieser in strahlenden Farben und glänzendem Gold wie kleine Tafelbilder gemalten Blätter steht, kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus. Denn in ihnen entfaltet sich ein atemberaubendes Panorama der Welt des 15. Jahrhunderts, das die größten Meister ihrer Zeit geschaffen haben. Nur ein Beispiel: Das Monatsbild des August zeigt einen prächtigen Reiterzug von Adligen in einer friedlichen, sommerlichen Landschaft, während sich im Fluss dahinter junge Leute beim Schwimmen vergnügen. Die durch die Wasserbrechung verzerrten Körper verraten eine genaueste Naturbeobachtung. Die festliche Zeremonialkleidung der Damen und Herren im Vordergrund hebt sich davon ab und siedelt sie gleichsam in einer Kunstwelt an – obwohl auch sie einen Sport betreiben: die Falkenjagd. Im Hintergrund erhebt sich die turmreiche Silhouette einer der Residenzen des Duc de Berry.
Im Halbrund über den jeweils rechteckigen Bildern sind die den Monat beherrschende Planetengottheit und das betreffende Sternzeichen zu sehen. Der Hintergrund mit astronomisch-astrologischen Hinweisen ist – wie das intensive Blau in den Bildern – mit kostbarstem Lapislazuli gemalt (der damals teuersten Farbe der Welt).
Sogar die bäuerlichen Tätigkeiten in anderen Monatsblättern (wie etwa im März oder Juli) sind in extrem verfeinertem Stil gemalt. Wie tanzend gehen die Menschen ihrem harten Alltag nach und bewegen sich feingliedrig in perspektivisch schlüssigen Räumen. Jedes noch so kleine Detail – und davon gibt es in jedem Bild unzählig viele – ist genau beobachtet und doch von einer überirdischen Feiertagsstimmung erfüllt. Es wirkt so, als könnten wir Betrachtende in diese längst vergangene Welt unmittelbar eintauchen und daran teilhaben.
Zusätzlich enthält das Werk acht ungewöhnliche Einzelbilder, wie etwa „Der anatomische Mensch“, „Die Hölle“ oder „Plan von Rom“, die vermutlich im ursprünglichen Konzept nicht vorgesehen waren. Eingefügt ist auch ein Thema, das in Stundenbüchern unüblich ist: der Garten Eden mit der Verführung Evas durch die Schlange und der Vertreibung aus dem Paradies, das als Gebirgsmassiv über den Wolken erscheint.
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Die Très Riches Heures als einzigartiges Kunstwerk: Geschichte, Künstler und symbolische Bildsprache
In insgesamt 121 Miniaturen entfaltet sich eine faszinierende Welt des Mittelalters im Format 29 x 21 cm: mit Alltagsszenen, zeittypischer Kleidung, stimmungsvollen Landschaften und zeitgenössischer Architektur. Nach 1410 und mit Ergänzungen um 1485 ist ein Codex entstanden, der heute zu Recht als eine der schönsten jemals geschaffenen Handschriften gilt. Insgesamt umfasst er 208 Blätter auf hochwertigem Pergament: neben den Miniaturen noch reiche Goldverzierungen, bunte Initialen und feines Rankenwerk. Trotz der Vielzahl an Künstlern (darunter die berühmten Gebrüder Limburg und Jean Colombe) wirkt das Buch erstaunlich einheitlich – wie eine Synthese aus höfischem Stil, niederländischen und italienischen Einflüssen sowie der Pariser Buchmalerei.
Besonders neuartig war die Verbindung höfischer Szenen mit einem religiös geprägten Stundenbuch für den privaten Gebrauch. Ebenso ungewöhnlich war die Berücksichtigung persönlicher Wünsche des Auftraggebers, des Herzogs von Berry – etwa durch die exakte Darstellung seiner Schlösser oder seiner Neujahrsfeiern. Neu auch, dass das Bild gegenüber dem Text eine Eigenständigkeit gewinnt, die es vorher nicht hatte. Die damals beliebten Stundenbücher enthielten Texte aus dem Gebetskanon der Kirche, zur Marien- und Heiligenverehrung, den Passionszyklus sowie Psalmen und waren dem Gebrauch von Laien angepasst. Sie erfüllten nicht nur religiöse Bedürfnisse der Andacht und Meditation, sondern auch eine ausgeprägte individuelle Schaulust.
„Der Tierkreiszeichenmann - Homo signorum“ im Stundenbuch „Les Très Riches Heures du Duc de Berry“. Foto: © IMAGO / MAXPPP
Einer der größten Sammler von Kunstwerken an der Wende vom 14. zum 15. Jahrhundert – und einer der fanatischsten Büchernarren der Geschichte überhaupt – war der Herzog Jean von Berry, einer der vier Söhne Johanns II. des Guten, des Königs von Frankreich. Er gab mindestens 15 Stundenbücher in Auftrag, von denen heute noch sechs erhalten sind – eben auch die Très Riches Heures („die sehr reichen Stunden“). Und alle sechs – eine „kleine“ Sensation in der ohnehin schon „sensationellen“ Ausstellung – sind in Chantilly zu sehen, zum ersten Mal seit dem Tod des Herzogs (1416) und der Zerstreuung seiner Sammlungen.
Die Très Riches Heures als Höhepunkt
eines goldenen Zeitalters der Kunst
Im Zentrum der Schau stehen natürlich die 26 Blätter mit ihren Miniaturen sowie zwei illuminierte Bücher, die alle zwei Wochen umgeblättert werden. Die Très Riches Heures sind nicht nur ein absolutes Meisterwerk, sondern auch der Höhepunkt eines goldenen Zeitalters der Kunst und des fürstlichen Mäzenatentums – und ein Symbol für ein damaliges Europa des Wohlstands und des regen Austauschs von Formen und Ideen. In der Ausstellung sind ergänzend auch zahlreiche Werke zu sehen, die dem Herzog von Berry gehörten: Gemälde, Skulpturen, Manuskripte, Goldschmiedearbeiten und Stickereien. So entfaltet sich das Panorama einer der prächtigsten und innovativsten Perioden der Kunst des Mittelalters.
Dass diese fantastischste aller noch existierenden Handschriften jetzt überhaupt öffentlich zu sehen ist, haben wir der Tatsache zu verdanken, dass sie dringend restauriert werden – und deshalb in Einzelblätter zerlegt – werden musste. Diese Gelegenheit ließ sich auch der renommierte Faksimile-Verlag nicht entgehen, davon eine streng limitierte Auflage von 800 Exemplaren als perfekte und täuschend echte Faksimile-Edition im Originalformat und mit goldgeprägtem Einband herauszugeben.
Jedes Faksimile entsteht in einem aufwändigen Prozess (zwei bis vier Jahre), der modernste Reproduktionstechniken mit jahrhundertealter Handwerkskunst und wissenschaftlicher Recherche verbindet. So werden Meisterwerke zugänglich, die in den Sammlungen der Welt unter speziellen Bedingungen verwahrt werden und – wenn überhaupt – nur hinter Panzerglas und unter besonderen Lichtbedingungen betrachtet werden können.
Wer nach Chantilly reist, sollte unbedingt auch das Musée Condé im Schloss besuchen, das nach dem Louvre in Paris wichtigste Museum für alte Kunst in Frankreich. Es beherbergt nicht nur eine der glanzvollsten Bibliotheken des Landes, sondern besitzt auch eine der wertvollsten Handschriftensammlungen mit etwa 1.500 Manuskripten, davon rund 200 reich illuminierte Werke.
Dazu passt dann auch noch ein Besuch der „Bibliothèque Nationale“ in Paris, die zu den größten der Welt zählt. Denn hier wurden schon seit 1666 die königlichen Bestände gesammelt, die seitdem natürlich unaufhörlich weitergewachsen sind. Unbedingt anschauenswert: der helle, beeindruckende Lesesaal mit seinen hellblauen Lampenschirmen, der noch heute zu den schönsten seiner Art zählt und seit 2022 wieder für die Öffentlichkeit zugänglich ist.
Karl Honorat Prestele
Die Ausstellung „Les Très Riches Heures du Duc de Berry" läuft bis 05. Oktober 2025 im Jeu de Paume des Schlosses Chantilly in Frankreich. Hier können Sie online Karten reservieren.
Der prachtvoll illustrierte Katalog ist ein Standardwerk zur berühmten Handschrift, kostet 69 Euro und ist im Belser Verlag erschienen.



