Achtsamkeit
20.06.2026

Meditation

Gott im Körper spüren: Wie Meditation den Glauben vertiefen kann

Der Franziskaner Johannes Küpper leitet Meditationen an. Er erklärt, wie wir Gott in unserem Körper spüren können. Vielleicht kommen wir dadurch auch unseren Mitmenschen näher.
    


Samstagvormittag im Meditationsraum eines katholischen Klosters in Berlin. Mit 20 anderen Menschen sitze ich im Kreis, unter mir eine kleine Holzbank. Ich bin müde von der Arbeitswoche. So geht es vielen hier – das sagen sie in der Vorstellungsrunde.

Für die nächsten sechs Stunden werden wir nicht mehr miteinander sprechen, sondern schweigen und bei unserem Atem oder dem Gefühl unserer Hände sein. Kann man Gott im eigenen Körper spüren? Diese Frage hat mich zu diesem Meditationstag geführt.

Der Franziskaner Johannes Küpper, der den Tag leitet, beantwortet sie mit einem klaren Ja. Begeistert spricht er darüber, dass der eigene Körper eine Verbindung zum Himmel sein kann. Dass Gott in unserem Leib wohnt, sei eine der wichtigsten Erfahrungen seines Lebens gewesen. Er habe sie vor Jahrzehnten beim Ausdruckstanz gemacht, später in der Meditation. „Gott ist in jedem Schritt“, sagt er. „Ich kann mich gar nicht ohne Gott bewegen.“

Die Meditation beginnt. Bruder Johannes lädt uns ein, den Kontakt unseres Körpers zum Sitz wahrzunehmen. Ich spüre, wie mein ganzes Gewicht auf der Holzbank ruht. Sie hält mich – und plötzlich entspannen sich einige Muskeln in meinem Rücken. Ich bin überrascht. Ist das schon eine göttliche Erfahrung? „Es fängt damit an, ein Gefühl für sein Inneres zu bekommen und seinem Leib zu vertrauen“, erklärt Bruder Johannes später. Gott habe den Menschen nicht nur erschaffen, sondern sei auch in ihm gegenwärtig.

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Gott durch Atem und Körper wahrnehmen

Im nächsten Schritt sollen wir unseren Atem wahrnehmen: an der Nasenspitze oder in Brust und Bauch, die sich weiten und wieder zusammenziehen.

Ich sitze da, aufmerksam und still, nehme das Ein- und Ausströmen der Luft wahr – und staune, wie unwichtig plötzlich all die Probleme werden, die mich beschäftigen. Der Atem kommt und geht von allein. Ich atme, ich bin am Leben und fühle Dankbarkeit.

„Gott macht sich durch Bewegungen bemerkbar“, sagt Bruder Johannes. Atem und Herzschlag seien Verbindungen zum Leben. „Ich kann nicht aufhören zu atmen, es atmet mich, und darin ist Gott.“

Am Nachmittag stehen wir auf. Bruder Johannes leitet die acht Bewegungen der Wirbelsäule an. Beim Einatmen neige ich meinen Rücken zu den Seiten, nach vorne oder hinten, oder drehe ihn. Es sind alltägliche Bewegungen, die ich sonst kaum bewusst wahrnehme. Jetzt mache ich sie langsam und aufmerksam. Das Stehen auf den Füßen beendet für Augenblicke die Gedanken in meinem Kopf. Ich bin ganz hier.

Auch andere Teilnehmer berichten später, dass sie mehr bei sich selbst angekommen seien. „Wenn ich mich im Rhythmus des Atems bewege, fühle ich mich verbunden mit dem Leben und mit Gott“, sagt Bruder Johannes. Im Alltag macht er diese Übungen nach dem Aufstehen, bevor er sich zum Beten auf seine Meditationsbank setzt.

Später sitzen wir wieder in Stille. „Wenn du in Gedanken bist, kannst du immer wieder zum Leib zurückkehren“, sagt er. Das hilft mir. Mein Kopf ist oft woanders. Wenn ich das bemerke, richte ich meine Aufmerksamkeit wieder auf den Atem. Zu Hause wäre ich längst aufgestanden, hätte etwas anderes begonnen oder die Wohnung aufgeräumt. Hier nicht. Gemeinsam Stille zu halten, scheint leichter zu sein als allein.

Bruder Johannes erklärt nun das Jesusgebet. Wer möchte, kann den Namen Jesu oder einen Satz wie „Jesus, erbarme dich meiner“ oder „Jesus, ich vertraue dir“ mit dem Atem verbinden und still wiederholen.

Ich versuche es, doch es gelingt mir nicht. Also kehre ich zum Atem zurück. Bruder Johannes erzählt später, dass ihm das Jesusgebet besonders in Zeiten seelischer oder körperlicher Schmerzen hilft: „Dann halte ich mich am Namen Jesu fest.“

Bruder Johannes Küpper Bruder Johannes Küpper Foto: © Franziskaner

Anregungen von Bruder Johannes Küpper 

  • Geh in die Natur und verlangsame dein Schritttempo.
  •  Nimm die Räume deines Leibes wahr, besonders Atem und Herzschlag. Sie sind ein Geschenk Gottes. 
  •  Mache leichte, wiederholende Bewegungen im Rhythmus des Atmens und verbinde sie mit einem Gebetswort, etwa „Jesus“ beim Ausatmen und „Christus“ beim Einatmen. 
  •  Wiederhole bei Schmerzen kurze Gebete wie: „Jesus, ich vertraue dir.“ 
  •  Halte beim Sport einen Moment inne. Vielleicht spürst du Dankbarkeit für Bewegungen, die wie von selbst gelingen.


Wie Meditation die Beziehung
zu Gott und anderen stärkt

In den Wochen nach dem Meditationstag baue ich einige der Übungen in meinen Alltag ein. Bevor ich morgens das Haus verlasse, mache ich die Bewegungen der Wirbelsäule, sitze in Stille auf meinem Gebetshocker und achte auf meinen Atem. Wenn ich zu Fuß unterwegs bin, nehme ich meine Schritte auf dem Boden bewusst wahr.

Bin ich Gott dadurch nähergekommen? Zumindest fühle ich mich stärker mit dem Leben verbunden und bin oft dankbar, am Leben zu sein. Viele Sorgen beeindrucken mich weniger als früher. Sie erscheinen kleiner. Dafür sind mir meine Mitmenschen näher. Je häufiger ich aus meinen Gedankenschleifen herauskomme, desto aufmerksamer kann ich für andere sein.

Viele Teilnehmer berichten am Ende des Meditationstages, sie fühlten sich lebendiger, freier oder ruhiger als zuvor – und mitfühlender gegenüber anderen Menschen. Einige sprechen Fürbitten für Menschen in Kriegsgebieten und Flüchtlingslagern. Mir scheint: Wer ganz bei sich und seinem Körper ist, findet nicht nur zu Gott, sondern auch zu seinen Mitmenschen.

Zur Person

Bruder Johannes Küpper, Jahrgang 1963, trat 1986 in den Franziskanerorden ein und wurde 1995 zum Priester geweiht. Im Franziskanerkloster Berlin-Pankow hat er die HalteStille eingerichtet – einen Ort der Einkehr und Stille für Menschen aus der Großstadt.

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Barbara Dreiling
Artikel von Barbara Dreiling
Redakteurin der Verlagsgruppe Bistumspresse in Osnabrück
Barbara Dreiling ist ist unter anderem für Kulturthemen zuständig.