Glaubenswelten
13.08.2025

800 Jahre Sonnengesang des heiligen Franziskus

Vor 800 Jahren dichtete der heilige Franziskus seinen „Sonnengesang“, einen Hymnus auf Gottes wunderbare Schöpfung, in der er diese zugleich zum Lobpreis ihres Erschaffers auffordert. In viele Sprachen übersetzt, gehört das Gebet heute zur Weltliteratur.
    

„Sonnengesang des heiligen Franziskus“, Mosaik von Schwester Ludgera Haberstroh (Kloster Reute), 1979, im Innenhof der Kapuzinerkirche Liebfrauen in Frankfurt/Main. „Sonnengesang des heiligen Franziskus“, Mosaik von Schwester Ludgera Haberstroh (Kloster Reute), 1979, im Innenhof der Kapuzinerkirche Liebfrauen in Frankfurt/Main. Foto: © SMB/Ertl

„Er setzte sich hin und begann nachzusinnen und dann zu sprechen: ,Höchster, allmächtiger, guter Herr‘. Und er schuf einen Gesang zu diesen Worten und lehrte ihn seine Gefährten vorzutragen.“ Es sind wenige und schlichte Zeilen, die man in den franziskanischen Quellenschriften findet, wenn man etwas zur Entstehung des „Cantico delle Creature“ (Loblied der Geschöpfe) oder „Cantico di frate sole“ (Lied von Bruder Sonne), kurz: zum „Sonnengesang“ des heiligen Franziskus (1181/82–1226) sucht. Es ist Gebet, Gedicht und Lied in einem und die wohl berühmteste Schöpfung eines der berühmtesten Heiligen unserer Kirche.

Franziskus' Sonnengesang inspiriert bis heute

Ursprünglich in Altitalienisch verfasst, ist der Sonnengesang zugleich das wichtigste Zeugnis für die Volkssprache des 13. Jahrhunderts in Italien. Übersetzungen und Vertonungen sind Legion. Schriftsteller, Dichter, Komponisten und bildende Künstler fühlten sich seit seiner Entstehung vor 800 Jahren von diesem Text inspiriert und setzen sich bis heute kreativ mit ihm auseinander. 

Papst Franziskus stellte die Anfangsworte „Laudato si’, mi’ Signore – Gelobt seist du mein Herr“, programmatisch an den Beginn seiner 2015 erschienenen zweiten Enzyklika, die durch dieses Incipit auch ihren Titel „Laudato si’“ erhielt. In seinem zweiten Satz führt der Papst aus: „In diesem schönen Lobgesang erinnerte er (= der heilige Franziskus) uns daran, dass unser gemeinsames Haus wie eine Schwester ist, mit der wir das Leben teilen, und wie eine schöne Mutter, die uns in ihre Arme schließt: ,Gelobt seist du, mein Herr, durch unsere Schwester, Mutter Erde, die uns erhält und lenkt und vielfältige Früchte hervorbringt und bunte Blumen und Kräuter.‘“ (LS, 1).

Wer schon einmal die Heimat des „poverello“, des kleinen Armen aus Assisi, besucht und die anmutige grüne Landschaft Umbriens gesehen hat mit den Bergen und Hügeln, den im Wind wiegenden Feldern und Blumenwiesen und den schattigen Wäldern und Bächen, der kann auch heutzutage noch eine (zumindest leise) Ahnung davon gewinnen, warum Franziskus genau hier der Schöpfung Gottes ein unvergängliches literarisches Denkmal setzte.
     

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Der Sonnengesang

Höchster, allmächtiger, guter Herr,
dein sind das Lob, die Herrlichkeit und Ehre 
und jeglicher Segen.
Dir allein, Höchster, gebühren sie,
und kein Mensch ist würdig, dich zu nennen.

Gelobt seist du, mein Herr,
mit allen deinen Geschöpfen,
zumal dem Herrn Bruder Sonne,
welcher der Tag ist und durch den du uns leuchtest.
Und schön ist er und strahlend mit großem Glanz:
Von dir, Höchster, ein Sinnbild.

Gelobt seist du, mein Herr,
durch Schwester Mond und die Sterne;
am Himmel hast du sie gebildet,
klar und kostbar und schön.

Gelobt seist du, mein Herr,
durch Bruder Wind und durch Luft und Wolken
und heiteres und jegliches Wetter,
durch das du deinen Geschöpfen Unterhalt gibst.

Gelobt seist du, mein Herr,
durch Schwester Wasser,
gar nützlich ist es und demütig und kostbar und keusch.

Gelobt seist du, mein Herr,
durch Bruder Feuer,
durch das du die Nacht erleuchtest;
und schön ist es und fröhlich und kraftvoll und stark.

Gelobt seist du, mein Herr,
durch unsere Schwester, Mutter Erde,
die uns erhält und lenkt
und vielfältige Früchte hervorbringt
und bunte Blumen und Kräuter.

Gelobt seist du, mein Herr,
durch jene, die verzeihen um deiner Liebe willen
und Krankheit ertragen und Drangsal.
Selig jene, die solches ertragen in Frieden,
denn von dir, Höchster, werden sie gekrönt.

Gelobt seist du, mein Herr,
durch unsere Schwester, den leiblichen Tod;
ihm kann kein Mensch lebend entrinnen.
Wehe jenen, die in tödlicher Sünde sterben.
Selig jene, die er findet in deinem heiligsten Willen,
denn der zweite Tod wird ihnen kein Leid antun.

Lobt und preist meinen Herrn
und dankt ihm und dient ihm mit großer Demut.

Übersetzung: Leonhard Lehmann OFMCap

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Gottes Troubadour

Franziskus wird (nicht nur, aber vor allem) wegen des Sonnengesangs gern als „Spielmann“ oder „Troubadour Gottes“ bezeichnet – so wie jene mittelalterlichen Komponisten, Dichter und Sänger höfischer Lieder, hauptsächlich im südlichen Frankreich zwischen dem 11. und 13. Jahrhundert. Von Jugend an schwärmt er für Minnegesang, Ritterromane und Lyrik, spricht und singt Französisch. Sein Geburtsname ist Giovanni, aber sein Vater, der Tuchhändler Pietro Bernardone, nennt ihn „Francesco“, was so viel wie „der kleine Franzose“ bedeutet, weil er sich während einer Reise in Frankreich befand, als Franziskus geboren wurde. Sein Leben lang hatte dieser viel Gespür dafür, wie man den Wohlklang der Worte durch den Zauber der Musik mehren konnte.

Doch anders, als der frohe und heitere Grundton vermuten lässt, verfasste den Sonnengesang nicht ein agiler und im Vollbesitz seiner Kräfte stehender, sondern ein kranker und vom Tod gezeichneter Mann. Nach einem Bericht seiner engsten Gefährten soll Franziskus „kurz vor seinem Hinscheiden dieses ,Loblied des Herrn auf seine Geschöpfe‘“ gedichtet haben, „um die Herzen derer, die es hörten, zum Lobe Gottes anzuspornen und damit der Herr von allen in seinen Geschöpfen gelobt werde“. 

Die heutige franziskanische Forschung datiert den Entstehungszeitpunkt in den Winter 1224/25, als der Heilige aufgezehrt, fast erblindet und mit den Wund-malen gezeichnet in einem kalten und armseligen Unterschlupf bei den Ordensfrauen um Klara in San Damiano liegt. Er ist wieder am Anfangsort seiner Berufung angelangt, bei dem von ihm selbst wiederhergestellten Kirchlein, in dem das Kreuz seinerzeit das „Geh hin, stelle mein Haus wieder her“ zu ihm sprach. Äußerlich fast aller Möglichkeiten beraubt, ist Franziskus der Verzweiflung nahe, tiefe Gottesverlassenheit ergreift ihn, dazu kommen permanente Schmerzen. Der Todkranke wird hier vollkommen zum inneren Menschen. In tiefster körperlicher wie seelischer Dunkelheit vernimmt er für sich plötzlich die Zusage: „Meines Reiches Brautpfand ist deine Krankheit und als Preis der Geduld erwarte sicher und gewiss das Erbteil an diesem Reich.“

Tiefe Gotteserfahrung

Und so dichtet Franziskus die berührenden Strophen, hebt an zum achtmal wiederholten „Gelobt seist du, mein Herr!“. Seine jubelnde Antwort auf die göttliche Heilszusage lautet: „Höchster, allmächtiger, guter Herr, dein sind das Lob, die Herrlichkeit und Ehre und jeglicher Segen“. Im altitalienischen Original lauten die ersten Worte „Altissimu, omnipotente, bon Signore“ – darin verbirgt sich das Alpha und Omega, das Christusmonogramm. Der Sonnengesang ist also einerseits der Hymnus auf Gottes wunderbare Schöpfung, zugleich auch Antwort auf eine tiefe Gotteserfahrung, verbunden mit der Annahme der eigenen Schwäche, Krankheit und Sterblichkeit. 

Die 33 Zeilen im Original (ein Hinweis auf die in der Tradition überlieferten 33 Lebensjahre Christi?) gliedern sich in zehn Strophen – eine Einleitungs- und Schlussstrophe und acht dazwischen, in denen Sonne, Mond, Sterne, Wind, Wasser, Feuer und die Erde als „Bruder“, „Schwester“ und „Mutter“ angerufen werden. Hier kommt der „universale“ Zug in der Spiritualität des heiligen Franziskus zum Ausdruck. Er schließt nichts aus, sondern alles ein, um Gott zu loben. Man fühlt sich ein wenig an das „Benedicite“ der Jünglinge im Feuerofen (Dan 3,57–88a) erinnert oder auch an die Psalmen 19, 104 oder 148, die alle die Schöpfung loben. Franziskus kannte diese Texte natürlich vom Stundengebet her. Dennoch ist der Sonnengesang sein eigenständiges und persönliches Werk.

Dies wird besonders auch durch die beiden letzten Strophen ersichtlich, die Friedensstrophe, die er nach späteren Quellen erst hinzufügte, als er von einem Streit zwischen dem Bischof und dem Bürgermeister seiner Vaterstadt Assisi erfuhr. So krank Franziskus auch war, er hatte Mitleid mit beiden, zumal niemand einen Vermittlungsversuch unternahm. Daraufhin schickte er je zwei seiner Mitbrüder zu den verfeindeten Männern, ließ sie den Sonnengesang mit der neuen Strophe vorsingen und lud so zur Versöhnung ein. Den Berichten zufolge sollen die beiden Autoritäten daraufhin tief bewegt aufeinander zugegangen sein und sich gegenseitig vergeben haben.

Predigen und Gottes Lob singen

Mit dieser Geschichte wird zudem deutlich, dass Franziskus sein Werk nicht nur als persönliches Lobgebet verstand, sondern auch als „Predigtlied“, das seine Mitbrüder, die in dieser Mission durch das Land zogen, begleiten und zugleich mit ihm verbinden sollte: „Er wollte, dass der Prediger nach Beendigung des Lobliedes zum Volk sagte: ,Wir sind die Spielleute des Herrn und wollen dafür von euch damit belohnt werden, dass ihr in wahrer Buße verharrt‘“, heißt es in den ältesten franziskanischen Schriften. Das Predigen und der Lobgesang werden hier zugleich als die zwei ursprünglichen franziskanischen Aufgaben benannt.

Die Strophe von „Schwester Tod“ („sora nostra morte corporale“) soll Franziskus noch in den letzten Tagen seines Lebens angefügt haben. Dass er den Geschwister-Begriff bis auf den Tod ausdehnt, ist etwas Neues in der christlichen Spiritualität. Franziskus verherrlicht Gott durch die Fähigkeit, Frieden zu stiften, Krankheit zu akzeptieren und den Tod anzunehmen, ja zu be-grüßen. Zu seiner Zeit wurde der Tod ausschließlich negativ und als finsterer Krieger, Räuber oder Herrscher dargestellt. Franziskus macht ihn zur Schwester, die den vertrauenden Menschen hinüber ins nie ver-löschende Licht und Leben geleitet.

Bis zum heutigen Tag vollziehen alle franziskanischen Gemeinschaften am Abend des 3. Oktober, dem Todestag ihres Ordensvaters, einen eigenen Wortgottesdienst, den sogenannten „Transitus“, im Gedenken an Franziskus’ „Hinübergang“. Auch der Sonnengesang erklingt hierbei, wie vor 800 Jahren, als ihn Gottes Toubadour erstmals anstimmte – als Lob auf Gott, der alle Geschöpfe gut erschaffen und miteinander verbunden hat, und als Aufforderung an den Menschen, sein Leben mit dem Schöpfer und der Schöpfung in Einklang zu bringen. 

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Florian Ertl
Artikel von Florian Ertl
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